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Schülerin arbeitet am Laptop.

Am Laptop die Schulaufgaben machen: Mittlerweile ist das nicht mehr unüblich, sofern ein Gerät vorhanden ist. Bild: Getty Images

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Lehrerpräsident über Schulen in Corona-Krise und Digitalisierung: "Da herrscht viel Frust"

Die Schule scheint sich 2020, dem Jahr der Corona-Pandemie, zum Un-Ort des Jahres zu mausern: Sämtliche Bildungsstätten des Landes mussten von einem Tag auf den anderen geschlossen werden, Schüler sowie Schülerinnen den Klassenraum gegen die eigenen vier Wände, Lehrende gegen Eltern, Stift und Heft gegen Laptop tauschen.

Gerade letzterer war in vielen Haushalten zum Lernen nicht verfügbar – und das, obwohl der Digitalpakt Schule, ein milliardenschweres Förderpaket, bereits vergangenes Jahr in Kraft getreten ist. Im Pakt enthalten ist unter anderem ein Budget von maximal 25.000 Euro pro Schule für die Ausstattung der Schüler und Schülerinnen mit Geräten. Aber auch der Zugang zum Internet an sich sollte damit ausgebaut sowie IT-Support bezahlt werden.

Dass die Hilfen aus dem Digitalpaket bei den Schulen bisher noch nicht wirklich angekommen ist, hat die Corona-Krise allzu deutlich gezeigt. Unter anderem deswegen beraten am Montag Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (beide CDU), SPD-Chefin Saskia Esken und die Kultusminister der Bundesländer über die Lage an den Schulen in Corona-Zeiten – und über weitere Schritte bei der Schuldigitalisierung.

Warum die Digitalisierung bei den Schulen nur zögerlich ankommt – darüber hat watson mit dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes (DL), Heinz-Peter Meidinger, gesprochen. Meidinger ist selbst Gymnasiallehrer sowie Direktor einer Schule in Bayern – und findet, Schulen sind in der Corona-Krise zu lange aus dem Fokus geraten.

"Bei der Digitalisierung geht es häufig nicht nur darum, Schüler und Lehrer mit Laptops auszustatten, sondern die Schulen überhaupt erst internetfähig zu machen."

Herr Meidinger, spätestens die Corona-Krise hat gezeigt, wie wichtig es ist, dass alle Schüler und Schülerinnen in Deutschland über einen eigenen Laptop oder ein Tablet verfügen. Warum ist das immer noch nicht der Fall?

Heinz-Peter Meidinger: Die Maßnahmen, um Endgeräte wie Leih-Laptops und Tablets für Schüler sowie Dienstgeräte für Lehrer zu beschaffen, laufen derzeit einigermaßen an. Das Hauptproblem liegt eher in der digitalen Infrastruktur: Viele Schulen haben keinen schnellen Zugang zum Internet. Bei der Digitalisierung geht es nicht nur darum, Schüler und Lehrer mit Laptops auszustatten, sondern die Schulen überhaupt erst internetfähig zu machen. Das betrifft dann auch Baumaßnahmen wie die Verlegung von Glasfaserkabeln, die nicht von heute auf morgen umzusetzen sind. Leider verfügen viele Bundesländer zudem nicht über eigene Lernplattformen, die für den digitalen Fernunterricht unabdingbar sind, sondern müssen auf kommerzielle Software zurückgreifen. Da ist noch viel Sand im Getriebe.

Um die Schulen internetfähig zu machen und den Unterricht zu digitalisieren, wurde bereits vor über einem Jahr der Digitalpakt beschlossen: Der besagt, dass Schulen mit insgesamt fünf Milliarden Euro gefördert werden sollen. An Geld mangelt es also nicht – warum schleicht die Digitalisierung dann so langsam voran?

Weil die gegenseitigen Abstimmungsprozesse sehr bürokratisch und dadurch kompliziert sind. Der Digitalpakt ist bereits im Mai 2019 in Kraft getreten. Bis die Bundesländer dann allerdings ihre eigenen Förderrichtlinien angepasst haben, hat es ein weiteres halbes Jahr gedauert. Das bürokratische Klein-Klein und das Tauziehen zwischen Bund, Ländern und Kommunen hat zu wahnsinnigen Verzögerungen geführt. Bis vor Kurzem galt beispielsweise auch: Schulen müssen ein Medienkonzept vorlegen, um Gelder für den digitalen Ausbau zu erhalten. Mittlerweile verzichtet der Bund zumindest von seiner Seite aus auf diese Vorgehensweise, um das Verfahren zu beschleunigen. Bürokratische Hürden gibt es dennoch nach wie vor – und dann kam auch noch Corona dazu.

"Wir haben zu spät erkannt, dass Schulen während der Corona-Krise ganz oben auf der Prioritätenliste hätten stehen müssen."

Was hat die Pandemie damit zu tun? Hätte die Digitalisierung dann nicht erst recht vorangetrieben werden müssen?

Corona hat eben nicht dazu geführt, dass die Regierenden erkannten: Jetzt müssen wir Vollgas geben bei der Digitalisierung der Schulen. Erst einmal standen andere Handlungsfelder im Vordergrund, wie die Wirtschaftsförderung und die Ausweitung des Kurzarbeitergelds. Bildung war zunächst nicht im Fokus. Wir haben zu spät erkannt, dass Schulen während der Corona-Krise ebenfalls ganz oben auf der Prioritätenliste hätten stehen müssen. Dadurch haben wir viel Zeit verloren.

Was hätte passieren müssen, um die Schulen von Beginn der Pandemie an stärker zu fördern?

Eigentlich hätte man gleich zu Beginn der Corona-Krise Taskforce-Gruppen vor Ort in den Kommunen und bei den Schulträgern gründen müssen, die dann schnell die Verfahren von der Antragsstellung bis zur endgültigen Genehmigung hätten durchziehen müssen. Nur wenige Länder haben dennoch gute Lösungen auch vor dem Hintergrund der Pandemie gefunden.

"Wenn die Lehrer nach einer Fortbildung zurück an die eigene Schule kommen und dann das Gelernte mangels digitaler Ausstattung nicht umgesetzt werden kann, sinkt die Motivation in den Keller."

Wie zum Beispiel?

Was bürokratische Prozesse betrifft, geht Sachsen mit gutem Beispiel voran: Das Land streckt Gelder an Kommunen vor, auch wenn die Förderanträge für digitale Projekte noch nicht genehmigt worden sind. Deswegen ist die Umsetzung des Digitalpakts dort schon recht weit gediehen.

Sie sind selbst Direktor einer Schule in Bayern. Wie nehmen Lehrkräfte Ihrer Erfahrung nach die aktuelle Situation wahr?

Viele Lehrer haben während der Corona-Krise versucht, zu improvisieren, sind teilweise richtig kreativ geworden, – und wurden dann aus unterschiedlichen Gründen zurückgepfiffen – zum Beispiel, weil Endgeräte fehlten oder die Nutzung von kommerziellen digitalen Tools nicht erlaubt wurde. Da herrscht viel Frust. Eigentlich sind die meisten Lehrer motiviert, sich im Digitalbereich fortzubilden und neue Methoden im Unterricht einzusetzen. Wenn sie dann allerdings nach einer Fortbildung zurück an die eigene Schule kommen und dann das Gelernte mangels digitaler Ausstattung nicht umgesetzt werden kann, sinkt die Motivation in den Keller.

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