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Vom Topmodel zur Unternehmerin: Stefanie Giesinger. bild: watson

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"Modeindustrie ist ein schrecklicher Ort": Wie sich "GNTM"-Siegerin Stefanie Giesinger verändert hat

2014 gewinnt Stefanie Giesinger "Germany's next Topmodel" – und landet damit auf Laufstegen und Magazin-Covern. Die Mission der damals 17-Jährigen: gut aussehen. Mittlerweile ist Giesinger 24 und will, dass auch andere gut aussehen: In den Teilen der Modemarke Nu-In, die sie und ihr Freund mitgegründet haben. Und dabei möglichst wenig der Umwelt schaden.

Dass sie es damit ernst meint, zeigt Giesinger auf dem Grenntech-Festival in Berlin. Drei Tage lang präsentiert sie dort Teile ihrer Denim-Kollektion aus recyceltem Jeansstoff, lächelt unermüdlich in Kameras und auf Instagram-Videos und trifft sich mit anderen Gründerinnen und Gründern.

Dabei war ihr der Nachhaltigkeitsgedanke vor wenigen Jahren selbst noch fremd, sagt die 24-Jährige im Interview mit watson. Erst während einer krankheitsbedingten langen Auszeit beschäftigte sie sich mit der Welt, in der sie als Model zu Hause ist – und beschloss, etwas zu ändern. Im Interview erklärt Giesinger, wie der Sprung vom Topmodel zur Unternehmerin gelingt, warum sie nachts manchmal wach liegt, weshalb Heidi Klum ein Vorbild ist und welchen Tipp sie ihrem jugendlichen Ich mit auf den Weg geben würde.

"Ich habe erst nach und nach angefangen, mich damit auseinanderzusetzen, was die Modeindustrie so anstellt – und das ist leider nichts Gutes, es ist eigentlich ein schrecklicher Ort, vor allem für die Nachhaltigkeit."

watson: Du hast hier auf dem Festival einen Stand mit deiner recycelten Denim-Kollektion, aber wie voll ist denn dein Kleiderschrank Zuhause? Wie viele Jeans liegen da drin?

Stefanie Giesinger: Ich bin nicht stolz darauf, aber mein Kleiderschrank ist ziemlich voll. Das summiert sich mit den Klamotten meines Freunds – wir tragen so gut wie die gleichen Sachen, wir teilen uns vieles. Aber ich habe schon auch sehr viele Sachen über die Jahre angesammelt. Ich weiß nicht genau, wie viele Jeans ich habe, aber es sind sehr viele.

Und wie viele davon sind nachhaltig produziert?

Nicht besonders viele. Die einzigen nachhaltigen Jeans die ich habe sind von Nu-in. Mein Interesse an nachhaltiger Mode ist erst im letzten Jahr gekommen. Ich habe zwar schon immer versucht, mich zu informieren, wo ich nachhaltige Sachen bekomme, aber ehrlich gesagt hat das nie meinem Style entsprochen. Levis hat mal nachhaltige Jeans produziert, die habe ich auch, aber ansonsten finde ich das total schwer.

Wie kommt es, dass du dich jetzt mehr damit beschäftigst?

Ich ernähre mich seit mehreren Jahren vegan und habe das eigentlich nur wegen dem Tierleid gemacht. Aber dann bin ich darauf gestoßen, wie sehr das auch der Umwelt hilft. Ich habe ja schon jahrelang in der Modeindustrie gearbeitet nach meinem "GNTM"-Sieg, und erst nach und nach angefangen, mich damit auseinanderzusetzen, was die Modeindustrie so anstellt – und das ist leider nichts Gutes, es ist eigentlich ein schrecklicher Ort, vor allem für die Nachhaltigkeit.

"Ich habe realisiert, in welcher Industrie ich arbeite und was ich unterstütze."

Ein ziemlicher Sinneswandel. Was war der Auslöser?

Ich hatte letztes Jahr eine schreckliche Zeit. Wenn ich zurückblicke, ist es natürlich ein gutes Jahr, weil ich mich sehr verändert habe. 2018 hatte ich eine sehr schwere OP – ich habe ja die Krankheit Malrotation – und musste mehrere Monate zu Hause liegen. Ich hatte also Zeit, meine Karriere und mich aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Ich habe realisiert, in welcher Industrie ich arbeite und was ich unterstütze. Mir ist bewusst geworden, dass ich ein Vorbild für so viele junge Menschen bin. Und habe mich gefragt: Wer bin ich, für was stehe ich? Ich bin noch nicht fertig mit meiner Entwicklung, ich bin gerade erst 24 geworden, aber ich versuche, das Richtige zu machen.

Deshalb hast du beschlossen, eine nachhaltige Modemarke zu gründen?

Mein Freund Marcus und ich wollten eigentlich eine Unisex-Brand gründen und ich habe darauf bestanden, dass sie nachhaltig ist. Durch Zufälle sind wir auf unseren CEO Mike getroffen, der hatte damals schon die Vision, Nu-in zu gründen. Wir haben gemerkt, wir können damit so viel mehr bewirken als mit einer kleinen Unisex-Marke und haben uns entschieden, all unsere Zeit und Energie in Nu-in zu stecken.

Wie könnt ihr fair produzierte und nachhaltige Jeans für 39,99 Euro anbieten?

Faire Mode von anderen Labels ist deutlich teurer… Ich glaube, der sehr bezahlbare Preis ist der Aspekt, den die Menschen am skeptischsten betrachten. Aber wir haben das Glück, in Fabriken zu produzieren, die mit der neuesten Technologie arbeiten. Unsere Seamless-Klamotten sind beispielsweise aus 100 Prozent recyceltem Material und werden nur maschinell hergestellt. Die Produktivität muss gesteigert, die Kleidung schnell produziert werden. Man kann inzwischen vieles maschinell machen, natürlich trotzdem mit menschlicher Arbeit kombiniert. Wir versuchen auch immer, unsere Materialien in großen Massen zu kaufen, so dass wir ein Material an vielen Orten und in vielen Kleidungsstücken verwenden können.

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Watson-Redakteurin Franziska Türk traf Stefanie Giesinger auf dem Greentech-Festival in Berlin. bild: watson

Ihr wurdet dafür kritisiert, dass ihr anfangs nicht nur recycelte und recycelbare Materialien verwendet habt, sondern auch neues Polyester.

Ja, anfangs haben wir recyceltes Material gemischt mit neuem Polyester, was ein Riesen-Fehler war – wir sind nicht stolz darauf, aber jeder macht mal Fehler. Wir haben unsere Marke kurz nach dem Corona-Einbruch gelauncht. Unsere Fabrik konnte das eigentliche Material nicht mehr beziehen, also haben wir das Material genommen, das vor Ort war. Aber in Zukunft versuchen wir nicht nur recycelte Materialien zu verwenden, sondern auch recycelbare. Unser Ziel ist es, eine zirkulierende Industrie zu schaffen, in der gar keine neuen Materialien mehr hergestellt werden.

Wie hast du den Sprung vom Topmodel zur Unternehmerin geschafft? Wurdest du gleich ernst genommen in deiner neuen Rolle?

Man muss sich auf jeden Fall durchboxen. Du bist ja auch eine Frau, du kennst das – man wird immer ein bisschen belächelt, vor allem, wenn man Unternehmerin ist oder sein möchte. Das ist leider immer noch ein Riesen-Unterschied zu einem Mann. Aber generell ist mir das total egal. Es ist das Wichtigste, dass man nicht nur auf den Gegenwind hört – auch wenn Kritik super wichtig ist, um daran zu wachsen – aber man muss sich selbst vertrauen.

Gibt es ein Projekt, das du gerne noch in Angriff nehmen würdest?

Veganes Essen, vegane Snacks, die aber auch nachhaltig sind, zu guten Konditionen hergestellt wurden und die nicht um die halbe Welt gereist sind, bevor sie bei uns auf dem Teller landen.

"Vor zwei Jahren bin ich so viel geflogen, wenn ich mir das jetzt angucke, denke ich: Mein Gott, musste das sein?"

Nachhaltige Produkte sind nicht immer billig. Hast du Tipps, wie man auch mit kleinem Budget nachhaltig leben kann?

Weniger ist mehr: Versuche eher, zu reduzieren, als immer mehr zu kaufen. Man sollte einfach bewusster leben, kleine Schritte machen, sich immer wieder fragen: Brauche ich das wirklich? Von null auf hundert zu gehen, kann frustrierend sein. Aber schon Müll trennen und recyceln ist ein wichtiger Anfang. Ich habe viele Freunde, mit denen ich mich schon in die Flicken bekommen habe, weil sie nicht viel Wert auf Recycling oder Mülltrennung legen. Aber ich finde es so cool, dass im nächsten Jahr Single-Use-Plastic verboten wird, damit bewegen wir uns auf jeden Fall in die richtige Richtung.

Als Model, Influencerin und Unternehmerin lässt es sich aber vermutlich nicht vermeiden, viel zu fliegen.

Ja, vor zwei Jahren bin ich so viel geflogen, wenn ich mir das jetzt angucke, denke ich: Mein Gott, musste das sein? Damals habe ich mir noch gar nicht so viele Gedanken gemacht. Auch jetzt haben sich schon wieder viele Jobs im Ausland angesammelt. Ich versuche inzwischen, so viel wie möglich mit dem Zug zu reisen, aber das ist total schwer. Dann sagt man eben auch viele Jobs ab, hat dann aber auch viel weniger Reichweite und kann weniger das vorantreiben, was man vorantreiben möchte.

Gibt es in der Insta-Welt inzwischen generell ein Umdenken hin zu mehr Nachhaltigkeit?

Auf jeden Fall. Gerade durch Corona, dadurch, dass alle mal stehenbleiben, die Welt aus einer anderen Perspektive betrachten und merken, dass man gar nicht so viel braucht, dass man gar nicht immer um die ganze Welt reisen muss. Aber es ist halt die Industrie, jeder verdient anders Geld, egal ob Politiker, Businessleute, Redakteure, man fliegt halt um die Welt. Aber dann finde ich es wichtig, dass man manche Flüge überdenkt und nur die macht, die man wirklich machen muss wenigstens.

"Diversität wird immer mehr zelebriert und das ist wunderschön."

Die Castings für die neue Staffel "Germanys next Topmodel" sind vor kurzem zu Ende gegangen. Diesmal liegt der Fokus auf Diversität.

Ja, zum Glück!

Da hat sich viel getan, seit du in der Show mitgemacht und gewonnen hast, oder?

Die Modeindustrie hat sich zum Glück zu einem sehr viel positiveren Ort entwickelt, Diversität wird immer mehr zelebriert und das ist wunderschön. Ich finde es total mutig von Heidi, denn sind wir mal ehrlich: Wir leben immer noch in einer Gesellschaft, in der es noch nicht normal ist, Diversität willkommen zu heißen.

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Mit ihrem Freund Marcus Butler hat Stefanie Giesingerdas Label Nu-in mitgegründet. bild: watson

Was hast du aus deiner Topmodel-Karriere in dein heutiges Leben mitgenommen? Welche Tipps haben dir Heidi und die anderen Juroren gegeben?

Was ich damals gelernt habe, ist Interviews zu geben und vorsichtig zu sein mit den Worten, die man wählt, denn alles kann einem im Mund herumgedreht oder falsch verstanden werden. Ich habe gelernt, authentisch zu sein – es nützt nichts, sich zu verändern oder etwas zu sagen, das man gar nicht lebt. Man muss einfach ehrlich sein mit sich selbst und der Außenwelt.

"Es ist schwer, erwachsen zu werden und sich selbst zu finden, wenn dir so viele Menschen dabei zuschauen und alles bewerten."

Welchen Tipp würdest du rückblickend deinem 17-jährigen Ich geben?

Ich würde sagen: Weniger Social Media, vergleiche dich weniger! Und ich würde mir den Tipp geben, erst später damit anzufangen, in der Öffentlichkeit zu stehen. Es ist schwer, erwachsen zu werden und sich selbst zu finden, wenn dir so viele Menschen dabei zuschauen und alles bewerten.

Lässt du das mittlerweile weniger an dich ran?

Ich fühle mich noch immer total unter Druck gesetzt, gerade durch Social Media. Ich versuche, immer wieder Pausen einzulegen, aber man vergleicht sich ja trotzdem, schaut auf die Kommentare. Dadurch, dass ich weiß, dass ich ein Vorbild bin, versuche ich, alles so gut wie möglich zu machen. Aber das geht nicht immer. Manchmal kann ich deswegen gar nicht einschlafen. Das Gute ist, dass ich einen Freund habe, der das nachvollziehen kann – er war sechs Jahre lang Youtuber. Da habe ich so einen Respekt vor Heidi, ich weiß nicht, wie sie das seit so vielen Jahren macht.

Wie meinst du das?

Gerade als deutscher Star im Ausland bekommt man so viel negative Presse. Ich finde es cool, dass Heidi trotzdem sie selbst bleibt und nicht an sich herumzerren lässt. Da ist sie ehrlich gesagt ein Vorbild für mich.

Wirst du das Fernsehen irgendwann links liegen lassen, um Fulltime-Unternehmerin zu werden?

Momentan nutze ich meine Bekanntheit dafür, um über Dinge zu sprechen, die mir wichtig sind. Aber in der Öffentlichkeit wird man immer bewertet, und das ist etwas, womit ich mich schwertue, deshalb möchte ich nicht ewig in der Öffentlichkeit stehen. Spätestens, wenn ich Familie habe, möchte ich mich zurückziehen. Aber momentan macht es mir noch Spaß!

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