03.02.2021, Berlin: Tarek Alaows steht vor dem Reichstagsgeb

Tareq Alaows will als erster syrischer Geflüchteter in den Bundestag einziehen. Bild: dpa / Kay Nietfeld

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"Hier wird darüber diskutiert, ob ich gerettet werden soll oder nicht" – Tareq Alaows will als erster Geflüchteter in den Bundestag einziehen

Am 2. Februar 2021 postet Tareq Alaows ein Video auf Twitter. Das Filmchen ist kaum zwei Minuten lang. Alaows erklärt darin, dass er als Grüner für den Bundestag kandidieren will. Danach wird er förmlich überrollt von einer Welle an Reaktionen: Das Video wird über 200.000-mal angesehen, über 1.800-mal retweetet. Über seine Kandidatur wird in deutschen und ausländischen Medien berichtet. Bekannte Grünen-Politiker wie die stellvertretende Bundesvorsitzende Jamila Schäfer gratulieren ihm. Aber auch die SPD-Politikerin Sawsan Chebli, internationale Wissenschaftler und politische Verbände drücken ihre Unterstützung aus.

Noch nie hat jemand wie Tareq Alaows für den Bundestag kandidiert. Er ist der erste syrische Geflüchtete, der sich um ein Bundestagsmandat bewirbt.

Spricht man den 31-Jährigen später auf das an, was das Video ausgelöst hat, sagt er, diese Reaktionen seien überwältigend gewesen, und lächelt dabei ein wenig. Aber Tareq Alaows meint auch immer wieder, dass so eine Unterstützung nichts Neues sei, dass er sie immer wieder in Deutschland erlebt habe. "Das hat mich an die Unterstützung erinnert, die ich 2015 bekommen habe. Ohne die wäre ich heute nicht da, wo ich bin."

2015 war das Jahr, in dem Alaows nach Deutschland kam. Das Jahr, in dem er "neu geboren wurde", wie er selbst es beschreibt. Aber auch das Jahr, in dem er alles ihm Vertraute zurückließ.

Alaows kommt ursprünglich aus der syrischen Hauptstadt Damaskus. Schon dort habe er in seiner Jugend begonnen, sich für Menschenrechte zu interessieren, sagt Alaows. In Damaskus und Aleppo studierte er daher Jura, engagierte sich nebenher politisch und nahm an friedlichen Protesten teil. Zudem arbeitete er für den Roten Halbmond – die Schwesterorganisation des Roten Kreuzes in mehrheitlich muslimischen Ländern. Als der Bürgerkrieg in Syrien im Jahr 2011 ausbrach, reiste er für den Roten Halbmond in Kriegsgebiete, dokumentierte Menschenrechtsverletzungen und half, Geflüchtete aus anderen Teilen Syriens zu registrieren.

"Ich wollte keine Waffe in die Hand nehmen. Und ich wollte auch niemanden erschießen."

Für seine eigene Flucht habe es nicht den einen Grund gegeben, sagt Alaows. "Es war eine Mischung aus meiner politischen Arbeit, meiner Arbeit zu Menschenrechten. Das sind gefährliche Themen in Syrien. Und dazu kam dann noch, dass ich meinen Wehrdienst machen sollte." Nach allem, was er selbst in dieser Zeit erlebt hatte, habe er auf keinen Fall zum Militär gewollt, erzählt Alaows. "Ich wollte keine Waffe in die Hand nehmen. Und ich wollte auch niemanden erschießen."

Also beschloss Tareq Alaows, zu fliehen. "Es ging alles sehr schnell. Ich wusste erst fünf Tage vorher, dass ich abreisen würde." Bis zum letzten Tag habe er ganz normal gearbeitet, sagt Alaows. Und dann nachts alleine das Land verlassen. Er floh über die Balkanroute: von der Türkei über das Mittelmeer nach Lesbos, weiter nach Athen und dann Richtung Norden. Einen großen Teil des Weges legte Alaows zu Fuß zurück, zwei Monate war er unterwegs. Bis er in Dortmund ankam und blieb – ein Zufall.

"Ich war erschrocken über die Lebensbedingungen für Geflüchtete hier."

Er habe nie geplant, nach Deutschland zu gehen, sagt Alaows. "Ich wusste nur: Ich brauche Sicherheit und Freiheit. Dieses Gefühl hatte ich zum ersten Mal in Dortmund." In Deutschland findet Tareq Alaows Ruhe, er muss nicht mehr um sein Leben fürchten. Aber schnell merkt er auch: Der Start wird Geflüchteten hier nicht leicht gemacht.

"Ich war erschrocken über die Lebensbedingungen für Geflüchtete", sagt Alaows. Seine erste Zeit verbringt er in einer Erstaufnahmeeinrichtung im Sauerland. Dort leben viele Personen auf engem Raum zusammen. Für Rückzug und Erholung ist wenig Platz. "Die Schutzbedürftigkeit zum Beispiel von Familien mit Kindern oder Minderjährigen wird bei der Unterbringung kaum beachtet", meint Alaows. Zudem sei man isoliert vom Rest der Gesellschaft. "Die Leute, die nach Deutschland kommen, wollen etwas zurückgeben. Sie wollen helfen. Aber es gibt so viele Hürden: Man darf nicht arbeiten und es wird einem nicht ermöglicht, die Sprache zu lernen."

In einer Beratungsstelle der Diakonie sieht Tareq Alaows damals das Grundgesetz ausliegen. Die Bücher darf man sich umsonst mitnehmen. Also nimmt er die Dinge selbst in die Hand: Er fängt an, das Grundgesetz zu lesen – mit Hilfe von Google Translate. So beginnt er, Deutsch zu lernen. "Bis heute kenne ich durch meine Arbeit vor allem das politische und juristische Deutsch. Dafür weiß ich dann aber manchmal nicht mal, wie eine Obstsorte auf Deutsch heißt", sagt er und lacht.

"Ich wurde oft in die Opferschublade gesteckt. Nach dem Motto: Du brauchst doch selbst Hilfe, wie kannst du also überhaupt anderen helfen?"

Nach ein paar Monaten in Deutschland will Alaows helfen und etwas an den Bedingungen für Geflüchtete ändern. Mehrfach habe er damals seine Hilfe den Behörden in Bochum angeboten. "Ich habe schon in Damaskus mit Geflüchteten gearbeitet. Und ich sprach gut Englisch." Dennoch wurde sein Angebot abgelehnt. "Ich wurde oft in die Opferschublade gesteckt. Nach dem Motto: Du brauchst doch selbst Hilfe, wie kannst du also überhaupt anderen helfen?"

Diese Art der Entmündigung beschäftigt ihn bis heute. "Die Leute, die hierherkommen, bringen eigene Erfahrungen mit. Die haben Familien, die haben teilweise jahrzehntelang gearbeitet", sagt Alaows. "Und trotzdem werden sie nicht ernst genommen. Das ist das Problem: Es wird immer über Geflüchtete gesprochen, aber nie mit ihnen."

Also versucht Alaows, den Geflüchteten Gehör zu verschaffen: Im März 2016 gründet er die Gruppe "Refugee Strike". Betroffene und Menschen, die sich solidarisieren, zelten gemeinsam 17 Tage lang vor dem Bochumer Rathaus, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Am Ende mit Erfolg: Die Stadtverwaltung Bochum trifft sich mit den Aktivisten und setzt verschiedene ihrer Forderungen um. Geflüchteten wird zum Beispiel schneller ermöglicht, an Deutschkursen teilzunehmen und sie können Wohnungen anmieten. Seitdem engagiert sich Alaows in Deutschland für die Rechte Geflüchteter.

"Ich dachte damals: Das könnte ich sein. Ich könnte auf diesem Schiff sein. Und hier wird darüber diskutiert, ob ich gerettet werden soll oder nicht."

Im Jahr 2018 gründet er erneut eine Organisation mit: "Seebrücke", die sich gegen die europäische Abschottungspolitik und für Seenotrettung im Mittelmeer einsetzt. Anlass für die Gründung ist ein Ereignis, das Alaows aufgrund seiner eigenen Erfahrungen nahegeht: Die Odyssee des Rettungsschiffs "Lifeline", das im Sommer 2018 tagelang am Einlaufen in einen europäischen Hafen gehindert wurde. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich über 200 aus dem Mittelmeer gerettete Menschen an Bord. Das zu beobachten, habe ihn sehr berührt, sagt Alaows heute. "Ich dachte damals: Das könnte ich sein. Ich könnte auf diesem Schiff sein. Und hier wird darüber diskutiert, ob ich gerettet werden soll oder nicht."

Inzwischen lebt Alaows in Berlin und arbeitet dort als Berater für Asyl- und Aufenthaltsrecht. Sein Herz, sagt er, hänge aber immer noch an Nordrhein-Westfalen. Es ist seine "deutsche Heimat". Entsprechend tritt er als Direktkandidat im Wahlkreis Oberhausen und Dinslaken an. Der Wahlkreis gilt als traditionelle SPD-Hochburg – seit 1965 hat die SPD dort bei jeder Bundestagswahl das Direktmandat gewonnen. Tareq Alaows will das nun ändern und geht für die Grünen ins Rennen.

Dass er für die Grünen kandidiert, sei für ihn eine logische Entscheidung, sagt Alaows. "Die Klimakrise und das Thema Migration sind untrennbar verbunden. Man wird diese Dinge nur zusammen lösen können." Außerdem gefalle ihm als Aktivist, dass auch die Grünen selbst ursprünglich aus einer sozialen Bewegung heraus entstanden sind.

"Ich will andere mit Fluchtgeschichte inspirieren, sich gesellschaftlich zu beteiligen."

Migration, Flucht und die Erfahrungen, die er gemacht hat, sollen ein Schwerpunkt seiner Arbeit werden, sagt Alaows. "Niemand flieht, weil er Lust darauf hat", erklärt er. "Und ich glaube, keiner kann verstehen, wie sich Flucht anfühlt, ohne so etwas selbst durchgemacht zu haben." Diese Perspektive will er in die Politik einbringen.

Alaows geht es zudem um das Thema politische Teilhabe. Laut der Recherche-Plattform Mediendienst Integration lebten im Jahr 2019 rund 21,2 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland – damit hat gut jede vierte in Deutschland lebende Person eine Migrationsgeschichte. Im Bundestag sitzen jedoch nur 58 Abgeordnete mit Migrationshintergrund. Sie machen damit 8,2 Prozent der Bundestagsabgeordneten aus. Und: Eine Fluchtgeschichte hat von ihnen niemand. "Ich will andere mit Fluchtgeschichte inspirieren, sich gesellschaftlich zu beteiligen", sagt Alaows.

Man könnte sagen: Tareq Alaows ist in vielen Hinsichten angekommen. Er erzählt davon, dass er gerne mit seinen Freunden bei einem Bier diskutiert, dass er zum Runterkommen Tischtennis und Schach spielt und davon, wie typisch deutsch die Bürokratie ist. Und mit seinem Bart und seinem Dutt entspricht er ein bisschen dem Klischee eines Berliner Hipsters.

"Ich musste nach der Beantragung an die zehn Millionen Menschen denken, die hier leben und keine deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Die nicht teilhaben und wählen dürfen."

Aber vor der Wahl muss er dennoch eine Hürde mehr nehmen als andere Bewerber: die Einbürgerung. Noch hat Tareq Alaows nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Er habe die Staatsangehörigkeit jedoch beantragt und sei zuversichtlich, dass er alle Voraussetzungen erfülle, sagt Alaows.

"Es wäre ein großer Schritt für mich, wenn ich sie bekäme", erklärt er. Aber nur Freude könne er darüber trotzdem nicht empfinden. "Ich musste nach der Beantragung an die zehn Millionen Menschen denken, die hier leben und keine deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Die nicht teilhaben und wählen dürfen." Auch diesen Menschen will Tareq Alaows im Bundestag eine Stimme geben.

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