Umweltverschmutzung
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Ein Zug fährt vorbei an radioaktiven Abfällen von Fukushima. Bild: imago images / Kyodo News

Diese Atomlager bedrohen die Umwelt und Millionen Menschen

Egal ob in Russland, den USA, im Pazifik oder im Atlantik: Überall wird Atommüll gelagert. Es gibt jedoch bis heute kein einziges Endlager für hochradioaktive Abfälle. Weltweit. Viel schlimmer noch: Viele dieser provisorischen Lager sind tickende Zeitbomben für Umwelt und Mensch.

Dennis Frasch / watson.ch

Früher machte man es sich einfach. Nuklearer Abfall wurde verbuddelt, in Seen geworfen oder im Meer versenkt. Klappe zu, Affe tot.

Die Devise war klar: Bloß weg mit dem Atommüll.

Doch wohin? Jedes mögliche Lager stößt verständlicherweise immer, zumindest in dicht besiedelten Ländern wie Deutschland, auf massiven Widerstand der Bevölkerung. Wer will schon neben einem atomaren Endlager wohnen?

In Deutschland wird seit Jahren über Enddlager für den gefährlichen Müll diskutiert. Doch nicht überall auf der Welt wird so sorgfältig über die Lagerung von radioaktivem Material nachgedacht. Eine (unvollständige) Übersicht von radioaktiv verseuchten Gebieten, die die Umwelt und die Menschen bedrohen.

Deutschland

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Der atomare Abfall in Morsleben. Bild: imago images / photothek / Thomas Imo

Zunächst zu Deutschland: Im Gegensatz zu der Schweiz und Großbritannien wurden in Deutschland nur einmal Fässer mit Atom-Abfällen ins Meer geworfen, wie "Zeit Online" in einer Geschichte der "Endlager" berichtet. Im Mai 1967 wurde diese Art der Entsorgung im Atlantik "geprobt". Die "Probe" stieß allerdings auf großen Protest von Seiten der Hafenarbeiter und Gewerbeaufsicht.

Ab sofort konzentrierten sich Bund und Länder auf die Unterbringung in ehemaligen Salzlagerstätten. Eines der bekanntesten Bergwerke mit radioaktiver Füllung ist das in Morsleben. Der Morslebener Salzstock war zur NS-Zeit eine Rüstungsproduktionsstätte für KZ-Häftlinge, dann eine unterirdische Hühnerfarm. Bis 1998 wurde dort schwach verseuchter Müll eingelagert. Ab 2001 galt Morsleben aber als ein Sicherheitsrisiko. Im selben Jahr stürzte ein 5000 Tonnen schwerer Salzklotz von der Decke. Morsleben wird zum Sanierungsfall.

Der "Endlagermurks" geht weiter in Wolfenbüttel, genauer gesagt im ehemaligen Salzbergwerk Asse 2. Hier wird seit 1965 atomarer Müll gelagert, mehrere hundert Tonnen. Das Problem ist, dass hier seit 1988 Wasser einläuft, jeden Tag 12.000 Tonnen berichtet der NDR. Für vier Milliarden Euro muss jetzt der Müll zurückgeholt werden. Aber wohin damit?

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Lagerhallen im Atompark Gorleben Bild: imago images / photothek / Thomas Imo

Vielleicht Gorleben? In dem Atompark Gorleben sollte es, neben einem Zwischenlager und einer Konditionierungsanlage um Atommüll zu verpacken, auch ein Endlager geben. Als Endlager ist Gorleben jedoch ebenfalls nicht geeignet.

Seit 2017 geht die Suche nach einer geeigneten Endlagerstätte für Deutschland von Neuem los. Man sucht hier nach dem buchstäblichen "Weißen Fleck auf der Landkarte". Die Webseite "Tagesschau" stellt die derzeitigen Kandidaten vor, am Ende werden Bundestag und Bundesrat zustimmen müssen, sollte ein Ort als Endlager auserkoren werden.

Schweiz / Atlantik

Die Schweiz hat zwischen 1969 und 1982 insgesamt 5321 Tonnen Atommüll im Nordatlantik versenkt. Diese Praxis nannte sich "Verklappung". Der Gedanke dahinter war, dass sich die Fässer über die Jahre auf dem Grund des Ozeans zersetzen, die radioaktiven Stoffe von Sedimenten bedeckt und in den enormen Wassermassen des Atlantiks bis zur Unschädlichkeit verdünnt würden.

Wie die "NZZ" kürzlich berichtete, war es für 14 Staaten über 50 Jahre lang normal, ihren radioaktiven Abfall so zu entsorgen. Acht europäische Staaten benutzten dazu 15 Stellen vor der europäischen Westküste, bei den Kanarischen Inseln, in der Irischen See und im Ärmelkanal.

Allein im Nordatlantik sollen 222.000 Behälter mit mehr als 100.000 Tonnen Gewicht versenkt worden sein. Dabei sollte jedoch erwähnt werden, dass ein Großteil des Gewichts vom Beton herrührt, der zusammen mit dem Abfall in die Tonnen gemischt wurde. Auch wurde kein hochaktives Material, sondern lediglich schwach und mittelstark Beta-Gamma-strahlende und tritiumhaltige Abfälle versenkt.

Gemessen an der Strahlung belegt Großbritannien beim Atommüll im Nordatlantik Platz eins mit einem Anteil von 77,5 Prozent. Auf Platz zwei folgt die Schweiz mit 9,8 Prozent.

Auf der weltweiten Rangliste liegt die Schweiz auf Platz drei (5,2 Prozent) hinter Großbritannien (41,4 Prozent) und der Sowjetunion/Russland (44,8 Prozent).

Verschiedene Aufnahmen, die unter anderem von Greenpeace gemacht wurden, zeigten bereits im Jahr 2000 ausgelaufene Fässer auf dem Meeresboden. Ob die entronnenen radioaktiven Stoffe tatsächlich unbedenklich waren für die Umwelt, ist mehr als fraglich.

Frankreich / Südpazifik

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Hier wird 1997 ein Fass mit Nuklearabfällen vor der atomaren Wiederaufbereitungsanlage "La Hague" (Frankreich) gehoben. Bild: picture-alliance / dpa / epa AFP

Am 1. Juli 1966 verkündete Charles de Gaulle zur Überraschung der ganzen Welt, dass Frankreich aus der Nato austreten würde. Nur einen Tag später zündete die Grande Nation ihre erste Atombombe auf der Insel Mururoa in Französisch-Polynesien. 192 weitere Tests sollten folgen.

Die lokale Bevölkerung informierte man nicht über die Gefahren der radioaktiven Strahlung. Im Gegenteil: Frankreich rekrutierte rund 10.000 polynesische Hilfsarbeiter und errichtete eine Retortenstadt für sie. Dort konnten die Mitarbeiter während der Zeit der Tests leben. Sie kamen in den Genuss von zahlreichen Annehmlichkeiten, so konnten sie zum Beispiel ins Kino gehen oder Sport treiben.

Ein bisschen weniger annehmlich: Die polynesischen Hilfsarbeiter durften auch den radioaktiven Abfall nach den Explosionen beseitigen, notabene ohne Schutzkleidung.

Laut einem Bericht des "Spiegels" waren die Auswirkungen der französischen Atombombentests weltweit spürbar. Bis nach Südamerika war radioaktiver Fallout im Wasser nachweisbar. In Neuseeland stellte man hohe Dosen radioaktiver Jod-Isotope in der lokalen Milch fest.

Auf Tahiti kam es 1974 zwei Tage lang zu radioaktiven Regenfällen, woraufhin der Grenzwert für Plutoniumbelastung um das 500-Fache überschritten wurde. 1979 kam es aufgrund einer missglückten Sprengung zu einer Tsunami-Welle, die zahlreiche Menschen verletzte. Auch kam es zu einem dramatischen Anstieg von Fällen von Fischvergiftung.

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Das sind die Bauten für die Kernwaffentests in Französisch Polynesien. Bild: picture-alliance/ dpa / epa

Bis heute erkranken überproportional viele Bewohner Polynesiens an Leukämie und Schilddrüsenkrebs. Wohl auch, weil noch immer circa 15 Kilogramm Plutonium in der Lagune von Mururoa vermutet werden. Oder weil es 27 radioaktive Müll-Deponien auf den Inseln gibt.

Im Jahr 2010 wurde zwar ein Entschädigungsgesetz verabschiedet, dieses berücksichtigt die Umweltauswirkungen der Atomtests jedoch nicht. Die Folgen für die öffentliche Gesundheit jedoch schon.

Zumindest offiziell. Denn eine wirkliche Entschädigung hat noch fast niemand erhalten. Was vielleicht auch damit zu tun hat, dass die Auslegung des Gesetzes ziemlich willkürlich ist. So wird Schilddrüsenkrebs etwa nur bei Ausbruch der Krankheit in jungen Jahren anerkannt.

Am 2. Oktober 2018 hat der polynesische Aktivist Oscar Temaru beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag Klage gegen Frankreich erhoben. Der Vorwurf: Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Kirgistan / Usbekistan / Tadschikistan

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In Mailuu-Suu befinden sich tausende Tonnen radioaktiver Abfälle Bild: watson

Widmen wir uns Zentralasien. Genauer gesagt Kirgistan. Hier, am Fuße des Tian-Shan-Gebirges, ganz in der Nähe der Grenze zu Usbekistan, befindet sich die kleine Industriestadt Mailuu-Suu und der gleichnamige Fluss. In unmittelbarer Nähe von Mailuu-Suu, in einer Schlucht, lagern tausende Tonnen Atommüll. Und dieser Atommüll ist nur einen Erdrutsch davon entfernt, die Wasserversorgung des gesamten Ferghanatals zu kontaminieren.

Zwischen 1946 und 1968 hat die Sowjetunion in der Gegend Uranerz abgebaut. Dabei wurden mehr als zwei Millionen Kubikmeter Atommüll an den Berghängen entlang des Flusses Mailuu-Suu vergraben.

Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, sind die Deponien vor Ort stark baufällig und müssen dringend verstärkt werden. Bei starkem Regenfall oder einem Erdbeben könnte radioaktives Material in den Fluss gelangen, der bis ins Ferghanatal und dort in den Fluss Syr Darya fließt. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) sammelt zurzeit Spenden für das Projekt.

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Nomaden in Kirgistan Bild: imago images / Aurora Photos / Lisa Seaman

Das Ferghanatal ist eines der am dichtesten besiedelten Gebiete in ganz Zentralasien, 14 Millionen Menschen leben dort. Es befindet sich in einer Senke zwischen dem Tian-Shan-Gebirge und dem Alaigebirge und wird heute unter den Ländern Kirgistan, Usbekistan und Tadschikistan aufgeteilt.

Bereits 1958 kam es nach starken Regenfällen und einem Erdbeben zu einem Erdrutsch, bei dem tausende Tonnen radioaktiver Abfälle freigesetzt wurden. Umweltschützer sagen, dass dabei nicht nur Menschen, Rinder und Fische vergiftet wurden, sondern auch die Reisfelder stromabwärts. Einen detaillierten Bericht der Sowjetunion dazu hat es nie gegeben.

In Mailuu-Suu selbst liegt die Krebsrate 50 Prozent über dem nationalen Durchschnitt. Auch Erbkrankheiten wie das Down-Syndrom treten häufiger auf. Nicht auszudenken, was bei einer Kontamination der Gewässer im Ferghanatal passieren würde.

Russland / Osjorsk / Karatschai-See

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Bild: watson / lea senn

Wir bleiben in der Region, wechseln aber nach Russland. Im südlichen Ural, in der Nähe zu Kasachstan, befinden sich Osjorsk und der Karatschai-See, auch bekannt als der tödlichste See der Welt.

Osjorsk hingegen ist bekannt als Geburtsort der russischen Atombombe und als Schauplatz einer der schlimmsten atomaren Unfälle der Weltgeschichte. Heimat von 80.000 Leuten, befindet sich in Osjorsk die Atomfabrik Majak, zu Deutsch Leuchtturm.

Im Juni 1948 ging in Majak der erste Kernreaktor der Sowjetunion in Betrieb. Die nuklearen Abfälle aus dem Betrieb des Reaktors wurden damals einfach in den nahegelegenen Fluss Tetscha geleitet. Die Dorfbewohner, die entlang des Flusslaufes lebten, erkrankten an Krebs, chronischer Strahlenkrankheit oder erlitten Fehlgeburten. Ein paar Dörfer wurden evakuiert, aber nicht alle.

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Die Entwicklung der Tetscha-Kaskade des Staubeckens, von 1949 bis 1964. Bild: wikimedia / jan rieke

1957 kam es dann zur Katastrophe, die als Kyschtym-Unfall in die Geschichte einging: In der Nuklearanlage explodierte ein Tank mit 80 Tonnen radioaktiver Flüssigkeit. Die Partikel schossen bis zu 1000 Meter in die Luft und verteilten sich auf einer Fläche von 20.000 Quadratkilometern.

Es soll mehr radioaktive Substanz in die Umwelt gelangt sein als bei der Tschernobyl-Katastrophe 1986. 270.000 Personen wurden erhöhten Strahlendosen ausgesetzt.

Der Sowjetunion gelang es, den Unfall mehr als 30 Jahre lang geheim zu halten. Dies war nur möglich, weil der atomare Fallout ausschließlich auf sowjetischem Boden niederging.

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Das ist die sogenannte Ostural-Spur. Sie bezeichnet die kontaminierten Gebiete nach dem Kyschtym-Unfall. Bild: wikimedia

Zehn Jahre nach dem Unfall kam es zur nächsten Katastrophe: Der nur wenige Kilometer entfernte Karatschai-See, der ebenfalls stark kontaminiert war, trocknete 1967 aufgrund einer Dürre aus. Daraufhin wurde radioaktiver Sedimentstaub über das ohnehin bereits verseuchte Land geweht. Einer Studie von 2009 zufolge soll sich der Staub über bis zu 5000 Quadratkilometer verteilt haben.

2015 wurde der See komplett mit einer Betonabdichtung überdeckt. Verschiedenen Berichten zufolge ist der See so stark kontaminiert, dass bereits ein 30-minütiger Aufenthalt zum Tode führt. Die Arbeiter, die den See abdichteten, durften jeweils nur eine kurze Zeit arbeiten, um die Strahlenbelastung zu verringern.

Noch heute sind zwei Reaktoren in Majak in Betrieb. Und noch heute kommt es zu Unfällen dort. Am 25. und 26. September 2017 registrierte der russische Wetterdienst Rosgidromet in Teilen Russlands eine "äußerst hohe" Konzentration von radioaktivem Ruthenium-106.

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Osjorsk Bild: wikimedia / Sergey Nemano

Die höchste Konzentration wurde 30 Kilometer von Majak entfernt gemessen. Zwischen dem 25. September und dem 7. Oktober betrug die Ruthenium-Konzentration zuweilen das 986-Fache des erlaubten Wertes.

Eine 2019 veröffentlichte Studie, an der 69 Wissenschaftler beteiligt waren, kam zum Schluss, dass ein Unfall in einer Wiederaufbereitungsanlage im südlichen Ural am wahrscheinlichsten der Grund für die hohen Werte war. Der Majak-Betreiber Rosatom wies alle Vorwürfe zurück.

Die Böden in der Ostural-Spur sind stark kontaminiert. Auch der Karatschai-See zählt heute zu einem der am stärksten radioaktiv belasteten Orte der Erde. Wasser aus dem See sickert zudem ins Grundwasser und belastet damit die Umgebung zusätzlich.

Laut einer Aussage des CEO von Rosatom gibt es zudem seit dem 19. November 2010 eine neue Regelung, nach der leicht radioaktive Abfälle nicht mehr als solche gelten und nun unkontrolliert in die Umwelt abgegeben werden dürfen.

Und noch viele mehr ...

Dies waren 5 Beispiele. Es gibt jedoch noch viele mehr. Wer sich weiter informieren möchte, hier sind ein paar weitere Beispiele:

Frankreich in Algerien

USA: Nevada

Argentinien

Großbritannien überall

Weltkarte mit Atomlagern, Waffentests, Reaktorunfällen und verseuchten Gebieten

Mutter Natur schlägt zurück!

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