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Friseure dürfen auch während des zweiten Lockdowns weiterarbeiten. Bild: www.imago-images.de / Cavan Images

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Friseurin besorgt: "Es wäre mir lieber, wenn auch wir im Lockdown wären"

Sarah kauth

Nahezu alle Bereiche des privaten Lebens erfahren jetzt wieder Einschränkungen durch den gestern beschlossenen "Lockdown Light" der Bundesregierung. Gaststätten, Freizeiteinrichtungen und Massagestudios müssen den gesamten November lang schließen. So will die Regierung die zuletzt stark gestiegenen Corona-Neuinfektionen bis Weihnachten wieder in den Griff bekommen.

Wer jedoch weiter arbeiten darf? Friseure. Die meisten Haarstylisten waren darüber freudig überrascht. Doch einige machen sich auch Sorgen, sind unsicher, ob es schlau ist, inmitten der Pandemie so nah am Kunden zu arbeiten. Zu ihnen gehört auch Sarah Kauth aus der Region um Trier. Die Neu-Mutter würde eigentlich gerne ebenfalls mit der Arbeit aussetzen, kann aber nicht – warum, erläutert die 31-Jährige bei watson.

Die Angst vor Corona ist groß, doch die Angst um die Existenz ist noch größer

Ich arbeite seit zwei Jahren selbstständig als Make-Up-Artist und Hairstylistin. Vorher war das nur ein Teilzeitjob und hätte ich gewusst, wie dieses Jahr verläuft, hätte ich es wohl auch dabei belassen. Denn 2020 war gar nicht gut, mindestens 50 Prozent meiner Umsätze sind durch Corona weggebrochen.

Mein Hauptgeschäft sind Hochzeiten, da lassen sich die Bräute und ihre Gäste gerne mal schminken und stylen. Leider sind dieses Jahr viele große Feiern verschoben worden oder durften nur in einem sehr kleinen Rahmen auf den Standesämtern stattfinden. Das Make-up ist dann typischerweise das erste, auf das die Leute verzichten, denn das ist ja ein Luxus, den man sich zu einem besonderen Anlass gönnt, der aber nicht zwingend notwendig ist.

Für mich ist das bitter. Im ersten Lockdown war ich gerade schwanger und hatte große Existenzängste. Ich bin Diabetikerin und gehöre also zur Risikogruppe, bin deshalb damals nicht mal mehr in den Supermarkt gegangen, um eine Ansteckung zu verhindern. Auch jetzt würde ich lieber zu Hause bleiben, schließlich sind die Infektionszahlen höher als je zuvor. Aber das kann ich mir nicht mehr leisten. Ich muss arbeiten gehen, um die großen Verluste der vergangenen Monate irgendwie aufzufangen, selbst wenn ich mich damit der Gefahr einer Covid-19-Ansteckung aussetze.

Ich habe Angst, Corona zu bekommen. Nicht nur, weil ich selbst eben Risikopatientin bin, sondern auch, weil ich ein fünf Monate altes Baby zu Hause habe, um das ich mich kümmern muss und das ich noch stille – ich darf einfach nicht krank werden, weil mein Sohn mich braucht.

"Ich stehe ja direkt seitlich am Gesicht, wenn der Kunde dann plötzlich hustet oder niest – und das kommt vor – sind das schon Momente, in denen bei mir Sorgen aufkommen."

Die Ausnahme verwirrt mich: Auch als Friseurin komme ich den Kunden sehr nahe

Natürlich versuche ich auf der Arbeit, alle Hygieneregeln einzuhalten, um möglichst sicher zu sein. Aber selbst wenn alle beim Frisieren Mund-Nasen-Schutz tragen, kommt man sich sehr nahe. Ich stehe ja direkt seitlich am Gesicht, wenn der Kunde dann plötzlich hustet oder niest – und das kommt vor – sind das schon Momente, in denen bei mir Sorgen aufkommen.

Hätten mein Mann und ich ein dickes finanzielles Polster, würde ich mich diesem Risiko sicher nicht aussetzen, aber leider geht es nicht anders. Ich bin gezwungen, weiter zu arbeiten, bis die Politik geklärt hat, wie Menschen wie ich unterstützt werden. Ob ich Nothilfe beantragen kann, ist mir noch völlig unklar. Darauf vertrauen tue ich jedenfalls nicht, schon das Elterngeld konnte ich nicht in Anspruch nehmen, weil ich als Selbstständige zu kurz eingezahlt hatte.

"Jetzt würde ich lieber zu Hause bleiben, schließlich sind die Infektionszahlen höher als je zuvor, aber das kann ich mir nun nicht mehr leisten."

Die neuen Regelungen finde ich aber auch hygienetechnisch verwirrend. Ich darf zwar weiter Haare machen, aber Make-up ist verboten – dabei komme ich dem Kunden in der Funktion als Friseurin eigentlich fast genauso nahe wie beim Schminken. Früher hatte ich in der Woche etwa zehn bis 15 Kunden, heute sind es deutlich weniger, zu denen ich meistens nach Hause fahre. Manchmal kommt sogar mein Baby noch mit, weil es nicht anders geht. Aber jetzt überlege ich natürlich schon, wie ich Wege finden kann, den Kunden nicht mehr so nahe zu kommen und trotzdem weiterzuarbeiten. Vereinzelt habe ich zum Beispiel Make-up-Schulungen angeboten, das geht auch auf Distanz – aber natürlich wiegt so etwas niemals auf, was mir an Einnahmen dieses Jahr durch die Lappen geht.

Kurz gesagt: Es wäre mir fast lieber gewesen, wenn auch wir Friseure in den Lockdown gemusst hätten und dafür finanzielle Entschädigung erhalten würden. So fühle ich mich gezwungen, mitten in der Pandemie weiterzuarbeiten, weil dieses Jahr eh schon so schlecht lief. Das ist wirklich eine Zwickmühle.

Protokoll: Julia Dombrowsky

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