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Vaterfiguren: "Ich habe meinem Vater gesagt, er soll nicht mehr anrufen"

In der Serie Vaterfiguren erzählen Männer, was ihre Väter ihnen übers Mann-Sein beibrachten. Fatihs Vater ist Migrant – und oft wütend.

Yasmina Banaszczuk
Yasmina Banaszczuk

Fatih, 34, kommt aus einer türkischen Migrantenfamilie. Seinen Namen haben wir geändert, um ihn und seine Familie zu schützen: Vor zwölf Jahren half er seinen Geschwistern und seiner Mutter in eine andere Stadt und weg von Fatihs Vater zu ziehen. Grund waren dessen immer wiederkehrende Wutausbrüche und Aggressionen.

Mittlerweile hat sich Fatih in seiner Wahlheimatstadt gut eingelebt, ein Studium abgeschlossen und seine Selbstständigkeit begonnen. Zu seiner Mutter und seinen jüngeren Geschwistern – eine Schwester, ein Bruder – hat er guten Kontakt. Zu seinem Vater hingegen… sporadischen. Und auch das nur ungewollt.

Für diese Reihe hat sich Fatih dennoch mit der eigenen Familiengeschichte beschäftigt. Er erklärt, wie ihn die fehlende emotionale Verbindung zu seinem Vater prägt und wie sich der Rassismus, den sein Vater erlebt hat, in der Familie generationenübergreifend abzeichnet.

Für die Reihe Vaterfiguren trifft Yasmina Banaszczuk verschiedene Männer, die mit ihr über ihre Väter sprechen. Alter, Herkunft, sexuelle Orientierung, Religion – all das ist erstmal egal. Spannender ist, was sie von ihren Vätern gelernt haben. Und was vielleicht auch nicht.

Erzähl mir ein bisschen von deinem Vater und dir.

Mein Vater ist erst mit 22 Jahren nach Deutschland gekommen – nachdem er und meine Mutter verheiratet wurden. Er war zuvor Lehrer in der Türkei und kam dann nach Deutschland, um der Familie eine bessere wirtschaftliche Zukunft zu bieten.

"Meine Mutter ist vor meinem Vater abgehauen und ich habe ihr dabei geholfen."

Hier durfte er allerdings nicht mehr als Lehrer arbeiten. Mein Vater hat sich daher irgendwie durchgeschlagen, von Fabrikjob zu Fabrikjob irgendwas gemacht, um die Familie zu ernähren.

Ich selbst bin vor 15 Jahren aus meiner ehemaligen Heimatstadt weggezogen. Als meine Eltern sich haben scheiden lassen, ist meine Mutter vor meinem Vater abgehauen. Ich habe damals meinen Geschwistern und ihr geholfen, zu mir zu kommen.

Wie würdest du dein Verhältnis zu deinem Vater beschreiben?

Verbindungslos. Es gab keine emotionale Verbindung zwischen uns. Als ich älter wurde und mehr meine eigene Identität entwickelt habe, hat das nur zu Streit geführt. Ich bin ihm irgendwann nur noch aus dem Weg gegangen.

Unser Kontakt ist so ein bisschen on/off. Nachdem ich weggezogen bin, hatten wir noch etwas Kontakt – die Familie lebte ja auch noch mit ihm. Trotzdem, mehr als Smalltalk war da nicht. Als meine Familie ebenfalls wegzog, wurde es kompliziert. Ich habe dann Kontakt am Telefon gemieden, weil er versucht hat, herauszubekommen, wie sie hierher gekommen sind, und ich wollte meine Beteiligung nicht offenbaren. Irgendwann habe ich die Anrufe gar nicht mehr angenommen und wollte nicht mehr mit ihm reden.

"Wenn wir uns nicht melden, schreibt er, unser Schicksal läge jetzt in Gottes Händen."

Und dabei ist es dann geblieben?

Irgendwann hatte ich 'nen großen Umbruch, war wohnungslos, arbeitslos, partnerlos und etwas mutiger: Ich habe dann nochmal Kontakt gesucht, aber letztlich gemerkt, dass das keine gute Idee war. Danach habe ich ihm geschrieben, dass er mich nicht mehr anrufen soll.

Das respektiert er nicht wirklich, zwei bis drei Mal im Jahr ruft er aus heiterem Himmel an und schreibt mir danach lange Texte, wenn ich nicht rangehe. Wenn er was will, kann er sehr auf die Tränendrüse drücken, wir würden den Vater nicht schätzen und hätten ihn im Stich gelassen.

Er schreibt dann auf Türkisch, unser Schicksal läge jetzt in Gottes Händen – er traut uns da keine Verantwortung zu, hat uns nie erwachsen werden lassen.

Wie präsent ist er denn aktuell in deinem Leben?

Mein Vater ist sehr präsent, auch wenn wir keinen Kontakt haben. Obwohl ich ihn teilweise geblockt habe, findet er leider seine Wege, sich zu melden. Dadurch ist das Thema natürlich mit sehr viel Wut und Schmerzen verbunden, was dann immer wieder hochkommt.

"Mein Vater ist ein wütender Mann."

Schon vor diesem Interview beispielsweise hatte ich zwei Tage eine Wolke über dem Kopf, weil mich das Thema beschäftigt hat und es eben kein abgeschlossenes Ende zwischen ihm und mir gibt.

Was für eine Art Mann ist dein Vater?

Das erste, das mir einfällt: Er ist ein wütender Mann. Wir haben diese Gespräche nie geführt, aber ich glaube, dass er aus seiner Biographie sehr viel Frust und Wut aufgestaut hat: Hierher zu kommen und seine Heimat zu verlassen, dann nie seinen Beruf ausüben zu können.

Als Gastarbeiter hat er auch sehr viel Rassismus erlebt, und ich glaube, das hat ihn zu einem sehr wütenden Menschen gemacht, der das nicht anders zu verarbeiten wusste. Er hat viel geschimpft, war sehr aufbrausend und laut. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, merke bei mir selbst, wie viel Wut man dann doch in bestimmten Bereichen und Themen anstaut.

Inwiefern hat dein Vater beeinflusst, zu was für einem Mann du wurdest?

Bei ihm hab ich angefangen, Konfrontationen aus dem Weg zu gehen, die nach Konflikt und Gewalt riechen. Aber ich kann mittlerweile auch seine Wut besser verstehen.

"Versucht nicht, auf Biegen und Brechen eine Bindung aufrecht zu erhalten."

Wenn man die nicht verarbeiten oder rauslassen kann – ich kann mir vorstellen, wie schlimm das gewesen sein muss, weil ich das in manchen Bereichen auch so fühle. Im Nachhinein gibt’s da insofern schon eine Verbindung zwischen uns.

Was würdest du anderen Männern raten, die ein ähnlich schwieriges Verhältnis zu ihrem Vater haben?

Dass man sich seinen Vater nicht aussuchen kann ist klar, und dass er immer weiter dein Vater bleibt auch. Aber idealerweise hält man im Leben ja auch nur die Menschen, die einem gut tun, um sich herum. Von anderen sollte man, so gut es geht, immer Abstand nehmen.

Ich würde mir auf jeden Fall von niemandem mehr sagen lassen: "Das ist dein Vater, du musst mit dem auskommen." Vielmehr würde ich jedem raten, die Prinzipien, die man für andere Menschen allgemein hat, auch für den eigenen Vater anzuwenden.

Versucht nicht, auf Biegen und Brechen eine Bindung aufrecht zu erhalten, vor allem, wenn sie destruktiv ist.

Natürlich sind die Aussagen von Clemens Tönnies rassistisch!

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    Alle Leser-Kommentare
  • gundel gaukeley 15.09.2019 10:06
    Highlight Highlight Meiner Meinung nach gibt es nur 2 Arten von Menschen:
    Die normalen und die nazistischen Typen.
    Mein Mann hat auch einen Narzisten als Vater. Diese Menschen sehen nur sich selbst. Sie haben gelernt nach außen hin zu tun, als ob sie Interesse an Anderen haben.
    100% Kontaktabbruch und ein Psychologe,der einem hilft solche Menschen zu verstehen(das es einfach keinen Sinn hat) machen einem selbst das Leben angenehmer. Man kann Narzisten nicht zum Psychologen schicken, denn das scheint eine irreparable Sache zu sein. Mitleid ist ebenfalls der falsche Weg, denn der zerstört einen immer selbst.

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