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Die Optik von "Rain on Me" erinnert stellenweise an Cyberpunk-Videospiele. Bild: Screenshot Youtube

"Chromatica": Lady Gagas neues Album ist tanzbarer Trauma-Safe-Space

Na, macht Corona euch auch noch Angst? Bevor ihr mit euren Hamster-Horrorstorys zur Therapeutin rennt, haben wir einen Tipp für euch: Lady Gaga hat am Freitag ihr neues Album gedroppt – und das ist nicht weniger, als tanzbare Traumatherapie.

Stefani Joanne Angelina Germanotta alias Lady Gaga hat schon oft über ihre Traumata gesprochen. Die 34 Jahre alte amerikanische Popmusikerin sprach über Mobbing, Depressionen, chronische Schmerzen und eine Vergewaltigung.

Das ist wichtig zu wissen, wenn man sich ihr neues Album "Chromatica" anhört. Denn die Verarbeitung dieser Erlebnisse zieht sich durch die Lieder – auch wenn man das dem Elektropop beim ersten Hören kaum anmerkt.

Zum Beispiel in der Single "Rain on Me", einer Zusammenarbeit mit Ariana Grande. "I'd rather be dry, but at least I'm alive" (etwa: Ich wäre lieber trocken, aber zumindest bin ich am Leben), singen die Musikerinnen und tanzen im Musikvideo durch den Regen, der wohl eine Metapher für die Tränen der beiden Frauen ist.

Grande hat selbst in ihrer Karriere schlimme Erfahrungen gemacht. Dass "Rain on Me" am dritten Jahrestag des Selbstmordattentats veröffentlicht wurde, bei dem am 22. Mai 2017 auf einem Konzert von Grande in Manchester 22 Menschen und der Attentäter starben, ist vermutlich kein Zufall. Der Song kommt trotz schwieriger Lyrics gut an bei den Fans, über 61 Millionen Mal wurde er bei Youtube schon gestreamt.

Mit dem Track ist der Grundstein gelegt für das Thema, das "Chromatica" bestimmt: Tanze mit dem Schmerz und mache ihn dadurch erträglich. Ein Album wie eine Therapie.

Wer Lady Gaga kennt, weiß aber, dass Theatralik zum Gesamtkunstwerk gehört, und so ist es neben der Botschaft auch das Visuelle, das "Chromatica" charmant macht.

In den ersten beiden Musikvideos feiert Gaga eine 90er-Jahre-Ästhetik mit Neonfarben, Plateaustiefeln und Latex. "Stupid Love" sieht aus wie ein Retro-Videospiel. Ein rotes und blaues Team kämpfen in der Wüste gegeneinander, bis Gaga sie mit ihren pinkfarbenen "Kindness Punks" zum Schweigen und letztlich zum gemeinsamen Tanzen bringt.

Das könnte ein politischer Kommentar sein, sagte Gaga im Interview mit dem Apple-Music-DJ Zane Lowe. "Die Art, wie ich die Welt sehe ist, dass wir gespalten sind, und das sorgt für eine sehr angespannte Umgebung, die sehr extremistisch ist."

Safe-Space-Popmusik

Interessant ist auch hier die Verarbeitung von Traumata, die noch durch die schmissigsten Beats dringt. "Gotta quit this cryin', nobody's gonna heal me if I don't open the door", heißt es in "Stupid Love" an einer Stelle (etwa: Ich muss mit dem Weinen aufhören, niemand wird mich heilen, wenn ich nicht selbst das Tor öffne).

In dem Lied "911" singt Gaga, wie sie ebenfalls im Interview mit Lowe erläuterte, über die antipsychotischen Medikamente, die sie nimmt. Dahinter stecke das Konzept der "radikalen Akzeptanz", so die Musikerin:

"Ich weiß, dass ich mentale Probleme habe, ich weiß, dass diese manchmal dazu führen, dass ich nicht funktioniere als Mensch, aber ich akzeptiere, dass das geschieht."

Lady Gaga betont in Interviews immer wieder, dass Selbstliebe und Güte ihr Schaffen motivierten. Nebenher betreibt ihre "Born This Way"-Stiftung neuerdings eine digitale Plattform, auf der junge Menschen etwa ihre Erfahrungen mit Mobbing schildern können.

Dahinter mag Marketing-Kalkül stecken. Doch es gibt selten Popmusikerinnen, die so offen Themen wie Psychopharmaka, psychische Gesundheit oder sexuelle Gewalt ansprechen. In Zeiten, in denen etwa Mobbing im Internet erschreckend weit verbreitet ist, ist es deshalb eine gute Geste, wenn Popstars ihrem Millionenpublikum sichere digitale Räume schaffen oder ermächtigende Botschaften mit auf den Weg geben.

(pcl/dpa)

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