Deutschland
Bild

Bild: getty images

Meinung

"Die Gefahr, die vom Coronavirus ausgeht, ist real – aber aus den falschen Gründen"

In Deutschland grassiert eine Epidemie. Damit ist nicht das Coronavirus gemeint, den nun auch Gesundheitsminister Jens Spahn als sich ausbreitendes Problem erkannt hat: Sondern die Panik vor einer Ansteckung mit Sars-CoV-2, die sich gefühlt schneller ausbreitet als das Virus selbst.

Das letzte, was wir in der aktuellen Situation gebrauchen können, ist das: Panik. Denn vorschnelle und überzogene Entscheidungen, die aus Furcht und häufig auch Unwissen getroffen werden, können am Ende denen schaden, für die der Coronavirus tatsächlich lebensbedrohlich werden könnte. Das betrifft allerdings nur einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung hierzulande.

Eine Grippeepidemie gibt es jedes Jahr in Deutschland – für die meisten ungefährlich

Dass es Coronaviren in Deutschland gibt, ist übrigens nicht neu. Sie gehören zu einer Gruppe von Krankheitserregern, die grippeartige Infekte auslösen – sowie auch Sars oder Mers. Zu den Symptomen gehören zum Beispiel Halsschmerzen und Fieber, oftmals klingen sie nach wenigen Tagen wieder ab – das kennen wir alle. Das ist nicht angenehm, im Normalfall allerdings auch nicht gefährlich.

Bei Sars-CoV-2 handelt es sich um einen neuartigen Coronavirus, also eine neue Variante aus der Familie der Sars-Erreger. Dass Viren mutieren, ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Auch der Influenzavirus, der die Grippe auslöst, hat eine hohe Mutationsrate und prägt jedes Jahr neue Veränderungen aus.

Im Prinzip ist das, was wir mit dem Coronavirus in Deutschland also aktuell erleben, gar nicht so neuartig wie das Virus selbst. Es gibt jedes Jahr eine Erkältungszeit, eine Grippewelle, eine Epidemie. Wenn Jens Spahn also sagt, "Wir stehen am Beginn einer Epidemie", ist das weniger alarmistisch gemeint, als es zunächst klingt. Vielmehr zeigt er damit, dass die Bundesregierung die Ängste der Menschen ernst nehmen will.

Spahns Aussage, dass die Coronavirus-Epidemie kommt, gießt Öl ins Feuer

Und trotzdem wirkt Spahns Aussage vor dem Hintergrund der übermächtigen Verunsicherung, die gerade herrscht, als würde man Öl ins Feuer gießen. Ja, die Epidemie kommt. Ja, wir müssen die Gefahr, die vom Coronavirus ausgeht, ernst nehmen – um diejenigen zu schützen, die zu einer Risikogruppe gehören: Das sind ältere Menschen über 70, das sind Menschen, die an einer Immunschwäche leiden, das sind Menschen, die eine schwere Vorerkrankung wie Krebs erlebt haben.

Panik trägt dazu bei, dass sich Menschenmengen bilden: Wer Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus hat, geht nun zum Arzt. Sitzt in überfüllten Wartezimmer oder gar in der Notaufnahme im Krankenhaus. Stellt sich in der Apotheke oder im Drogeriemarkt in die Schlange für Desinfektionsmittel und Schutzmasken. Versucht sich im rege besuchten Supermarkt mit Konserven für den Notfall einzudecken.

Apotheker ziehen Konsequenzen aus dem Ansturm wegen Corona

Auch der Apotheker Lutz Steinfurth aus Heinsberg, wo bisher 20 Fälle einer Ansteckung mit dem Coronavirus bekannt geworden sind, sagte im Gespräch mit watson: "Panik ist nur kontraproduktiv, denn Panik bringt die Menschen wortwörtlich zusammen – und dann ist es wahrscheinlicher, dass sich Krankheitserreger verbreiten." Er selbst erlebt in seiner Apotheke gerade den Andrang der Kunden und die erhöhte Nachfrage, zum Beispiel nach Desinfektionsmittel.

Wenn Menschen Desinfektionsmittel bunkern, fehlt es im schlimmsten Fall für ältere und schwächere Menschen

Nicht nur, dass sich in solchen Situationen Krankheitserreger besser verbreiten können und dann unter Umständen diejenigen treffen, für die eine Krankheit wirklich gefährlich werden könnte (nochmal: für den Großteil der Bevölkerung ist das Coronavirus ungefährlich). Die Wahrscheinlichkeit besteht, dass sich wenig gefährdete Menschen mit Ressourcen wie Desinfektionsmittel und Schutzmasken eindecken, ohne sie wirklich zu brauchen. Im schlimmsten Fall fehlen diese Produkte dann für ältere und schwächere Menschen.

Steinfurth hat in seiner Apotheke deswegen beschlossen, nur noch eine Flasche Desinfektionsmittel pro Person herauszugeben, um so die Ressourcen gerecht zu verteilen. Andere sind nicht so umsichtig und wittern das große Geschäft mit der Angst:

Während manche Apotheken schon keine Schutzmasken mehr herausgeben, weil sie medizinischem Fachpersonal oder gefährdeten Personen vorbehalten sein sollten, handeln zwielichtige Händler auf Ebay zum Beispiel schon mit den begehrten Masken. 70 Euro verlangen sie teilweise – Stückpreis. Normalerweise kosten sie bis zu 20 Euro, wenn sie die Luft filtern und so vor Krankheitserregern schützen sollen. Ein einfacher Mundschutz kostet nur wenige Euros.

Händewaschen reicht vollkommen aus, um sich vor Coronaviren zu schützen

Dass selbst das Robert-Koch-Insitut sagt, Atemschutzmasken sind unnötig, ist für solche Händler irrelevant. Reinfallen sollte man auf die Angebote dennoch nicht. Selbst Desinfektionsmittel ist vor allem sinnvoll bei Menschen, die im medizinischen Bereich arbeiten oder im Alltag mit sehr vielen Menschen zu tun haben – wenn sie zum Beispiel im Verkauf arbeiten.

Einfache Seife schützt vor Coronaviren, aber auch anderen Krankheitserregern

Ansonsten reicht Händewaschen völlig aus, um sich nicht nur vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus, sondern auch anderen grippeähnlichen Viren oder Influenza zu schützen. Denn das Coronavirus gehört zu den nicht allzu hartnäckigen umhüllten Viren: Durch Seife kann die äußere Hülle, die Membran, zerstört werden. Dann wird der Virus einfach mit Wasser weggespült.

Auch eine gute Nies-Etikette ist zu empfehlen, also in die Armbeuge niesen und husten anstatt in die Hand. Das gilt allerdings jedes Jahr, bei jeder Grippe- oder Erkältungswelle. Also bei jeder Epidemie mit Krankheitserregern, die den Durchschnittsbürger vielleicht eine Woche lang mit Halsweh und Fieber ans Bett fesseln – denn das tut das Coronavirus bei den meisten Menschen, die sich anstecken.

Wer Symptome von Corona verspürt, soll bitte nicht gleich zum Arzt rennen

Wer also nun ein Kratzen im Hals verspürt und sich unwohl fühlt, soll bitte nicht zum Arzt oder gar ins Krankenhaus rennen, um nicht Kapazitäten für tatsächlich kritische Fälle abzuschöpfen. Wer sich nun mit einer Erkältung zum Arzt begibt, wird sehr wahrscheinlich mit genau dieser Diagnose wieder nach Hause geschickt werden: Erkältung. Denn sofern man nicht zu einer Risikogruppe gehört, wird sehr wahrscheinlich nicht extra ein Labortest auf Corona angefordert.

Dafür könnte man im Wartezimmer einen 80-jährigen Patienten mit Immunschwäche anstecken, der womöglich den Labortest und eine intensive medizinische Betreuung brauchen wird.

Wer nun eher am Lebensanfang oder der Mitte steht, kerngesund, aber trotzdem verunsichert ist, kann zunächst erst einmal seinen Arzt anrufen und nachfragen, ob man zusätzliche Schutzmaßnahmen ergreifen muss. Wie bei jedem anderen Infekt wird in solchen Fällen aber meist helfen: viel trinken – und Ruhe bewahren.

1 Kommentar
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1

Markus Lanz will Virologe aus der Reserve locken – es geht schief

Während in der Nacht zu Mittwoch mit dem TV-Duell zwischen Donald Trump und Joe Biden der Wahlkampf in den USA in die heiße Phase geht, wird hierzulande vor allem über die neuen Anti-Corona-Maßnahmen, die beim Bund-Länder-Gipfel beschlossen wurden, debattiert. Markus Lanz sprach mit seinen Gästen am Dienstag über beide Themen und versuchte vor allem Virologe Jonas Schmidt-Chanasit aus der Reserve zu locken.

Elmar Theveßen war aus Cleveland in Ohio live ins Studio geschaltet und berichtete von …

Artikel lesen
Link zum Artikel