Interview
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Der Angriff fand in der Schlosspark-Klinik Berlin statt. Bild: dpa

Interview

Angriff auf Weizsäcker: Was motiviert Täter zu solchen Taten? Kriminologe erklärt

Fritz von Weizsäcker hielt gerade einen Vortrag in der Berliner Schlosspark-Klinik, als ein Mann in Reihe 1 aufspringt und auf ihn losgeht. Der Arzt und Sohn des Ex-Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker wurde während eines Vortrags von dem Besucher mit einem Messer attackiert – und starb noch vor Ort. Ein anwesender Polizist versuchte, den Angriff zu stoppen und wurde dabei schwer verletzt.

Der Beschuldigte wurde mittlerweile festgenommen. Es stellte sich heraus, dass er bisher nicht polizeibekannt war. Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin teilte zudem mit, dass das Motiv nicht "im höchstpersönlichen Bereich" liege, sondern in einer "wahnbedingten psychischen Abneigung" gegen die Familie des Getöteten.

Die Staatsanwaltschaft teilte weiter mit, dass aufgrund einer akuten psychischen Erkrankung des Beschuldigten, die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus beantragt wurde. Doch was führt zu solchen Wahnvorstellungen und wieso treiben sie jemanden bis hin zu einer Straftat?

Watson sprach mit Deutschlands bekanntestem Profiler, Axel Petermann. Er ist Dozent für Kriminalistik an der Hochschule Mittweida und beschäftigt sich seit Jahren mit der Psychologie von Kriminellen.

watson: Herr Petermann, ganz grundsätzlich: Was motiviert jemanden, einen Menschen auf offener Bühne anzugreifen?

Axel Petermann: Das hängt häufig davon ab, in welcher Beziehung der Täter zu dem Opfer steht. Gibt es etwas Persönliches zwischen den beiden? Oder ist er von dessen Handeln und Wirken enttäuscht und meint, sich entsprechend rächen zu müssen? Schauen wir uns etwa den Fall Lübke an. Walter Lübcke war jemand, der öffentlich zu seiner Meinung steht und wurde bei jemanden, der diese Meinung nicht teilt, zum Feindbild. Bei Angriffen in der Öffentlichkeit ist es aber auch möglich, dass der Täter ein psychisches Problem hat.

Was ja im Fall Weizsäcker zutrifft. Die Berliner Staatsanwaltschaft sprach beim Beschuldigten von einer „wahnbedingten allgemeinen Abneigung“ gegen die Familie Weizsäcker.

Ja, das war auch meine Vermutung. Und der Beschuldigte hat den Sohn stellvertretend für den Vater attackiert. Diesen persönlich anzugreifen ist ja nicht mehr möglich.

Wie kann es zu so einer Tat kommen?

Das ist noch unklar und Aufgabe der Polizei dies festzustellen. Möglicherweise werden bei ihm zu Hause Manifeste gefunden, die das erklären könnten.

Könnte die Tat nicht auch mit sozialer Isolation zusammenhängen?

Ausschließen würde ich das nicht. Isolation kann ein wahnhaftes Verhalten verstärken. Neigt ein Mensch dazu, fühlt er sich etwa beobachtet oder verfolgt und beginnt sich zurückzuziehen. Mit der Zeit können dann wahnhafte Ideen sein Leben bestimmen. Und das kann dann bis hin zu einem scheinbaren Racheakt führen.

Jetzt wurde Fritz von Weizsäcker nicht im privaten Umfeld oder im Geheimen angegriffen. Warum auf offener Bühne während eines Vortrags?

In solchen Momenten sind Personen verletzlich. Das liegt daran, dass man schlicht nicht damit rechnet, bei einem Vortrag angegriffen zu werden. Für einen Angreifer ist das eine leichte Möglichkeit.

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Der Kriminologe Axel Petermann. Bild: Stefan Kuntner

Der Angriff fand ja aber nicht nur in der Öffentlichkeit statt, also etwa vor oder nach dem Vortrag. Sondern wortwörtlich auf offener Bühne.

Wann und wie ein Verbrechen begangen wird, ist immer auch eine Frage der Situation. Zum Beispiel stellt sich die Frage, wie lange der Beschuldigte schon dort gewesen ist. Man muss sich also die Situation vor Augen halten. Vielleicht hat der Beschuldigte auf einen passenden Moment gewartet. Vielleicht dachte er sogar darüber nach, es nicht zu tun. Man kann ja einen Vorsatz haben, aber trotzdem ein wenig zaudern.

Der Mann saß in der ersten Reihe und schaute sich den Vortag erst einmal mit an. Das wirkt alles sehr makaber...

Da muss man bedenken, dass insgesamt nicht viele Besucherinnen und Besucher da waren. Möglicherweise war der Mann früh da und hatte freie Platzwahl. Da ist die erste Reihe naheliegend. Schließlich konnte der Angreifer so den Weg zum Opfer verkürzen. Andernfalls hätte er schnell gestoppt werden können. So brauchte er jedoch nur zwei, drei Schritte, um auf die Bühne zu kommen. Ihn dabei zu behindern, ist gar nicht leicht.

Hätte der Angriff also nicht verhindert werden können?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand damit rechnet, dass ein Chefarzt bei einem medizinischen Vortrag angegriffen wird. Wenn ich selbst eine Lesung halte, gehe ich auch nicht von Attacken aus, obwohl ich auch im Zusammenhang mit meiner Arbeit Kontakt zu obskuren Menschen habe.

Der Beschuldigte war der Polizei nicht bekannt. Da ist ein Angriff mit einem Messer doch ein großer Schritt.

Natürlich, aber er hat in dem Fall eine Entscheidung getroffen. Er besorgte sich ein Messer, hat sich vorher vermutlich informiert, wann Fritz von Weizsäcker einen Vortrag hält und macht sich dann auf den Weg. So eine Entscheidung trifft jemand nicht spontan. Und besonders dann nicht, wenn diese wahnbedingt ist.

Ein Polizist ist dazwischengegangen und wurde schwer verletzt. Das zeigt, wie riskant es ist, einzugreifen. Was kann man tun, um so eine Tat zu verhindern?

Zivilcourage ist häufig riskant. Es gibt genug Fälle, in denen Passanten etwas beobachteten, eingriffen und dabei verletzt wurden.

Also lieber nicht eingreifen?

Nein, ohne Zivilcourage kommen wir in unserer Gesellschaft nicht weiter. Wir würden schlicht viele Freiheiten verlieren, wenn Menschen nicht aufstehen und etwas unternehmen, sobald ein Unrecht geschieht.

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