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Rechtsextreme, hier Demonstranten in Hannover, brauchen mehr Repressionsdruck, sagt Experte Jan Rathje. Bild: imago images/localpic

Experte nach Anschlag: "Täter werden in Foren als Helden gefeiert"

Nach dem Anschlag auf zwei Shisha-Bars und einen Kiosk in Hanau am Mittwochabend sind das Entsetzen und die Trauer groß. Wieder mal, muss man sagen, denn es ist keineswegs der erste Anschlag in Deutschland mit rechtsextremem Hintergrund. Dass dieser besteht, wurde schnell aus dem Bekennerschreiben des Täters ersichtlich.

Nach den NSU-Morden, den Attentaten von München und Halle, dem Mord an Walter Lübcke und nun dem Anschlag in Hanau sind viele ratlos. Was kann die Gesellschaft tun? Was müssen die Behörden besser machen? Und wie geht man mit dem Problem insgesamt um?

Watson hat mit dem Politikwissenschaftler Jan Rathje gesprochen. Er ist Experte für Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus – und sieht eine Verbindung zwischen den Tätern von Christchurch, Halle und jetzt Hanau.

watons: Herr Rathje, was wissen wir über das Motiv des Täters?

Jan Rathje: In verschiedenen Dokumenten, die der mutmaßliche Täter geschrieben hat, wird ein rechtsextremes Weltbild mit großen Anteilen von Verschwörungstheorien deutlich. Offenbar glaubt er, sich gegen deren Machenschaften durchsetzen zu müssen.

Was meinen Sie mit Machenschaften?

Es deutet darauf hin, dass er ein Anhänger der rechtsextremen Verschwörungserzählung des "Großen Austauschs" war, also glaubte, die Weißen würden ausgelöscht.

"In den Dokumenten und Manifesten der Täter sind Parallelen zu entdecken"

Welche Rolle spielen rechtsextreme Netzwerke?

Eine große. Viele Menschen radikalisieren sich online. Dort wird Wissen zusammengetragen und geformt. Das zeigt sich auf einer internationalen Ebene und ist kein rein deutsches Phänomen.

Was verbindet die Attentate Christchurch, Halle und Hanau miteinander?

Die Täter haben vorher online gehandelt. Sie alle suchen Anschluss und Bestätigung. In den Dokumenten und Manifesten der Täter sind Parallelen zu entdecken.

Über den Experten

Jan Rathje ist Politikwissenschaftler. Er studierte in Potsdam und Greifswald mit den Schwerpunkten Rechtsextremismus und Politische Theorie.

Von 2013 bis 2014 war er in der mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus tätig. In dieser Funktion leitete er Workshops für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sowie Jugendliche im Bereich Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus.

Seit 2015 leitet er das Projekt "No World Order – Handeln gegen Verschwörungsideologien" der Amadeu-Antonio-Stiftung.

Sie haben es schon angesprochen: Werden die Verschwörungstheorien durch die Online-Netzwerke bestärkt?

Ein ganz klares Ja. In den Foren, Boards und Messengern zirkulieren viele solche Theorien, auch nebeneinander. Und die Täter suchen sich dann auch immer die, die sie selbst unterstützen.

Was könnte das Motiv für die Tat von Hanau gewesen sein?

Das kann man genau noch nicht sagen. Aber die Dokumente sind stark rassistisch geprägt.

Offenbar sind einige Kurden unter den Opfern. Hat sich der mutmaßliche Täter explizit diese Gruppierung herausgesucht?

Das kann durchaus auch Zufall sein. Aber wahrscheinlich ist, dass er gezielt die Shisha-Bars ausgesucht hat. Dort findet er in seinen Augen die "richtigen" Menschen.

"Das erklärte Ziel der Personen ist, Nachahmer anzuregen"

Es ist nicht der erste Angriff dieser Art in Deutschland. Haben wir ein neues Konfliktpotenzial erreicht?

Seit 2018 sehen wir eine Welle von rechtsextremistischen Taten. Seit 2019 nimmt die Online-Radikalisierung zu.

Also müssen wir davon ausgehen, dass sich die Taten in Zukunft häufen?

Das kann man zumindest nicht ausschließen. Die Menschen werden in den Foren als Helden gefeiert. Das erklärte Ziel der Personen ist, Nachahmer anzuregen. Die Videos, Manifeste und Pamphlete zielen genau auf diese Provokation ab.

Was können die Behörden aus dem Vorfall für die Zukunft lernen?

Dass Rechtsextremismus ernst genommen werden muss und oberste Priorität haben sollte. Der Repressionsdruck muss erhöht werden.

Was hat Ihrer Meinung nach gerade Priorität?

Extremismus im Allgemeinen. Jedoch wird in einigen Parteien gegen jede Form des Extremismus gekämpft. Dadurch wird die reelle Bedrohungslage durch den Rechtsextremismus relativiert.

"Es sieht so aus, als ob Rechtsextreme nicht viel zu fürchten haben"

Was fordern Sie?

Es muss ein Umdenken stattfinden. Dass Angreifer nicht immer zu einer Organisation gehören und anders herum, dass allein handelnde Personen nicht immer Einzeltäter sind, sondern sich über Netzwerke austauschen. Außerdem müssen auch Menschen geschützt werden, die sich für eine multikulturelle Gesellschaft einsetzen. Bestes Beispiel ist Walter Lübcke.

Was können wir als Gesellschaft daraus lernen?

Dass so etwas jederzeit passieren kann. Und dass wir Solidarität zeigen sollen – auch mit potenziellen Opfern.

Warum ist es so wichtig, solidarisch sein?

Damit die Ereignisse nicht einfach nur hingenommen werden und die Angst Betroffener ernst genommen wird. Im Moment scheint dies nicht der Fall zu sein.

Wie meinen Sie das?

Eine hohe Anzahl von Rechtsextremen ist auf der Flucht oder untergetaucht. Es sieht so aus als ob diese Menschen nicht viel zu fürchten haben. Der Repressionsdruck auf das rechtsextreme Milieu ist zu gering.

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