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Die fünf Frauen haben sich im Studium kennengelernt und zusammen ein Unternehmen gegründet. bild: &töchter

Interview

Gründerinnen über weibliche Führungskräfte und Nachhaltigkeit: "Ich als Chefin werde nach dem Geschäftsführer gefragt"

Jung, inspiriert und unbändig – mit diesen Leitworten beschreiben sich die fünf Gründerinnen des Verlags "&Töchter". Laura Nerbel, Lydia Hilebrand, Jessica Taso, Elena Straßl und Sarah Zechel haben während des gemeinsamen Studiums ein Unternehmen gegründet und wollen jetzt ganz oben in der Buchbranche mitspielen.

Im Interview mit watson sprechen Elena Straßl und Sarah Zechel darüber, was "&Töchter" von anderen Verlagen unterscheidet, warum es sie manchmal nervt, dass ihr Geschlecht im Fokus der Öffentlichkeit steht und weshalb man ihre Bücher aus ökologischer Sicht auf den Komposthaufen legen könnte – auch wenn sie dafür viel zu schade wären.

"Ich wollte etwas als Geschäftsführerin unterschreiben und wurde gefragt, ob nicht der Geschäftsführer dafür verantwortlich ist. Bis meinem Gegenüber klar wurde, dass ich das bin."

watson: Ihr habt als fünf junge Frauen gemeinsam einen Verlag gegründet, noch während des Studiums. Habt ihr weibliche Vorbilder, die euch dazu inspiriert haben?

Elena Straßl: Nein, nicht im Speziellen. Das liegt aber auch daran, dass es in der Buchbranche sehr wenige Chefinnen gibt, obwohl es eine sehr weibliche Branche ist. Leider ist es trotzdem oft so, dass die Führungsetagen dann von Männern besetzt sind. Das war etwas, das uns von Anfang an gestört hat.

Haben euch diese Strukturen Schwierigkeiten bereitet bei der Unternehmensgründung und beim Aufbau des Verlags?

Elena: Diese klassischen kleinen Momente, die jede Frau ständig im Arbeitsalltag hat, gab es bei uns auch. Beispielsweise, wenn ich als Geschäftsführerin etwas unterschreiben will und gefragt werde, ob nicht der Geschäftsführer dafür verantwortlich ist. Bis meinem Gegenüber klar wird, dass ich das bin und es selbst unterschreiben kann. Diese Momente sind aber nicht per se in der Buchbranche zu finden, sondern leider überall. Insgesamt hat uns die Branche sehr positiv aufgenommen und es waren alle sehr begeistert davon, dass wir als junges, weibliches Team die Szene aufmischen.

Glaubt ihr, dass ihr als junge Frauen einen anderen, weiblicheren Führungsstil mitbringt?

Sarah Zechel: Ich finde es schwierig, da nicht in Klischees zu verfallen, wenn man so etwas beschreibt. Unsere Entscheidungen treffen wir vielleicht schon anders als ein Verleger, der in der Hierarchie ganz oben steht und seine Vision hat, die er durchboxen will. Bei uns läuft viel übers gemeinsame Diskutieren ab, wir wägen ab und betrachten Dinge von verschiedenen Seiten.

Elena: Was mir gerade bei der Telefonakquise aufgefallen ist: Chefinnen sind uns als jungen Frauen deutlich offener gegenüber als ältere Männer. Männer begegnen uns jungen Frauen mit größerer Skepsis, denke ich. In der Zusammenarbeit ist es mit Frauen doch etwas leichter.

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Elena Straßl ist bei "&Töchter" für Veranstaltungen und den Vertrieb zuständig. bild: privat

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Sarah Zechel kümmert sich um Lektorat und Herstellung. bild: privat

Nervt es euch, dass so ein großer Fokus auf der Tatsache liegt, dass ihr alle Frauen seid?

Sarah: Wir haben darüber anfangs gar nicht nachgedacht. Das ist erst durch die Presse zu einem Merkmal von uns geworden. Eigentlich ist es traurig, dass das so stark betont wird – es sollte schließlich normal sein.

Elena: So glücklich und stolz wir auf die Presse auch sind, wir wollen uns nicht darauf ausruhen. Denn wir sind nicht nur Frauen, sondern auch Verlegerinnen. Und für unsere Arbeit wollen wir bekannt werden.

Reden wir also über eure Arbeit. Ihr seid ein nachhaltiger Verlag. Seht ihr generell einen Trend zu mehr Nachhaltigkeit in der Buchbranche?

Elena: Ja, auf die Inhalte bezogen schon. Es gibt immer mehr zu dem Thema, sehr viel im Ratgeberbereich. Aber wenige Bücher, die sich auch auf das Politische oder Gesellschaftliche konzentrieren.

"Man könnte unser Buch am Ende auf den Komposthaufen legen, weil alle Inhaltsstoffe wieder zurück in den ökologischen Kreislauf geführt werden."

Was macht ihr anders?

Sarah: Wir behandeln nicht nur nachhaltige Themen, sondern produzieren unsere Bücher auch nach dem Cradle-to-Cradle-Verfahren.

Und wie funktioniert das?

Sarah: Dabei werden nur Inhaltsstoffe für Papier, Farbe und alles drum herum verwendet, die schadstofffrei und nicht umweltschädigend sind, die keine Giftstoffe enthalten und bei denen kein Abfall entsteht. Ob die Produkte den Anforderungen entsprechen, wird von Druckerei und Lieferanten anhand von Laborproben überprüft. Man könnte das Buch am Ende auf den Komposthaufen legen, weil alle Inhaltsstoffe wieder zurück in den ökologischen Kreislauf geführt werden können. Das Buch ist so ein sehr ökologisches und nachhaltiges Produkt. Darauf legen wir seit Beginn großen Wert.

Das klingt sehr aufwendig.

Sarah: Ja, es ist ein sehr teuer Prozess, alle Produkte zertifizieren zu lassen und der Druck selbst ist auch teurer als ein herkömmlicher. Trotzdem haben wir die Preise nicht erhöht, denn wir wollen nicht, dass der Endkunde es "ausbaden" muss, dass der ökologische Druck momentan noch nicht Standard ist. Deswegen sind wir mit unseren Preisen im Normalbereich.

Elena: Es kann so auch nicht weitergehen. Jedes Jahr werden extrem viele Bücher gedruckt. Wir hoffen, dass in Zukunft diese Prozesse normal sein werden, mit denen wir jetzt schon anfangen.

Kennt ihr andere Verlage, die nach diesem Verfahren drucken?

Sarah: Manche Verlage machen das vom Inhalt des Buchs abhängig. Wenn es darin um Nachhaltigkeit geht, dann wird das Buch schon mal nach dem Cradle-to-Cradle-Verfahren gedruckt. Aber sonst sieht es diesbezüglich noch recht spärlich aus in der Verlagsbranche.

Elena: Es wird zwar super viel Marketing gemacht von den Verlagen, zum Beispiel #ohnefolie ist ja gerade ganz groß. Aber ob das Buch in Folie eingeschweißt ist oder nicht, ist letztlich nicht ausschlaggebend – es ist trotzdem extrem schadstoffreich gedruckt worden. Es gibt wohl keine Branche, in der nicht versucht wird, auf diesen grünen Zug mit aufzuspringen. Aber man muss schauen, wo es wirklich durchgezogen wird.

Worum geht es in eurem neuen Buch "Great Green Thinking"?

Sarah: Es ist sehr politisch und vereint viele verschiedene Perspektiven. Was kann ich als Individuum für mehr Nachhaltigkeit tun? Wie weit gehen meine Möglichkeiten? Der Blick wird aber vor allem auch auf die Gesellschaft gerichtet und untersucht, welche größeren Strukturen und Zusammenhänge dahinterstehen. Letztlich reicht es nicht, Hafermilch statt Kuhmilch zu trinken, am System muss sich grundlegend etwas ändern, damit ein großer Wandel stattfinden kann. Wie dieser Wandel aussehen kann, wird zum Beispiel in Interviews mit Menschen aus verschiedensten Bereichen beschrieben. Außerdem kommen drei Essayistinnen und Essayisten zu Wort, zum Beispiel wird thematisiert, warum die Klimabewegung so weiß ist. Es ist ein Rundumschlag zum Thema Nachhaltigkeit.

Es klingt so, als wärt ihr selbst stark involviert gewesen in das Buchprojekt. Stimmt das?

Elena: Dieses Buch ist wirklich unser Baby. Mit der Idee dazu haben wir gegründet. Es ist jetzt am Ende aber ganz anders geworden, als wir es uns am Anfang vorgestellt hatten, es hat einen sehr langen Prozess hinter sich. Schon vor zwei Jahren haben wir über das Buch gesprochen und es ist super schön, dass es bald endlich rauskommt.

Gibt es ein Wunschprojekt, das ihr in Zukunft gerne noch umsetzen wollt?

Sarah: Ich würde gerne mal etwas zu Feminismus machen. Das ist ein persönliches Projekt, das mich sehr bewegt.

Weltfrauentag bei watson
Am 8. März ist der Internationale Weltfrauentag – und das wollen wir von watson feiern! Deswegen präsentieren wir euch zu diesem Anlass Beiträge rund um das Thema Frauen, Gleichstellung und Gerechtigkeit.

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