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Konzentrationsverlust, Verklärtheit und fragliche Bauchgefühle: Dann bist du wohl verliebt. Bild: Westend61 / Westend61

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Manchmal ist Kribbeln im Bauch nur Hunger: Warum Verliebtsein überbewertet ist

"Bett halbvoll/halbleer" – die Dating-Kolumne von watson

Es gibt Gefühle, die halte ich für absolut sinnvoll. Angst zum Beispiel, weil mich das davon abhält, etwas richtig Dummes zu tun. Oder Wut, weil ich dann weiß, dass was nicht richtig läuft und ich für mich einstehen muss.

Und dann gibt es eben auch Konzentrationsverlust, Verklärtheit und fragliche Bauchgefühle. Das kann manchmal Hunger sein, aber im Extremfall ist man: verliebt.

Viele meinen ja, es sei das schönste Gefühl der Welt, dämlich grinsend durch die Gegend zu laufen und in jemand ach so Besonderen verknallt zu sein. Und ja, das ist schon mal ganz nett – für ein paar Tage oder so. Aber an sich finde ich Verliebtsein vollkommen überbewertet. Vor allem, weil es ein Gefühl ist, dass einen so richtig fehlleiten kann: Schließlich verliebt man sich nicht immer in den Super-Typen oder die tolle Frau, sondern durchaus auch mal in Volltrottel. Das merkt man aber nicht, weil man ja die rosarote Brille aufhat.

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Bild: emmy lupin studio

Unsere Autorin...

... ist Single, Anfang 30 und lebt in Berlin. Bei ersten Dates wird sie regelmäßig gefragt, ob sie darüber schreiben wird. Sie antwortet dann meist: "Das hängt davon ab, ob du schon etwas ganz Großartiges im Leben gemacht hast – oder gleich etwas richtig Bescheuertes tust."

Sternschnuppen am Strand gucken: Wer verliebt sich da nicht?

Ich habe zum Beispiel mal einen jungen Mann aus Israel gedatet, den ich sehr romantisch kennengelernt habe, in einem Museum. Er sprach mich an, wir tranken zusammen Kaffee, unterhielten uns über die Kunst und seine Europareise. Wenige Wochen später trafen wir uns in Amsterdam wieder, wo wir eine Nacht gemeinsam verbrachten, und nach einem Monat saß ich im Flieger nach Tel Aviv und fühlte mich super mutig und abenteuerlustig.

Wir reisten dann zwei Wochen gemeinsam durch Israel und hatten großartigen Sex, während er mir seine Lieblings-Orte im Land zeigte. Wir spazierten nachts durch Jaffa, tranken Wein auf einer Dachterrasse am Rande der Wüste und legten uns beschwipst in den Jacuzzi, ließen uns im Toten Meer treiben, während wir die Sternschnuppen beobachteten.

Ich hatte keine Chance. Wer hätte sich da bitte nicht verliebt. Und mit dem Mann selbst hatte das herzlich wenig zu tun.

Nur wenige Monate später setzte der Realitätsschock ein: Der Mann hatte von heute auf morgen beschlossen, seine Wohnung und sein Auto zu verkaufen und mit Sack und Pack nach Deutschland zu kommen. An einem Kosmetikstand am Flughafen drehte er dann reichen Touristinnen auf Provision Totes-Meer-Produkte an und ließ sich von seinem Arbeitgeber ganz schön abziehen. Und als er mir vorwarf, dass ich ihm die Polizei auf den Hals hetzen will, weil ich im Spaß mehrfach "Hör auf" rief, als er mich kitzelte ("Du machst das, damit die Nachbarn glauben, ich tue dir was an!") – naja, dann half selbst der gute Sex nicht mehr. Ich war entzaubert.

Verliebtsein bedient unsere Sehnsüchte

Ich glaube, Verliebtsein hat viel mit unseren Sehnsüchten zu tun. Und manchmal läuft uns eine Person über den Weg, die diese Sehnsucht zu bedienen scheint. Oder einfach viel Fläche bietet, um unsere Wünsche auf sie zu projizieren. Und das kann auch sehr schön sein, wenn man nicht allzu viel davon erwartet: Natürlich kann ich auch durch die Weltgeschichte laufen und mich hier und da bisschen verlieben und das war's.

Blöderweise glauben viele Menschen allerdings, und ich nehme mich da nicht unbedingt raus, dass Verliebtsein das Eintrittstor zu Liebe und einer funktionierenden Beziehung ist. Und das ist der Punkt, wenn aus Sehnsucht Erwartung wird. Der Partner oder die Partnerin an eurer Seite werden eure Leben auch nicht unbedingt besser machen, nur anders gut. Und Schmetterlinge im Bauch sind manchmal auch kein Anzeichen dafür, dass ihr die Liebe eures Lebens gefunden habt, sondern dass das Chili von gestern vielleicht doch nicht mehr so gut war.

Ich würde in Verliebtsein also nicht zu viel reininterpretieren, sondern eher schauen, was von den Gefühlen noch übrig bleibt, wenn die Schmetterlinge sich gelegt haben. Und dann kann man sich ja immer noch verlieben. Immer und immer wieder, auch in dieselbe Person. Wenn diese Pandemie vorbei ist, könnt ihr ja mal an den Strand fahren und nachts zusammen Sternschnuppen gucken. Das klappt erfahrungsgemäß prima, um ein paar rosa Gefühle zu wecken.

watson-Kolumne

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