Deutschland
Thilo Mischke

Auf Tuchfühlung: Journalist Thilo Mischke lässt sich in Dortmund von Rechten erklären, was denn bitte hinter der Abkürzung "HknKrz" stecken soll. bild: prosieben

Analyse

"Rechts. Deutsch. Radikal": So schonungslos reden Rechte vor der ProSieben-Kamera

Selten hat eine TV-Dokumentation so ein lautes öffentliches Echo verursacht wie "Rechts.Deutsch.Radikal." Gut zwei Stunden präsentierte ProSieben am Montagabend den Zuschauern die Ergebnisse von anderthalb Jahren Recherche, die Journalist Thilo Mischke und sein Team in unterschiedlichen Bereichen der rechtsradikalen Szene in Deutschland durchgeführt haben – von Neonazi-Konzerten bis in die Bundestagsfraktion der AfD.

Die Doku hat schon jetzt Folgen für die Politik in Berlin: Die AfD-Fraktion im Bundestag hat ihrem seit Längerem suspendierten ehemaligen Pressesprecher Christian Lüth gekündigt, weil der während der Arbeiten an "Rechts.Deutsch.Radikal" von einer versteckten Kamera dabei gefilmt wurde, wie er davon sprach, Migranten zu "erschießen" oder zu "vergasen".

Was bleibt sonst davon? Die vier wichtigsten Erkenntnisse aus der ProSieben-Doku.

Lob für fehlende Werbung und den freien Primetime-Platz

Ausgerechnet ProSieben. Schon vor der Ausstrahlung der Doku hat der Privatsender aus Unterföhring bei München Anerkennung bekommen:

Am Tag darauf zeigt sich: Für ProSieben hat sich der mediale Coup auch in Sachen Quote gerechnet. 1,69 Millionen Menschen sahen die Dokumentation, in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen lag der Marktanteil bei 14,6 Prozent, damit lag ProSieben sogar knapp vor der "Höhle der Löwen" auf Vox.

Reporter lässt Protagonisten reden

An solche Aussagen kommt Journalist Mischke, der auch Protagonist der Dokumentation ist, auch, weil er den Rechtsextremen sehr nahekommt. Er lässt sie reden, oft ohne moralische Überlegenheit zu zeigen.

Der positive Effekt davon: Dadurch geben die Rechtsextremen vor der Kamera selbst viel von ihrem menschenverachtenden Weltbild preis. Ein Weltbild, das im Endeffekt auf der jahrhundertealten Wahnidee basiert, dass Deutscher nur sein kann, wer weiß ist, auf der überholten und wissenschaftlich widerlegten Vorstellung, dass es so etwas wie "deutsches Blut" gebe, das man rein halten könne. Es ist wichtig, dass die Zuschauer schonungslos sehen, wie die Rechtsradikalen denken.

Der negative Effekt: Mischke baut manchmal zu viel Nähe auf, baut manchen Rechten eine große Bühne, auf der sie mit der vermeintlichen Coolness ihrer gewaltverherrlichenden Szene prahlen können. Hier wäre eine Einordnung des Geschehens seitens der Produktion und ProSieben empfehlenswert gewesen.

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Thilo Mischke im Gespräch.

Starke Momente, in denen sich Rechtsradikale selbst entlarven

An mehreren Stellen der Doku kann man Rechtsradikalen dabei zusehen, wie sie sich selbst entlarven. Zwei Beispiele:

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Thilo Mischke im Gespräch mit dem 17-jährigen Rechtsradikalen Sanny. bild: screenshot prosieben

Die freundliche Maske der AfD fällt

Mischke trifft sich mit Vertretern der AfD, ist auf einer AfD-Wahlparty, mischt sich unter das Publikum einer Rede des rechtsextremen thüringischen AfD-Chefs Björn Höcke, er besucht eine Buchvorstellung in den Räumen der AfD-Fraktion im Bundestag.

Bei dieser Veranstaltung geht es um den Umgang mit dem Islam. Der Autor eines islamkritischen Buchs stellt sein Werk vor. Und er sagt dabei diesen Satz: "Über kurz oder lang werden wir nicht darum herumkommen, den Islam zu verbieten." Eine eindeutig verfassungswidrige bis verfassungsfeindliche Aussage: Die Religionsfreiheit ist ein Grundrecht, das in Artikel 4 des Grundgesetzes gewährleistet wird - und das nur in Ausnahmefällen eingeschränkt werden darf.

Mischke bekommt bei seinen Recherchen rund um die AfD unverhofft Unterstützung der rechten Influencerin Lisa Licentia. Die bricht im Gespräch mit Mischke im Februar 2020 in Tränen aus – und lässt erkennen, dass sie aus der rechten Szene aussteigen will. Später bietet sie ihm an, ein Gespräch mit einem hohen AfD-Funktionär mit verdeckter Kamera aufzunehmen.

Der Funktionär ist Fraktionspressesprecher Christian Lüth. Er sagt darin unter anderem diese Sätze:

"Je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die AfD. Das ist natürlich scheiße, auch für unsere Kinder. (…) Aber wahrscheinlich erhält uns das."

Und über Geflüchtete und Migranten, die nach Deutschland kommen, sagt er:

"Wir können die [Migranten] nachher immer noch alle erschießen. Das ist überhaupt kein Thema. Oder vergasen, oder wie du willst."

Lüth ist damals einer der engsten Vertrauten von AfD-Fraktionschef Alexander Gauland, während des Gesprächs mit Lisa Licentia telefoniert er mit Gauland. Und rät ihm dazu, die damals frische Wahlniederlage der AfD bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg gegenüber der Presse mit der angeblichen Diskriminierung der AfD durch die Medien zu erklären. Was Gauland am folgenden Tag dann tatsächlich tut.

Ein Rassist, der dem mächtigsten AfD-Mann einflüstert. Viele langjährige Beobachter der AfD schockiert diese Erkenntnis vermutlich kaum mehr. Aber einen Teil des Publikums der ProSieben-Doku womöglich schon.

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