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Einsame Abende zu Hause: Das ist Teil der Corona-Notbremse. Ob das Sinn ergibt, ist wissenschaftlich fraglich. (Symbolbild) Bild: iStockphoto / Vasya Nagirnyak

Meinung

Ausgangssperren wegen Corona: Warum diese Maßnahme die Lage verschlimmern könnte

Ein Samstagabend im Prenzlauer Berg in Berlin: Die Straßen sind voll. In regelmäßigen Abständen laufen einem junge Menschen mit Bierflaschen in den Händen entgegen, zu zweit, zu dritt, manchmal auch zu viert. Vor einem Späti sitzen eine Frau und zwei Männer und rauchen, ihre Hunde schauen desinteressiert zu. Auf einer kleinen begrünten Fläche tummeln sich die Schatten, von irgendwo her wabert ein dumpfer Beat durchs Gebüsch.

Beim Anblick dieser Szene könnte man kaum glauben, dass gerade eine globale Pandemie wütet. Der Corona-Inzidenzwert in der Hauptstadt liegt bei 114, bundesweit sogar bei 136. Beeindruckt zeigen sich die Städter an diesem Abend nicht davon – obwohl es eigentlich mittlerweile untersagt ist, ab neun Uhr abends in Begleitung außerhalb des eigenen Haushalts unterwegs zu sein.

Die Ausgangssperre gilt in Berlin erst seit wenigen Tagen. Mittlerweile ist sie Teil der bundesweiten Corona-Notbremse: Am Dienstag haben Bund und Länder beschlossen, wenn eine Stadt oder ein Landkreis die 7-Tage-Inzidenz von 100 überschreitet, dürfen die Einwohner zwischen 21 und 5 Uhr dort nicht mehr ohne unaufschiebbaren Grund vor die Tür gehen.

Viel Erfolg zeigten Ausgangssperren bisher nicht

Schon andere Bundesländer haben sich an einer Ausgangssperre versucht, um so das Infektionsgeschehen in den Griff zu bekommen: in Baden-Württemberg zum Beispiel, wo die Maßnahme allerdings im Februar vom Landesgericht wieder gekippt worden ist. Oder in Bayern, wo die 7-Tage-Inzidenz trotz Ausgangssperre mit 153 weit über dem bundesweiten Durchschnitt liegt. Ob diese Maßnahme tatsächlich zur Senkung des Infektionsgeschehens beiträgt, ist bisher nicht eindeutig geklärt.

Brauchen wir nun wirklich die Ausgangssperren, um die Pandemie wieder in den Griff zu kriegen? Oder ist die Überlegung dazu nicht ein weiteres Zeichen dafür, wie ratlos die Regierenden dem Infektionsgeschehen mittlerweile gegenüberstehen?

Führende Aerosolforscher des Landes kritisieren die aktuelle Corona-Politik von Bund und Ländern jedenfalls. Christof Asbach, Präsident der Gesellschaft für Aerosolforschung, sagte dazu:

"Leider werden bis heute wesentliche Erkenntnisse unserer Forschungsarbeit nicht in praktisches Handeln übersetzt."

In einem offenen Brief haben er und seine Kolleginnen und Kollegen sich am Montag an Bundeskanzlerin Angela Merkel gewandt. Schließungen von Parks oder Ausgangssperren halten die Aerosolforscher für falsch.

Die Corona-Gefahr lauert drinnen

In Maßnahmen wie Maskenpflicht im Freien sehen die Forscher eher einen symbolischen Charakter, finden die meisten Ansteckungen mit Corona doch eher in Innenräumen statt. Das zeigt auch eine Studie aus Irland: Dabei wurden mehr als 200.000 Infektionen untersucht. Nur 0,1 Prozent davon hätten im Freien stattgefunden.

"Drinnen lautert die Gefahr", so die Aerosolforscher. Und ironischerweise könnte sich genau die verstärken: Zum jetzigen Zeitpunkt, wo alle nach Monaten des Lockdown unwahrscheinlich Corona-müde sind, werden sie wahrscheinlich nicht brav um 21 Uhr heim gehen, um alleine zu netflixen.

In meinem Bekanntschaftskreis kenne ich kaum jemanden mehr, der sich noch vollständig an die Corona-Regeln hält. Es ist nicht so, dass meine Freunde sich kopflos in die nächste Corona-Party stürzen. Es wird hier und da allerdings ein bisschen gebogen. Dann macht man zur Not eben schnell noch einen Corona-Test und trifft sich doch mit einem Haushalt mehr.

Und wer kann es vor allem jungen Menschen auch verübeln? Viele von uns sind gerade erst in Erwachsenenleben gestartet, haben eine Ausbildung oder ein Studium begonnen, sind für den neuen Job an einen neuen Ort gezogen – und kämpfen nun seit einem Jahr mit der sozialen Isolation. Weder Videocalls noch soziale Medien können das auf Dauer auffangen. Das Letzte, was geblieben ist, sind die Treffen auf Armlänge Abstand und die ewigen Spaziergänge auch durch Wind und Wetter, wenn es sein muss.

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Das Tempelhofer Feld in Berlin ist immer gut besucht. An den meisten Stellen lassen sich die Abstände jedoch gut einhalten. Bild: www.imago-images.de / Andreas Friedrichs

Die Pyjamapartys sind vorprogrammiert

Mit den neuen Maßnahmen samt Ausgangssperren sollten wir uns auf eine Welle von Pyjamapartys einstellen – die selbstverständlich drinnen stattfinden werden. Und das, obwohl es langsam wieder wärmer wird und man bequem draußen sitzen könnte, ohne sich einem nennenswerten Ansteckungsrisiko auszusetzen. Wenn sich nun auch die Aerosolforscher des Landes zusammenschließen, um gegen die Unwissenschaftlichkeit der Ausgangssperren zu protestieren, schürt das in der Bevölkerung im schlimmsten Fall weitere Zweifel am Corona-Krisenmanagement der Regierung.

"Die Einschätzung der Aerosolforscher ist völlig richtig", sagt auch Epidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon-Hochschule in Berlin gegenüber watson. Draußen sei das Übertragungsrisiko "sehr, sehr niedrig", vor allem im Vergleich mit Situationen in Innenräumen. Der Epidemiologe gibt allerdings zu bedenken:

"Aber viele Menschen gehen raus, um irgendwo anders reinzugehen (und dort dann möglicherweise Menschen aus anderen Gruppen zu treffen). Um das zu begrenzen, könnten Ausgangssperren durchaus hilfreich sein."

Es klingt natürlich sinnvoll, eine Ausgangssperre zu verhängen, um am Ende auch volle U-Bahnen oder nächtliche Besuche bei Freunden zu vermeiden. Aber wäre es dann nicht besser, die U-Bahn-Fahrten mithilfe von Luftfiltern sicherer zu machen, mehr Tests zu ermöglichen, die Impfkampagne schneller voranzutreiben?

Ulrichs jedenfalls befürchtet genau das, was ich im Bekanntschaftskreis beobachte: dass die Anti-Corona-Maßnahmen unterlaufen werden könnten. Er sagt, es sei unabdingbar, "dass die Maßnahmen zum Begrenzen der dritten Welle möglichst von allen mitgetragen werden. Regelungen sind ja nur eine Hilfestellung, durch richtiges individuelles Verhalten die Virusausbreitung zu bekämpfen."

Dass wir diese Regelungen brauchen, auch schärfere als in den vergangenen Monaten, daran besteht kein Zweifel. Die Infektionszahlen drohen, weiter zu steigen. Erst am Dienstag warnten Intensivmediziner davor, dass bis Ende April bis zu 6000 Intensivbetten von Corona-Patienten belegt sein könnte. Das wäre ein neuer Höchststand, den wir uns angesichts der Lage nicht leisten können.

Wir müssen Innenräume Corona-sicher machen

Das Risiko, sich draußen mit Corona anzustecken, ist natürlich nicht weg. Wir erinnern uns an das Fußballspiel im Februar 2020 in Bergamo, bei denen Fans draußen feierten, sich gegenseitig in den Armen lagen – und so mutmaßlich die Pandemie in der Provinz angeheizt haben. Sofern man sich aber nicht auf einen Handbreit Abstand gegenseitig ins Gesicht grölt, sondern die AHA-Regeln auch an der frischen Luft befolgt, ist es deutlich sicherer, sich draußen aufzuhalten.

Oberste Priorität sollte nun sein, Innenräume Corona-sicher zu machen, an denen sich mehrere Menschen gemeinsam aufhalten müssen. Dazu gehören Wohnanlagen jeglicher Art, Schulen und Kitas und der öffentliche Verkehr. Dort benötigen wir Luftfilter, Lüftungskonzepte, Wechselmodelle, Impfungen, eine ausgefeilte Teststrategie – kurzum all die Maßnahmen, die schon seit Beginn der Pandemie angedacht, teilweise auch umgesetzt werden, aber eben nach wie vor nicht flächendeckend funktionieren.

Und ja, jegliche Treffen in Innenräumen, die nicht notwendig sind, sollten jetzt eigentlich vom Tisch sein. Eigentlich. Einfacher, solche Treffen zu vermeiden, wäre es, wenn man sie auch in den Abendstunden nach draußen verlagern dürfte.

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