Nach den von Nika Irani erhobenen Anschuldigungen gegen Samra trendete der Hashtag #deutschrapmetoo.

Nach den von Nika Irani erhobenen Anschuldigungen gegen Samra trendete der Hashtag #deutschrapmetoo. Bild: samra/Instagram

Nach Vorwürfen gegen Samra: Experte mit bitterer Prognose für die Deutschrap-Szene

Der Rapper Samra sieht sich aktuell schweren Anschuldigungen ausgesetzt: Vor wenigen Tagen berichtete die Youtuberin Nika Irani ausführlich bei Instagram, sie sei in einem Studio von ihm vergewaltigt worden. Als Reaktion darauf formte sich "#deutschrapmetoo", unter dem Hashtag erzählten weitere Frauen von Gewalterfahrungen innerhalb der Rap-Szene. Nicht zuletzt ein Post von Shirin David lenkte große Aufmerksamkeit auf das Thema. Sie kündigte an, eine positive Line über Samra auf einem kommenden Track nun zu streichen.

Schließlich meldete sich auch der Musiker zu Wort. Samra veröffentlichte zunächst ein schriftliches Statement und dann eine längere Story bei Instagram. Darin beteuerte er seine Unschuld und kündigte an, nun seinerseits die Behörden einzuschalten, um eine "unabhängige Aufklärung durch die Staatsanwaltschaft und Polizei" herbeizuführen. Nika Irani möchte die Polizei nicht einschalten, denn sie befürchtet nach eigenen Angaben, dass die Beamten ihr nicht glauben. Freilich gilt für Samra die Unschuldsvermutung, solange kein gerichtliches Urteil über den Fall gesprochen wurde.

Aufgrund sexistischer Lyrics vieler Künstler steht die Deutschrap-Szene allerdings seit Jahren in der Kritik. Nun liegt der Fokus der Debatte darauf, inwiefern Gewalt gegen Frauen auch ganz real hinter den Kulissen stattfindet. Rap-Pädagoge® Nico Hartung gab auf Anfrage gegenüber watson eine Einschätzung zu den momentanen Entwicklungen ab.

Experte nicht überrascht über #deutschrapmetoo

"Ich bin überhaupt nicht überrascht. Warum sollte es im Rap-Geschäft anders sein, als in anderen Branchen", meint Hartung angesprochen auf #deutschrapmetoo. Aus seiner Sicht wird hier ein wichtiges Phänomen angesprochen, welches in direktem Zusammenhang mit (künstlerischem) Ruhm und einem Gefühl der persönlichen Überlegenheit steht. Der Pädagoge erklärt dazu:

"Der selbst wahrgenommene Mehrwert durch populäres Dasein, gepaart mit einem historischen Chauvinismus. Was ich damit meine ist, dass Menschen dazu neigen, sich selbst zu überhöhen, wenn sie meinen, dass ihr Dasein allein der Grund ihrer Bekanntheit ist. Wenn nun auch noch eine gesellschaftliche Übereinkunft – und diese ist in Deutschland historisch belegbar – über ein schwaches Geschlecht (Frauen) vorhanden ist, dann kann die Paarung aus beiden Annahmen zu problematischen Situationen führen."

"Aber es betrifft nicht nur den deutschen Rap", stellt Hartung allerdings klar und betont, dass es jetzt eine Debatte geben müsse. Doch wie sieht es nun aus mit einem Zusammenhang zwischen frauenverachtenden Texten und realer Gewalt?

Diesen könne es durchaus geben, meint der Experte – obwohl es gemäß seiner Beobachtung im Deutschrap vor allem um Provokation, Images und Verkauf geht. Der verbindende Faktor dabei: "Diese Provokation ist auch häufig eine Überhöhung der eigenen Einstellungen und Wahrnehmungen der Welt."

Rapper sind demnach "insofern authentisch, als sie ihre Welt häufig – allerdings nicht so drastisch – so wahrnehmen, wie sie es beschreiben." Das Genre spiegele außerdem nicht lediglich die Künstler und Konsumenten, sondern die ganze Gesellschaft in provokativer Form wider. Dazu gehören natürlich auch die Missstände, wie Hartung hinzufügt:

"Gewaltverherrlichung und Frauenverachtung sind ein Manko unserer Gesellschaft und auch das überhöht der deutsche Rap."

Nico Hartung über Sexismus im Deutschrap

Keine Konsequenzen für den Deutschrap?

Ohne Verfahren gilt Samra vor dem deutschen Gesetz als unschuldig. Allein der Vorwurf der Vergewaltigung kann sein öffentliches Ansehen sowie auch das des Deutschrap insgesamt aber stark beschädigen. Nico Hartung glaubt daran jedoch nicht wirklich und urteilt über die Szene: "Ich glaube, sie leidet nicht so sehr darunter, wenn ich ehrlich bin."

 Shirin David bei der Pr

Auch Shirin David beteiligt sich an der aktuellen Debatte um sexuelle Gewalt. Bild: www.imago-images.de / gbrci

Der Experte ist bei seiner Prognose indes zwiegespalten: Zum einen sei es begrüßenswert, dass diese Debatte "endlich" geführt werde und sich auch Persönlichkeiten mit großer Reichweite wie Shirin David, Visa Vie oder Marcus Staiger äußern. Hartung erwartet ein "kurzes Aufatmen" innerhalb der Branche, danach werde "hoffentlich bewusster" weitergemacht. Zugleich gibt er allerdings zu bedenken: "Schon die ersten Reaktionen anderer Rapper lassen hier ja darauf schließen, dass noch nicht einmal dies passieren wird."

Damit bezieht sich Hartung beispielsweise auf Fler, der via Social Media ebenfalls ein Statement zum Fall Samra abgab. Er schrieb: "An jeden, der vorverurteilen muss: Einfach die Eier haben und denjenigen direkt anrufen! Oder Fresse halten!"

Nimo löscht nach Samra-Skandal seinen Song

Der Skandal hat jedoch auch dazu geführt, dass andere Rapper zumindest ihre Texte überdacht haben – so zum Beispiel Nimo, der nur wenige Tage nach den Vorwürfen gegen Samra den Track "Komm mit" releast hat, in dem Gewalt gegen Frauen aus Täter-Perspektive thematisiert wird.

Nimo und Universal haben jedoch schnell reagiert und den Song von allen Plattformen entfernt. Der Rapper selbst postete dazu ein Statement auf Instagram:

"Ich möchte mich an dieser Stelle auch persönlich von jeglicher körperlichen Gewalt an Frauen und Missbrauch distanzieren und mich bei denjenigen entschuldigen die meine Worte verletzt haben. Meine Herangehensweise bezüglich diesem Thema werde ich trotz künstlerischer Freiheit in Zukunft ebenfalls ändern, da spätestens jetzt klar wurde wie existent dieses Problem tatsächlich ist und ich dies keinesfalls befürworte!"

Rapper Nimo zur Löschung seines Songs "Komm mit"

Sexismus im Deutschrap: Hartung befürchtet Strohfeuer

Diese Reaktion ist womöglich jedoch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, Hartung selbst glaubt nicht zwingend an ein großes Erwachen der männlichen Deutschrapper. In Sachen Außenwirkung befürchtet er, dass wir aktuell lediglich ein Strohfeuer sehen und nimmt bei der Gelegenheit uns alle in die Pflicht: "Ich glaube, dass nun wieder einmal der verkürzte Blick in die Szene gewagt und dann wieder weggeschaut wird." Dabei denkt er vor allem an Farid Bang und Kollegah, die für gewaltverherrlichende, frauenfeindliche und Holocaust-verharmlosende Texte bekannt sind und sogar 2018 mit dem Musikpreis Echo ausgezeichnet wurden. Die Ehrung hatte damals für einen Eklat gesorgt, zahlreiche andere Künstler gaben ihre Preise zurück. Der Echo wurde daraufhin abgeschafft, jedoch erfreuen sich beide Rapper auch weiterhin großer Beliebtheit in Fan-Kreisen.

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