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Der Professor für Virologie, Hendrik Streeck, will ein Ampelsystem für den Umgang mit Corona einführen. bild: ARD/Screenshot

"Finden Sie das nicht riskant?" Nach Aussage von Virologe Streeck muss Anne Will nachhaken

Ein halbes Jahr nach Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland fragen sich viele, wie es nun im Herbst weitergehen soll. Hat Deutschland die richtige Strategie, wie geht es weiter? Darüber diskutierten die Gäste bei "Anne Will" am Sonntagabend. Dabei ging es um das Vertrauen der Bevölkerung, einen Strategiewechsel im Umgang mit dem Virus und Fußball.

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Die Gäste bei "Anne Will" (v.l.n.r.): Ranga Yogeshwar, Frank Ulrich Montgomery, Malu Dreyer, Hendrik Streeck und Marina Weisband. bild: ARD/Screenshot

In Frankreich und Spanien steigen die Zahlen der Neuinfektionen mit Covid-19 wieder stark an. In Israel ist bereits der zweite Lockdown im Gange. Und während Amsterdam und Wien zu Risikogebieten erklärt wurden, hält sich Deutschland noch gut. Obwohl auch hier die Zahlen wieder ansteigen, wird in einigen Bereichen wieder mehr gelockert – wie zuletzt beim Fußball. Malu Dreyer (SPD), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, ist der Meinung, dass unser "regionales Vorgehen sehr erfolgreich" gewesen sei.

"Wir haben die Lage ziemlich gut im Griff. Und ich unterschätze die Gefahr dabei nicht. Wir können mit Zuversicht in die Zukunft schauen. Das sage ich, ohne das Virus zu verharmlosen."

Malu Dreyer

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Malu Dreyer (SPD) schaut auch in der Pandemie zuversichtlich in die Zukunft. bild: ARD/Screenshot

Frank Ulrich Montgomery, Vorstandsvorsitzender des Weltärztebundes, ist nicht ganz der Meinung der SPD-Politikerin: Er plädiert dafür, dass bundeseinheitlich Maßnahmen beschlossen, die dann jedoch regional umgesetzt werden sollen. Wenn eine bestimmte Obergrenze an Neuinfektionen zu gewissen Maßnahmen führen sollte, dann sollen sich auch alle Länder daran halten. Das sei bisher nicht so umgesetzt worden. Was den Fußball betrifft, bleibt er streng: Dem Fußballbetrieb einen Freifahrtschein zu erteilen, hält der Mediziner für "zu gefährlich".

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Frank Ulrich Montgomery glaubt, dass die Pandemie sich in einer "Dauerwelle" befinde. bild: ARD/Screenshot

"Wir müssen der Bevölkerung klarmachen, dass wir noch lange nicht aus der Pandemie raus sind. Wir haben eine 'Dauerwelle' der Pandemie."

Frank Ulrich Montgomery

Montgomery ist der Meinung, dass wir weiterhin streng sein müssen im Umgang mit den Corona-Maßnahmen, damit "die zweite Welle nicht bricht und an ihrer Schaumkrone eine Menge Menschen stirbt". Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn, sieht es nicht ganz so streng wie der 68 Jahre alte Radiologe. "Wenn jemand ein gutes Hygienekonzept vorlegt, dann müssen wir uns Gedanken machen, ob das nicht ausprobiert werden kann", sagt der Mediziner dazu. "Keiner weiß, wie es wirklich geht, niemand hat die eine Lösung, wir müssen also ausprobieren."

Anne Will hakt beim Virologen nach

Seiner Meinung nach hätte ein Konzert in Düsseldorf, das vor 13.000 Menschen hätte stattfinden sollen und bei dem auch Sarah Connor hätte auftreten wollen, nicht unbedingt abgesagt werden müssen: "Die hatten ein gutes Konzept". Man hätte die Teilnehmenden testen können, das Ganze "wissenschaftlich begleiten" können. Da muss Moderatorin Anne Will dann nachhaken: "Finden Sie das nicht riskant? Testen am lebenden Objekt und Gefahr laufen, dass sich 13.000 Menschen infizieren und auch einen schweren Krankheitsverlauf haben?"

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Moderatorin Anne Will mit dem Virologen Hendrik Streeck. bild: ARD/Screenshot

Mit dem guten Konzept, das dort vorgelegt wurde, würde man "kein Leben riskieren", sagt der 43-Jährige dazu. Im Nachhinein hätte man alle getestet und somit die Infektionsketten nachvollziehen können. Er fragt: "Was ist die Alternative?" Das Virus sei ein Teil unseres Lebens. Er hält es für "unseriös" allein auf den "Impfstoff zu hoffen". "Sollen wir es mit angezogener Handbremse versuchen oder das Leben auf Pause setzen?"

Montgomery hält dagegen, dass es sich in der Medizin bei solchen Tests um "Studien" handele – und diese folgen nicht nur festen Regeln. Die Menschen müssten auch darüber aufgeklärt werden, dass sie an einer Studie teilnehmen. Ebenso müsse ein Ethikkonzil mit einbezogen werden.

Marina Weisband, Autorin und politische Aktivistin, macht sich dabei noch um andere Sachen Sorgen. Noch sei die Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung in Deutschland groß und die meisten würden an einem Strang ziehen. Doch was passiert, "wenn die Katastrophe länger wirkt?" "Je länger es dauert, desto größer ist der Schaden", erklärt die ehemalige Piraten-Politikerin. Sie schlägt vor, die Bürger zu beteiligen, indem Räte gebildet werde aus zufällig ausgewählten Menschen, die sich mit Experten über Maßnahmen und Konzepte austauschen.

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Marina Weisband sorgt sich um das Vertrauen der Bevölkerung zur Politik. bild: ARD/Screenshot

Auch die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz sieht das so. Dort soll genau an solch einer Idee gearbeitet werden: "Wir müssen mit der Bevölkerung in permanentem Kontakt sein. Wir müssen die Bevölkerung einbeziehen und fragen, was ihnen wichtig ist." Hendrik Streeck will stattdessen einen Strategiewechsel anstreben und nicht mehr allein die Infektionszahlen als Grundlage für die Maßnahmen betrachten. Er plädiert für ein Ampelsystem für unterschiedliche Regionen in Deutschland. Bei diesem System sollen mehr Daten berücksichtigt werden als bisher. Die Ampel gibt dann Auskunft darüber, wie die Gefahr in einer Region derzeit ist und welche Maßnahmen zu ergreifen sind – so, dass die Bevölkerung diese nachvollziehen kann.

Ein solches fünfstufiges Ampelsystem gäbe es bereits in Island, fügt Weisband hinzu, die die Idee gut findet. Auch Dreyer ist eine "absolute Befürworterin" eines solchen Systems. In Rheinland-Pfalz soll bereits daran gearbeitet werden. Sie hält das für wichtig, um "das Vertrauen der Bevölkerung zu stärken". Die Politikerin macht auch noch einmal klar, dass der Großteil der Bevölkerung die Entscheidungen der Politik mittrage und Vertrauen habe. Dass man dieses aber nicht verspielen dürfe und somit auf größtmögliche Transparenz setzen müsse.

"Kommunikation ist eine Daueraufgabe während Corona."

Malu Dreyer

So endet ein ruhiger Abend bei "Anne Will". Mit ein paar Ideen zum Umgang mit der Kommunikation in Bezug auf das Virus. Zwar nannte Weisband, dass Schulen und Kitas Luftfilteranlagen für die kälteren Monate bräuchten, doch weitere Vorgehensweisen wurden an diesem Abend kaum getroffen. Wie gehen wir mit Bars, Restaurants, dem Sport, anderen Einrichtungen um, wenn es bald kälter wird und wir dichter beisammen sind? Antworten hierauf blieben ungeklärt.

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