Deutschland
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Autor Jan Weiler empfindet gegenderte Texte als "RAF Manifest". bild: screenshot ard

Hitziger Sprach-Talk bei "Hart aber fair": Nicht mehr Junge, sondern "Kind mit Penis"?

Dirk Krampitz

Frank Plasberg gönnt sich eine Corona-Pause und beackert bei "Hart aber fair" ein ganz anderes Thema: "Streit um die Sprache: Was darf man noch sagen und was besser nicht?" Zigeunersauce und Mohrenstraße gelten heute als rassistisch, finden die einen, die anderen beklagen sich, dass man "gar nichts mehr sagen" dürfe.

Frank Plasberg findet "lebenslanges Lernen ist nichts Schlechtes" und bezieht sich damit auf die Sprache. Aber so ganz überzeugt scheint er davon nicht zu sein. Denn er zitiert erstmal genüsslich aus den etwas ungelenken Sprach-Vorschlägen für die Berliner Verwaltung. Danach solle man nicht mehr "Ausländer" sondern "Einwohnende ohne deutsche Staatsangehörigkeit" sagen, "mit Migrationshintergrund" heißt jetzt besser "mit internationaler Geschichte". Seine Frage ist: Ist das moralischer Fortschritt, oder wollen diejenigen nur moralische Überlegenheit demonstrieren? Zu Gast bei Frank Plasberg sind:

Bestseller-Autor Jan Weiler ("Maria, ihm schmeckt’s nicht!") findet: "Nicht die Sprache, sondern die die Diskriminierten müssen von der Diskriminierung befreit werden. Die Sprache ist unschuldig."

Nicht mehr Junge, sondern "Kind mit Penis"?

Weiler erzählt er von einem Mann, der ihm seinen Sohn aus der Kita abholen wollte und dabei von der Kindergärtnerin belehrt wurde, dass das in dieser Kita nicht Junge oder Sohn, sondern "Kind mit Penis" heiße. Frank Plasberg ist kurz irritiert und sagt dann: "Das haben Sie sich ausgedacht". Aber Weiler beteuert, dass die Geschichte echt sei.

"Schlichtweg albern", findet er solche sprachlichen Lösungsansätze.

Weiler ist eingeladen als Gegner neuer Sprachregelungen und Tabus. Er empfindet generelles Gendern als "total übergriffig und eigentlich sogar frauenverachtend", weil es seiner Meinung nach Frauen als grundsätzlich schwach und schutzbedürftig hervorhebe. Sogar jene, die das vielleicht gar nicht wollten. Das Gendern erzeuge Widerstand bei Gegnern und sei somit für das völlig berechtigte Anliegen Gleichberechtigung eher schädlich. Und er habe auch noch keinen guten durchgegenderten Roman gelesen. Gegenderte Texte würden sich eher lesen "wie ein RAF-Manifest".

Auch findet er: Das Wort "Negerkönig" in Pippi Langstrumpf "drinlassen, unbedingt". Denn: "Ein Kunstwerk, es hat ein Recht auf das, was es ist". Sonst könne im Zuge von Correctnesss-Debatten der Venus von Milo ja auch gleich einen Badeanzug anziehen. Und anstößige Begriffe "verschwinden doch sowieso, weil die Sprache lebt".

Jürgen von der Lippe wenig onkelhaft

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Der Komiker Jürgen von der Lippe will "kein Blatt vor den Mund nehmen". bild: screenshot ard

Damit hat Jan Weiler mit gerade einmal 52 Jahren die Rolle des alten weißen Mannes in der Diskussion gefunden. Dafür war eigentlich Jürgen von der Lippe eingeladen. Er ist bekannt für seinen onkelhaften Humor und nochmal 20 Jahre älter.

Zwar behauptet er am Anfang: "Mein Beruf ist es, nicht unbedingt ein Blatt vor den Mund zu nehmen." Aber dann geht er an diesem Abend seinem Beruf nicht besonders engagiert nach und bleibt ziemlich blass. Er beklagt er sich darüber, dass er nach einem TV-Auftritt – ebenfalls bei "Hart aber fair", wo er sich für für (bewussten) Fleischkonsum ausgesprochen habe - beim Besuch in einem Berliner Off-Kino von einer Zuschauern mit den Worten "Da kommt der Fleischfresser" begrüßt wurde.

Nach vielen Indoktrinationserfahrungen von Kirche über Bundeswehr bis zur Liebäugelei mit dem Kommunismus beuge er sich heute mit 72 Jahren "in sprachlicher Hinsicht keinen Vorschriften mehr". Und Pippi Langstrumpf solle man bitte genauso lassen wie sie sind.

"Ein Buch ist ein Zeitzeuge."

Jürgen von der Lippe

Man könne es ja mit den Kindern besprechen.

Das findet Stefanie Lohaus, Feministin und Publizistin („Missy Magazine“) überhaupt nicht. "Die Sprache konstituiert unser Denken. Vor der Gewalt kommt immer die Sprache." Sie liest Pippi Langstrumpf nichtmal ohne N-Wort vor, "weil es eine koloniale Geschichte ist".

Eine Grenze ist überschritten

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Svenja Flaßpöhler findet, die Grenzen für Sagbares sind enger geworden. Bild: screenshot ard

Svenja Flaßpöhler, Philosophin und Chefredakteurin des "Philosophie Magazin", kommt zum Schluss: "Der Pfad des Sagbaren ist enger." Zwar nicht im juristischen Sinne, aber moralisch und sittlich. Sie finde die Debatte um diskriminierungsfreie Worte wichtig. "Aber im Moment ist die Grenze überschritten. Das ist für mich Sprachtotalitarismus und nicht Sprachempfindlichkeit. Das Problem ist der institutionelle, vorauseilende Gehorsam." Man müsse aufpassen, dass die an sich gute Debatte nicht umkippt.

Der Koch mit dem "Mohrenkopf"

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Andrew Onuegbu betreibt das Restaurant "Zum Mohrenkopf" in Kiel. bild: screenshot ard

Das beste Beispiel dafür liefert der Koch Andrew Onuegbu ist Inhaber des Restaurants "Zum Mohrenkopf". Er hat den Namen selbst ausgesucht, obwohl er aus Biafra stammt und schwarz ist. "Mohrenkopf war im Mittelalter positiv besetzt, eine Auszeichnung für gute Küche." In Kiel würden ihn auch alle in der schwarzen Community nur "Mohrenkopf" nennen, er findet das ok.

Er erinnert sich an den Besuch eines schwarzen Mannes und seiner weißen Begleiterin in seinem Restaurant. Sie wollten den Chef sprechen, um sich über den rassistischen Namen zu beschweren. Und sie glaubten Onuegbu nicht, dass er der Chef sei. Der schwarze Gast fragte ihn stattdessen empört: "Bruder, warum arbeitest Du bei einem Nazi?"

Am Ende mussten sie ihm glauben, und er habe ihnen gesagt: "Das, was sie gemacht haben, ist Rassismus!" Weil sie es für unmöglich hielten, dass ein schwarzer Mann ein Restaurant haben könne. Er plädiert für einen selbst bestimmten Umgang mit dem Thema. "Jeder hat seine Meinung – manche Schwarzen sind nicht selbstbewusst, das ist immer schlimm, wenn man nicht weiß, was man ist."

"Ich finde es ganz schlimm, wenn Leute mir sagen, wann meine Gefühle verletzt sind. Ich brauche dazu keine zweite oder weiße Person."

Andrew Onuegbu

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Stephan Anpalagan findet, man sollte Bücher anti-rasssistisch umschreiben. bild: screenshot ard

Aber genau das tut dann wieder Stephan Anpalagan. Seine Eltern flüchteten 1984 vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka nach Deutschland. Er ist Theologe und Journalist. Dem Koch Onuegbu entgegnet er: Dass er Recht habe, jeder entscheide das selbst. Aber: "Der Name geht trotzdem nicht." Denn: "Auch wenn sie als betroffener Mensch es so sagen, heißt das nicht, dass es geht."

Anpalagan würde Pippi Langstrumpfs Vater lieber als "Südseekönig" beschrieben lesen. Einen Bestseller umschreiben – der Diplom-Theologe sieht da kein Problem. "Selbst die Bibel wird alle 30 Jahre neu übersetzt." Und man könne nicht alles mit Tradition und Geschichte begründen. Hakenkreuze habe man nach dem Ende des Nationalsozialismus auch heruntergenommen und Hitler-Straßen umbenannt.

Die Talk-Runde geht genauso unversöhnt zu Ende, wie sie begonnen hat. Und das, obwohl sich alle über das Ziel einig sind: Weniger Diskriminierung und mehr Gleichberechtigung. Nur über den Weg dorthin herrscht höchste Uneinigkeit.

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