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In Deutschland sind anlässlich des globalen Klimastreiks über 400 Demonstrationen geplant, weltweit sogar über 2500. Bild: www.imago-images.de / Rüdiger Wölk

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Fridays for Future nach Corona-Pause zurück auf der Straße: "Dieselbe Symbolpolitik wie vor 20 Jahren"

fridays-for-future-sprecher

Am heutigen 25. September ruft Fridays for Future erneut zum globalen Klimastreik auf – mehr als 400 Demonstrationen sind allein in Deutschland geplant, weltweit sind es über 2500. In einem Gastbeitrag bei watson erklären die FFF-Sprecherinnen und -Sprecher Quang Paasch, Annika Rittmann, Dalila Nouame, Christina Schliesky, Asuka Kähler und Fabia Klein, warum sie heute streiken. Sie rufen dazu auf, den Klimawandel umfassend und international zu denken – und auch die Menschen, die direkt von der Energiewende betroffen sind, nicht zu vergessen. Nachdem Fridays for Future in der Vergangenheit vorgeworfen wurde, den sozialen Aspekt der Energiewende zu vergessen, lautet das Motto nun: Um eine Lösung für alle zu finden, müssen auch alle an einem Strang ziehen.

"Das Aufschieben von Klimaschutz und Energiewende ist ein weltweites Problem."

Seit Jahren brüstet sich Deutschland als eines der fortschrittlichsten Länder in Sachen Energieindustrie. Doch die Scheinwelt, die sich Deutschland zusammenreimt, ist nichts als die Symbolpolitik einer Industrienation, die sich dem Profit verschrieben hat. Nicht nur Deutschland hat den Wandel der Energieindustrie und damit einer gänzlichen, rechtzeitigen Abkehr von fossilen Brennstoffen verschlafen. Das Aufschieben von Klimaschutz und Energiewende ist ein weltweites Problem.

Wir müssen uns jedoch im Klaren sein: Eine umfassende Energiewende darf weder rein ökologisch gedacht werden, noch national. Sie muss intersektional und international gedacht werden. Rein ökologisch betrachtet wäre es ausreichend, einfach die Kraftwerke abzuschalten, die Minen stillzulegen, Windräder und Solarpanels aufzustellen – fertig. Aber was passiert dann mit den Menschen, deren Existenz von der Kohleindustrie abhängt? Was passiert mit den Menschen, vor allem im globalen Süden, die durch die Kohleindustrie massive Menschenrechtsverletzungen erfahren haben? Sie würden einfach vergessen werden. Dass das nicht gerecht ist und auf keinen Fall passieren darf, sollte selbstverständlich sein.

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Alle zwei Wochen melden sich Aktivistinnen und Aktivisten von Fridays for Future in einem Gastbeitrag bei watson zu Wort, um zu zeigen: Wir können noch etwas gegen den Klimawandel tun – wenn wir jetzt handeln. bild: watson

Daher brauchen wir eine intersektionale, klimagerechte und folglich auch internationale Lösung. Es reicht nicht, die Schuld weiter auf Länder zu schieben, die betroffen sind. Industriestaaten als Abnehmer dieser aus Kohle gewonnen Energie sind gerade in der Verantwortung, sich für Gerechtigkeit, die Achtung sowie die Wahrung unserer Menschenrechte einzusetzen.

Die Menschen, deren Arbeitsplätze wegfallen, sowohl hierzulande als auch in anderen Nationen, müssen geschützt werden. Und zwar nicht, indem Konzernen Millionen als Entschädigung gezahlt werden. Das Geld muss direkt an Betroffene gehen. Entweder direkt vom Staat, oder dieser muss den Konzern zwingen, für seine ehemaligen Arbeiter und Arbeiterinnen zu sorgen. Auch eine Unterstützung bei Umschulungen sollte verpflichtend sein.

"Die ökologische Krise und das Dilemma um die Arbeitsplätze dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, wie es die Politik gerne tut."

Fridays for Future wird häufig vorgeworfen, den sozialen Aspekt zu vergessen. Er muss aber beachtet und mitgedacht werden. Die ökologische Krise und das Dilemma um die Arbeitsplätze dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, wie es die Politik gerne tut. Es muss eine gemeinsame Lösung gefunden werden, die beide Probleme gleichermaßen behandelt.

Und ein solcher Ansatz muss in allen Bereichen verfolgt werden. Denn nicht nur die ehemaligen Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen müssen geschützt und entschädigt werden, sondern auch jene Menschen, die durch den Bau von Kohleminen vertrieben worden sind, die Menschen, die in diesen Minen als Zwangsarbeitskräfte ausgebeutet wurden – Stichwort Blutkohle. Besonders Regionen im globalen Süden dürfen nicht als umgegrabene, tote Landschaften mit einer unterdrückten Bevölkerung zurückgelassen und vergessen werden.

Gerade hier sind wohlhabende Industrienationen gefragt, jene Länder sowie ihre Menschen abzuholen und ihnen die Möglichkeit zu geben, auf längere Sicht unabhängig zu werden und für sich selbst zu sorgen. Doch bevor das geschehen kann, müssen wir endlich Verantwortung zeigen und alle mit ins Boot holen. Andere auf einem langen und anstrengenden Weg andere zurückzulassen, darf nicht zu unserer Politik gehören.

"Es macht uns wütend, dass wir heute noch immer ein und dieselbe lächerliche Symbolpolitik an den Tag legen wie schon vor 20 Jahren."

Wenn wir das Steuerrad jetzt noch herumreißen wollen, kann das nur gehen, wenn wir gemeinsam, Hand in Hand, diese Wende vorantreiben. Von kritischer Seite hören wir, dass bestimmte Sektoren nicht einfach wegbrechen dürften. Eine Verschiebung der benötigten Sektoren innerhalb einer sich entwickelnden Gesellschaft ist jedoch völlig normal. Sie abzutun und zu verweigern hat nicht nur fatale Folgen auf den Klimawandel, sondern genauso auf unsere Gesellschaft und Wirtschaft. "Altertümliches" Wirtschaften mag in den nächsten zwei Jahren vielleicht noch möglich sein, wenn wir aber mit der Zeit gehen wollen und nicht gegen sie, dann müssen wir einsehen, dass die Wirtschaft von gestern nicht die Zukunft von heute sein kann.

Es macht uns wütend, dass wir heute noch immer ein und dieselbe lächerliche Symbolpolitik an den Tag legen wie schon vor 20 Jahren. Jetzt nicht zu handeln bedeutet Rückschritt! Der Wettlauf mit der Zeit hat vor Jahren begonnen und den Start hat unsere Regierung erfolgreich verpasst. Sich jetzt jedoch auszuruhen und sich darauf zu berufen, es würde nun nicht mehr helfen, anzufangen, ist falsch. Dieses obsolete, in den Köpfen der Industrie sowie der Politik verankerte Denken steht unserer Zukunft im Weg und öffnet dem Klimawandel gleichermaßen Tür und Tor.

So müssen wir uns jetzt im Klaren sein, dass eine Energiewende nur dann wirkungsvoll ist, wenn wir alle gemeinsam an einem Strang ziehen, intersektional und international an Lösungen arbeiten – und zwar schnell.

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