Klima & Umwelt
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Ihr Protest begann mit einem Sitzstreik vor dem Parlament in Stockholm: Greta Thunberg. bild: 2020 B-­‐Reel Films AB

Druck, Klima-Angst und Euphorie: Kinofilm zeigt die Welt aus Gretas Perspektive

Jeder kennt Greta Thunberg. Hat ihre Reden gehört, oder zumindest Ausschnitte davon. Hat das Mädchen vor Augen, das mit geflochtenen Zöpfen verloren vor dem schwedischen Parlament sitzt. Hat ihr Zusammentreffen mit Merkel, Macron, dem Papst verfolgt. Und hat sich eine Meinung über sie gebildet. Doch kaum jemand kennt die verschlossene 17-Jährige wirklich.

"I am Greta", ein Dokumentarfilm über die schwedische Umweltaktivistin, der im Oktober in die Kinos kam und nun auch in der ARD-Mediathek verfügbar ist, schließt diese Lücke. Er zeigt die private, mal euphorische und mal verzweifelte Greta und ist dabei wie die Aktivistin selbst: zurückhaltend, leise, unaufgeregt.

"Was ich in den letzten Monaten erlebt habe, fühlte sich an als wäre es wie ein Traum. Oder ein Film. Ein sehr surrealer Film mit einer sehr unwahrscheinlichen Handlung", sagt Greta zu Beginn der Dokumentation. Der schwedische Dokumentarfilmer Nathan Grossman hat die Aktivistin mehr als ein Jahr lang mit der Kamera begleitet, vom ersten Protest vor dem Parlament über den Segeltrip über den Atlantik bis hin zur Rede auf der Weltklimakonferenz. Er zeigt den Weg der verschlossenen Außenseiterin zur Ikone einer globalen Jugendbewegung. "Weil ich mit Greta auf Augenhöhe sein wollte, bin ich zwei Jahre lang 'krumm' gelaufen, habe mich kleiner gemacht", sagt Grossman zur Veröffentlichung des Films:

"Der Blickwinkel der Zuschauerinnen und Zuschauer ist ihrer, und es sind ihre eigenen Worte, die wir hören. Soweit es mir möglich war, habe ich den Film aus ihrer Perspektive gedreht."

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Der Film ist ab dem 16. Oktober im Kino zu sehen.

Und das von der ersten Stunde des Protests an. Grossman fängt ein, wie Thunberg verloren vor dem Parlament in Stockholm sitzt, ein Schulmädchen mit geflochtenen Zöpfen und Kapuzenpullover, die rote Thermosflasche steht neben ihr auf der gepflasterten Straße. Und das Schild mit den berühmten Worten, die inzwischen auf der ganzen Welt bekannt sind: Skolstrejk för klimatet. "Warum streikst du, du musst doch zur Schule?", fragt eine ältere Frau mit weißen Haaren. "Wozu eine Ausbildung, wenn es keine Zukunft gibt?", antwortet Greta schüchtern.

Wie viele Menschen stehen bleiben? "Heute waren es drei", sagt das unsicher wirkende Mädchen – und schart doch nach und nach mehr Menschen um sich und drückt ihnen selbstgeschriebene Infozettel zum Klimawandel in die Hand. Das Mädchen, das von sich selbst sagt, immer ausgeschlossen und nie zu Geburtstagspartys eingeladen worden zu sein, zieht immer mehr Schülerinnen und Schüler an. Der Kampf ums Klima muss Greta viel bedeuten, wenn sie dafür fremde Menschen anspricht. Denn die Schülerin hat das Asperger-Syndrom, Smalltalk und Geselligkeit, sagt sie, sind ihr ein Graus. Sie redet nur, wenn es sein muss. Und um den Planeten zu retten, muss es eben sein.

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Unbeschwerte Momente und großer Druck liegen oft nah beieinander. bild: 2020 B-­‐Reel Films AB

Der Film – aus geplanten zwei Drehtagen wird mehr als ein Jahr – zeigt klar: Greta wurde in keine Familie von Umweltaktivisten geboren. Im Gegenteil: Ihre Familie konsumiert viel, fliegt um die Welt, isst Fleisch. Verwackelte Heimvideos aus Gretas früherer Kindheit zeigen sie im Flugzeug, beim Besuch eines Disneyshops, eine lachende, sorglose Familie. Der Wunsch, die Welt zu verändern, kommt von Greta selbst. Alles ändert sich, als Greta in der Schule einen Film über den Klimawandel sieht – und dessen katastrophale Folgen. "Ich fing an, depressiv zu werden", sagt Greta in der Dokumentation. Sie hört auf zu essen und zu sprechen, "ich verhungerte fast". Mach dir keine Sorgen, sagt man ihr, es wird schon so viel gegen den Klimawandel getan. "Genau das machte mir Sorgen", sagt sie. Erst nach Jahren habe sie sich besser gefühlt – und beschlossen, etwas zu verändern.

Schon als kleines Mädchen zieht Greta Stecker aus der Steckdose und knipst das Licht aus, um Strom zu sparen. Und bringt ihren Vater Svante schließlich dazu, sie zu unterstützen, mit ihr quer durch Europa zu fahren und über den Atlantik zu segeln. Sie zu begleiten, wenn sie vor dem EU-Parlament spricht, wenn sie sich durch die Hasskommentare und Morddrohungen auf ihrem Handy scrollt, und nicht weiß, ob sie lachen oder weinen soll angesichts der Welle aus Wut, die ihr entgegenschlägt. Und wenn sie Schwarzenegger, Macron, Merkel und den Papst trifft.

"Fühlt sich an, als würde ich eine andere Sprache sprechen"

Das Geheimnis für Gretas wahnsinnigen Erfolg? "Mir geht es nicht darum, beliebt zu sein. Mir geht es um Klimagerechtigkeit und einen lebenden Planeten." Und ganz egal, was man über Greta und Fridays for Future denkt – man kann gar nicht anders als beeindruckt sein von dieser 15-Jährigen in der pinken Bluse, die sich schon bei ihrem allerersten Zusammentreffen mit Politikern und Diplomaten bei der UN-Klimakonferenz in Kattowitz in ihrer Rede nicht etwa an diese wendet, sondern an alle anderen Menschen. Mit dem Hinweis, dass die Politiker, zwischen denen sie sitzt, ja offensichtlich versagt haben.

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Am Anfang streikt Greta ganz alleine. Mittlerweile zieht es jeden Freitag Zehntausende auf die Straße." bild: 2020 B-­‐Reel Films AB

Und sie verbirgt nicht, wie nahe ihr das geht, wofür sie kämpft. Vor dem EU-Parlament in Straßburg bricht sie in Tränen aus, als sie vom Massensterben der Arten, dem Versauern der Ozeane, der Abholzung der Wälder spricht. "Vielleicht wäre es gut, wenn jeder ein bisschen Asperger hätte, zumindest wenn es ums Klima geht", sagt sie. Greta ist anders, sie braucht Routine und Struktur, kämpft für das, was sie sich in den Kopf gesetzt hat. Dadurch berührt sie Menschen – und fühlt sich doch oft unverstanden, wenn es um ihre Herzensangelegenheit, den Klimawandel geht. Sie sagt:

"Es fühlt sich an, als würde ich eine andere Sprache sprechen. Oder als wäre das Mikrofon nicht eingeschaltet."

Und doch scheint sie etwas zu bewirken. Greta verbringt immer mehr Zeit im Zug, ihre Reden werden selbstbewusster. Trotzdem bleibt sie der Teenager, der sich viele Gedanken macht, manchmal zu viele Gedanken. Der Film zeigt sie hadernd über einer Rede auf französisch, die sie immer und immer wieder durchgeht, beinahe verzweifelt, weil sie nicht die richtige Übersetzung für ein Wort findet. Er zeigt ihren Vater, der minutenlang auf sie einreden muss, "Greta, mach Pause, du musst etwas essen", bis sie sich endlich dazu durchringt, ihre Interviews zu unterbrechen und auf einer Banane zu kauen. Er zeigt aber auch, wie Greta auf Zehenspitzen völlig in Gedanken verloren durch eine leere Bibliothek tanzt.

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Greta reiste im vergangenen Jahr emissionsfreundlich zur Klimakonferenz in New York – mit dem Segelschiff. bild: 2020 B-­‐Reel Films AB

"Das ist zu viel für mich"

"Greta erzählte mir einmal, dass sie Angst hatte, sich im Film nicht wiederzuerkennen und ich sie in eine andere Person verwandeln würde", sagt Grossman.

"Aber als sie den Film gesehen hat, erkannte sie sich darin wieder. Das war der entscheidende Moment, als sie das sagte. Ich hatte das erreicht, worauf Greta hoffte – ein Porträt dieses verrückten Jahres zu drehen, das sich wahrhaftig und echt für sie anfühlte."

Dabei sind viele der Situationen, die die Teenagerin erlebt, bizarr. Als Greta den Papst trifft, skandiert die Menschenmasse vor dem Vatikan: Los, Greta, rette den Planeten! Nicht gerade wenig Druck für ein 15-jähriges Mädchen. Mitten auf dem Atlantik, als Wind und Wellen um das Segelschiff peitschen, das sie zur Weltklimakonferenz bringen sollen, wird ihr alles zu viel. "Ich vermisse Zuhause, ich vermisse mein normales Leben und meine Routinen. Und hier dringt ziemlich viel Wasser ein", schnieft sie in ihr Diktiergerät auf dem Handy. "Es ist so eine große Verantwortung. Das ist zu viel für mich." Die Kamera hält auch in solchen Momenten schonungslos drauf.

Und auch dann, wenn wieder alle Augen auf die Schwedin gerichtet sind – und sich zeigt, was das Ergebnis ihrer emotionalen Atlantiküberquerung ist. In New York, wieder festen Boden unter den Füßen, hält Greta ihre berühmte How-Dare-You-Wutrede. Und sorgt dafür, dass wohl auch der letzte den Namen Greta Thunberg kennt. Dass jetzt jeder weiß, wer sie ist? Egal. Aber ihre Botschaft, die wird gehört. Im September 2019 streikten mehr als sieben Millionen Menschen weltweit für das Klima – es ist der größte Klimastreik der Geschichte.

Und trotzdem: Die Welt erfüllt noch immer nicht die Anforderungen des Pariser Klimaabkommens, die CO2-Emissionen sind noch immer zu hoch, das Klima erwärmt sich weiter. Und so wird Greta auch in Zukunft Reden halten, Politiker treffen, Fremde ansprechen – auch wenn sie eigentlich gar nicht der Typ dafür ist.

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