Deutschland
Germany's far-right Alternative for Germany (AfD) leader Alexander Gauland and AfD party member Alice Weidel attend a plenum session at the lower house of parliament, Bundestag, in Berlin, Germany, March 4, 2020.  REUTERS/Annegret Hilse

Alexander Gauland und Alice Weidel im Bundestag. Bild: reuters / ANNEGRET HILSE

Interview

Historiker: Gauland-Aussage "ist charakteristisch für die Neue Rechte"

Vor 75 Jahren, am 8. Mai 1945, endete der Zweite Weltkrieg durch die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht – und damit auch die Zwangsherrschaft der Nazis. Nicht nur in Deutschland, auch in vielen anderen europäischen Ländern wird daran mit Gedenkfeiern erinnert.

In Deutschland ist der 8. Mai bislang kein offizieller Feiertag. Lediglich in Berlin ist er es dieses Jahr ausnahmsweise. Politiker vieler Parteien fordern schon länger, ihn endlich zu einem bundesweit gesetzlichen Feiertag zu machen.

Doch manche Politiker sehen das anders. Der AfD-Fraktionschef Alexander Gauland hat sich dagegen ausgesprochen, den 8. Mai, zum Feiertag zu erklären. "Der 8. Mai hat nicht das Potenzial zu einem Feiertag, weil er ein ambivalenter Tag ist", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland am Mittwoch. Für die KZ-Insassen sei er ein Tag der Befreiung gewesen. "Aber es war auch ein Tag der absoluten Niederlage, ein Tag des Verlustes von großen Teilen Deutschlands und des Verlustes von Gestaltungsmöglichkeit."

Die Historiker Hannes Liebrandt und Niklas Fischer-Miyakis von der Universität München sehen darin ein typisches Muster. Sie erklären gegenüber watson, dass es sich um eine Doppelbotschaft des AfD-Politikers handele. Gauland halte seine Aussage bewusst zweideutig. Wie er konkret argumentiert, sei dabei typisch für die "Neue Rechte".

Die Experten

Dr. Hannes Liebrandt und Niklas Fischer-Miyakis sind Historiker am Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte & Public History an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Beide beschäftigen sich intensiv mit der Geschichte des Nationalsozialismus und der NS-Erinnerungskultur nach 1945. Dr. Hannes Liebrandt ist zusätzlich Guide am NS-Dokumentationszentrum in München, Niklas Fischer-Miyakis untersucht in seiner Dissertation das Geschichtsbild der "Neuen Rechten".

watson: Um erstmal Klarheit zu schaffen: Warum ist es historisch so wichtig, was am 8. Mai 1945 geschehen ist?

Hannes Liebrandt: Am 8. Mai endet mit dem Nationalsozialismus die bis dato schwerwiegendste und verbrecherischste Epoche der deutschen Geschichte. Durch die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht endet der Zweite Weltkrieg in Europa und das bedeutet auch das Ende der faschistischen Diktatur in Deutschland und Europa.

Heute spricht man von einem Tag der Befreiung. War das schon immer so?

Niklas Fischer-Miyakis: Deutschland hat sich da sehr lange sehr schwergetan. Als Zäsur gilt erst die Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker im Jahr 1985. Da sprach erstmals ein deutscher Politiker vor einer breiten Öffentlichkeit von Schuld und davon, dass Deutschland befreit worden ist.

Davor war das also keineswegs Konsens?

Fischer-Miyakis: So hatte man das lange nicht gesehen. Sicher nicht am 8. Mai 1945, wo die meisten Deutschen noch fanatische Anhänger des Nationalsozialismus waren – die haben das gar nicht als Tag der Befreiung empfunden. Bis heute war das ein langer, steiniger Weg in der deutschen Erinnerungskultur.

"Nach Kriegsende, bis in die 60er Jahre, hat mehrheitlich eine Phase des kollektiven Beschweigens stattgefunden."

Wie war das denn direkt nach dem Krieg?

Liebrandt: Unmittelbar nach Kriegsende, bis in die 60er Jahre, hat mehrheitlich eine Phase des kollektiven Beschweigens stattgefunden. Allmählich aufkommende Aufarbeitungsbestrebungen hat man entweder missachtet oder sogar bewusst unterdrückt. Deshalb gab es noch keine systematische Aufarbeitung. Das ändert sich dann erst mit den 60er Jahren.

Was passiert da?

Liebrandt: Da fangen die Söhne und Töchter an, bei den Eltern nachzufragen: Was habt ihr denn eigentlich im Krieg gemacht? Und allmählich setzt sich ein ethisches Bewusstsein dafür durch, dass ein Neuaufbau nicht ohne kritische Aufarbeitung stattfinden kann.

Fischer-Miyakis: Ein Wendepunkt ist das Jahr 1959. Da gab es Hakenkreuzschmierereien, vor allem an Synagogen. Unter diesem Eindruck hat man angefangen, sich z.B. in der politischen Bildung stärker mit der eigenen Täterschaft auseinanderzusetzen.

Liebrandt: Aber im öffentlichen Raum hat man von dieser Aufarbeitung noch nicht sehr viel mitbekommen. Zum Beispiel etabliert sich die Eröffnung von KZ-Gedenkstätten erst ab den 60er Jahren. Und das ging vor allem von KZ-Überlebenden aus. Deren Initiativen haben erst dazu geführt, dass an diesen Orten an die Verbrechen der Nationalsozialisten erinnert wurde.

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Historiker Hannes Liebrandt. Bild: Hannes Liebrandt

"Die Aufarbeitung kam meist aus der Mitte der Gesellschaft, von unten nach oben, nicht umgekehrt."

Hannes Liebrandt

Es gab also nicht ab 1945 eine von oben verordnete Erinnerungskultur, sondern diese musste erst in einem langen Prozess von unten erkämpft werden?

Fischer-Miyakis: Absolut. Zum Beispiel wird von der "Neuen Rechten" gern behauptet, die Alliierten hätten uns die Art und Weise des Erinnerns aufgezwungen. Tatsächlich war es aber vor allem die Zivilgesellschaft, aus der ein Antrieb für die NS-Erinnerung gekommen ist.

Liebrandt: Genau. Die Aufarbeitung kam meist aus der Mitte der Gesellschaft, von unten nach oben, nicht umgekehrt. Es war oftmals eine Reaktion der Politik auf gesellschaftlichen Druck.

Noch 1970 hat Bundeskanzler Willy Brandt als erster Kanzler an einer Feier zum 8. Mai teilgenommen. Die CDU/CSU hat das damals kritisiert und meinte: "Man feiert keine Niederlagen".

Liebrandt: Die Aufarbeitung war ein kontinuierlicher Prozess. Man kann es nicht an einem bestimmten Jahr festmachen. Das Bewusstsein, dass man sich aktiv mit der Geschichte auseinandersetzen muss, setzt sich allmählich in den 60er Jahren durch.

"Die Aufarbeitung eigener, verbrecherischer Geschichte ist in Deutschland summa summarum doch sehr gut gelungen."

Hannes Liebrandt

Welche Entwicklungen gab es in der jüngeren Vergangenheit?

Liebrandt: Mit den 90er Jahren setzte es dann viel stärker ein, dass man sich auch mit Tätergeschichte auseinandergesetzt hat, mit Täterbiographien und mit Täterorten. Davor, mit KZ-Gedenkstätten, hat man sich eher mit den Opfern beschäftigt, ab 1990 beginnt eine systematische Täterforschung. Das führt dazu, dass von da an auch an Täterorten Lernorte wie zum Beispiel Dokumentationszentren errichtet werden. Das gab es bis in die 90er Jahre nicht.

Ist die Aufarbeitung aus Ihrer Sicht erfolgreich gewesen?

Liebrandt: Mir fehlt in dieser Diskussion, die Aufarbeitung deutscher Geschichte auch mal als Erfolg anzuerkennen, denn das ist sie zum Teil auf jeden Fall gewesen. Da tun sich andere Länder viel schwerer. Die Aufarbeitung eigener, verbrecherischer Geschichte ist in Deutschland summa summarum doch sehr gut gelungen.

"Gauland streitet die Verbrechen nicht ab, sondern versucht, auch vermeintlich ruhmreiche deutsche Geschichte in der Zeit von 1933 bis 1945 danebenzustellen."

Hannes Liebrandt

Wie ist Gaulands Aussage vor diesem Hintergrund einzuordnen?

Fischer-Miyakis: Zunächst einmal ist es hochgradig revisionistisch. Er impliziert damit ja, dass er den damaligen Status Quo infrage stellt. Er spricht von einem Verlust von großen Teilen Deutschlands. Wir feiern am 8. Mai aber nicht Gebietsverkleinerungen, sondern einen Tag der Befreiung, weil wir es nach all dem Terror heute besser wissen als unsere Vorfahren. Wenn Gauland noch im Jahr 2020 von Gebietsverlusten spricht, dreht er diese Logik gewissermaßen um. Aus Feiertag wird dann eher "Trauertag".

Liebrandt:
Das sind ja wohlüberlegte Worte. Das ist keine spontane Äußerung, sondern bewusste. Gauland streitet die Verbrechen ja nicht ab, sondern versucht, auch vermeintlich ruhmreiche deutsche Geschichte in der Zeit von 1933 bis 1945 danebenzustellen. Das ist dieselbe Logik wie bei seiner "Vogelschiss-Theorie". Er versucht, den Kontext zu erweitern: Es gab diese Verbrechen, Gauland bleibt aber in dieser Aber-Argumentation verhaftet, um dann den Fokus auf andere Aspekte zu legen.

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Historiker Niklas Fischer-Miyakis. Bild: Stefan Loeber

"Das ist sehr charakteristisch für die 'Neue Rechte'"

Niklas Fischer-Miyakis

Was genau bezweckt er damit?

Liebrandt: Das sind Doppelbotschaften. Man kann diesen Satz entweder so oder so lesen. Und dessen ist er sich bewusst.

Fischer-Miyakis: Es ist der Versuch einer gewissen Art der Aufrechnung, weil er ja auf die deutschen Opfer verweist. Das ist sehr charakteristisch für die "Neue Rechte", die wiederum stark auf die AfD einwirkt.

Wie funktionieren diese Doppelbotschaften genau?

Liebrandt: Durch die Aussendung von Doppelbotschaften will er sich nicht angreifbar machen, aber gleichzeitig bestimmte Botschaften aussenden. Und die sind verheerend. Denn natürlich war der 8. Mai für weite Teile der Bevölkerung eine Befreiung. Das gilt nicht nur für die KZ-Insassen, sondern auch für den Rest, der in einer zwölf Jahre langen Diktatur leben musste und sich selbst mehr oder minder stark auch an den Verbrechen beteiligt hat.

Es gibt auch Kritik an dieser Lesart, die betont, dass die Deutschen Täter und nicht Opfer waren, die befreit werden mussten.

Fischer-Miyakis: Natürlich ist der Nationalsozialismus am 8. Mai 1945 nicht einfach aus den Köpfen der Menschen verschwunden, viele dürften den Tag deshalb gerade nicht als Befreiung empfunden haben. Aber wir haben heute ja eine andere Perspektive. Wir bezeichnen den Tag als Befreiung und das meinte auch Weizsäcker, weil wir uns der Verantwortung für die Taten unserer Vorfahren stellen.

Liebrandt: Wir müssen unterscheiden zwischen einem zeitgenössischen Denken nach 1945 und heute. Unser heutiges Denken prägt eine lange Phase von Wohlstand und Frieden. 1945 dagegen war Deutschland aufgeteilt in verschiedene Besatzungszonen. Es wurde stark deindustrialisiert, nicht nur im Osten, auch im Westen. Das alles hat natürlich dazu beigetragen, dass viele nicht unbedingt an Befreiung gedacht haben.

"Die 'Neue Rechte' pflegt ein anderes Narrativ. Da wird der Holocaust nicht geleugnet, sondern relativiert."

Niklas Fischer-Miyakis

Wie unterscheidet sich Gaulands Taktik von der Vorgehensweise klassischer Neo-Nazis?

Fischer-Miyakis: Es ist ganz wichtig, dass nicht alles in einen Topf zu werfen. Die "Neue Rechte" pflegt ein anderes Narrativ. Da wird der Holocaust nicht geleugnet, sondern relativiert. Gauland etwa impliziert ja, ohne es direkt zu sagen, wir müssen auch mal an unsere eigenen Opfer denken. Genauso wenig sollte man übrigens die AfD mit der "Neuen Rechten" in einen Topf schmeißen, auch wenn es da viele Überschneidungen gibt.

Was genau meint Gauland eigentlich, wenn er vom Verlust von Gestaltungsmöglichkeiten spricht?

Liebrandt: Das entspricht genau der Taktik der Doppelbotschaften. Er hält es bewusst im Unklaren. Nach 1945 war Deutschland zunächst kein souveräner Staat, sondern in vier Besatzungszonen aufgeteilt und hatte daher schon formal eingeschränkte Gestaltungsmöglichkeiten. Ob er jedoch das damit meint, kann zumindest bezweifelt werden.

Fischer-Miyakis: Das impliziert auf jeden Fall auch, dass Deutschland sehr lange nicht souverän gewesen sei und keine eigene Geschichtsschreibung gehabt habe. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Es ist ja ein selbstbewusster Akt, sich mit der eigenen Täterschaft auseinanderzusetzen. Und das wurde und wird auch nicht von irgendjemandem von außen vorgeschrieben.

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