Hairdresser with security measures for the covid-19, new normality, social distance. Drying the hair of a client with a mask

Friseure durften relativ früh wieder ihre Arbeit aufnehmen – unter gewissen Bedingungen. Nach der "Notbremse" sind diese noch schwerwiegender. Bild: iStockphoto / Unaihuiziphotography

"Die Testpflicht ist eine Hürde mehr": Friseurin schildert, wie sich die Notbremse auf ihr Geschäft auswirkt

Claudia Schieder

Eigentlich sah es für die Friseure besser aus als für viele andere Betriebe im Lockdown: So konnten Salons schon Anfang März wieder Kunden frisieren und damit versuchen, ihre Verluste aus dem Pandemiejahr 2020 ein wenig aufzufangen.

Diese Entwicklung ist momentan allerdings ins Stocken geraten, wie zahlreiche Salonbesitzer berichten – der Grund dafür ist die Testpflicht. In Regionen mit einer Inzidenz über 100 ist für den Friseurbesuch durch die Bundes-Notbremse seit Ende April ein aktueller, negativer Corona-Test Pflicht. Für viele Kunden scheint diese zusätzliche Hürde (neben Masken-, Abstands- und Terminpflicht) eine zu viel zu sein. Sie kommen einfach gar nicht mehr.

Ein Ärgernis. Und ein unnötiges noch dazu, findet Friseurin Claudia Schieder, die den Friseur- und Kosmetiksalon "Glanzhaft" im bayerischen Pressath leitet. Ihre Kunden und ihr Team verstehen schon lange nicht mehr, wer sich wann testen lassen muss. Bei watson berichtet die 37-Jährige von überforderten Senioren und bis zu 40 Prozent Einkommenseinbußen.

Wir haben uns nach dem langen Lockdown im Winter sehr gefreut, wieder in den Betrieb starten zu können. Aber die neue Testpflicht beim Friseur macht es uns momentan echt schwer. Viele Kunden haben keine Lust auf einen Corona-Test, nur, um sich die Haare schneiden zu lassen. Andere wiederum schaffen es einfach nicht, sich einen aktuellen Test zu beschaffen und sagen ihre Termine dann kurzfristig ab.

Seit der Testpflicht können wir kaum mehr einschätzen, wie viele Leute an einem Tag bei uns absagen. Durch das ganze Prozedere haben wir nicht nur Einkommenseinbußen, sondern auch einen enormen zusätzlichen Arbeitsaufwand. Als die Testpflicht Ende April eingeführt wurde, mussten wir zum Beispiel jeden einzelnen unserer Kunden mit Termin anrufen, um ihn darüber aufzuklären. Das hat Stunden gedauert.

"Viele Kunden haben keine Lust auf einen Corona-Test, nur, um sich die Haare schneiden zu lassen."

Auch jetzt steht das Telefon nie still. Viele rufen an und fragen nach, wie denn nun die aktuellen Regelungen heute sind, denn bei uns in Bayern ist die Testpflicht inzidenzabhängig und an den Landkreis gebunden: Steigt die Inzidenz über 100, ist ein maximal 24 Stunden alter, negativer Schnelltest vorzulegen – sinkt sie wieder, können die Kunden einfach so kommen.

Wenn Kunden aus benachbarten Landkreisen bei uns auftauchen, wird es richtig kompliziert. Denn unter Umständen gilt bei ihnen zwar keine Testpflicht, beim Standort unseres Salons aber schon. Es ist leider mehr als einmal vorgekommen, dass wir Menschen deshalb vor unserer Tür wieder wegschicken mussten.

Selbst die Apotheker wissen nicht weiter. Die haben als Notlösung schon Kunden mit Laien-Schnelltests zu uns geschickt, was wir aber nicht beaufsichtigen können. Denn dann müssten wir fast eine halbe Stunde mit dem Kunden zusammen draußen vor dem Salon schauen, ob der Test auch ordnungsgemäß durchgeführt wird. Das ist ein Aufwand, den wir, bei aller Liebe, weder zeitlich noch personell leisten können.

Die Kunden müssen sich jetzt sehr gut organisieren, um zeitlich passend zu ihrem Friseurtermin auch einen Coronatest zu haben. Für viele ist das einfach zu aufwändig, die verzichten dann lieber auf einen Besuch. Hier in unser eher ländlichen Gegend gibt es erschwerend nur wenige Testzentren mit begrenzten Öffnungszeiten und das ist vor allem für die Berufstätigen und die älteren Menschen ein Problem.

"Berufstätige sagen oft kurzfristig ab, weil sie es einfach nicht mehr vor der Arbeit zu einem Testzentrum geschafft haben."

Manchmal fühlt man sich als Friseur ein wenig wie eine Corona-Beratungsstelle, wenn die Senioren anrufen und von uns wissen möchten, wie sie überhaupt an einen Test kommen. Viele von ihnen sind nicht im Internet und brauchen einen Fahrer, um zu den entsprechenden Anlaufstellen in Nachbarorten zu gelangen. So ein Friseurbesuch muss jetzt also von langer Hand organisiert werden. Berufstätige sagen oft kurzfristig ab, weil sie es einfach nicht mehr vor der Arbeit zu einem Testzentrum geschafft haben.

Man kann den Kunden nicht mal böse sein. Viele von ihnen sind sehr verständnisvoll und sie nehmen die Umstände in Kauf, um zu uns zu kommen und uns so zu unterstützen. Wir selbst sind ja ebenso überfordert von diesem Wirrwarr. Jeden Tag schauen wir erst einmal, was es an neuen Verordnungen gibt und alleine den typischen Behördensprech zu durchdringen, ist gar nicht so leicht. Den Sinn dahinter verstehe ich auch nicht, schließlich hatten wir auch vor der Testpflicht nicht einen einzigen Corona-Fall bei uns im Salon. Meines Erachtens haben die Maßnahmen wie FFP-2-Masken, Abstandswahrung und Nachverfolgung völlig ausgereicht.

"Eine Kollegin hat allein durch die Testpflicht 40 Prozent Einnahmeeinbußen verzeichnet. Das erschreckt mich."

Die Testpflicht ist nur noch eine Hürde mehr, die uns Kunden wegnimmt. Einige Menschen kommen schon aus Prinzip nicht mehr, weil sie sich nicht testen lassen wollen und gegen die Maßnahmen sind. Wieder andere gehen uns verloren, weil Kosmetikbehandlungen und Maniküren untersagt sind. Noch können wir uns trotz des Kundenschwunds über Wasser halten, aber wenn das noch Monate andauert, wird es auch für uns eng. Eine Kollegin hat allein durch die Testpflicht 40 Prozent Einnahmeeinbußen verzeichnet. Das erschreckt mich.

Ich würde mir wünschen, dass die Testpflicht wieder aufgehoben wird und uns keine weiteren Steine in den Weg gelegt werden. Die Maskenpflicht ist ausreichend und wird von jedermann verstanden und gut angenommen, nur wegen der Tests bleiben viele Kunden weg. Das ist besonders schade, weil ich doch jeden Tag sehe, wie gut es den Leuten tut, mal rauszukommen und sich schön machen zu lassen. Das ist wie ein Kurzurlaub und momentan für viele wichtiger denn je.

Protokoll: Julia Dombrowsky

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