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HR erklärt Kreuzfahrt-Bericht – Schule wütend auf Sender: "Glatte Lüge"

Die Diskussion um einen Fernsehbeitrag des Hessischen Rundfunks (HR) über eine Abschluss-Kreuzfahrt einer Schulklasse aus Hessen reißt nicht ab. Am Mittwoch hatte sich die Schule in einem längeren Statement zu Wort gemeldet und dem HR vorgeworfen, journalistisch unsauber gearbeitet zu haben.

Der Beitrag sei "ein Beispiel für schlechten Journalismus, den ein öffentlich-rechtlicher Sender nicht verantworten sollte", hatte Schulleiter Hans-Ulrich Wyneken sich geärgert.

Der Sender wiederum hatte sich gegenüber watson verteidigt, der fragliche Beitrag sei eine Glosse, "die auch entsprechend anmoderiert wurde". Diese Form des journalistischen Beitrags "lebt von der Zuspitzung".

Eine Glosse also...

Unter einer Glosse wird meist ein kurzer und pointierter, oft satirischer oder polemischer, journalistischer Meinungsbeitrag in einer Zeitung, einer Zeitschrift und im Fernsehen verstanden.

wikipedia

Diese Begründung des Senders für den Beitrag lässt die Carl-Schurz-Schule nicht gelten.

Schulleiter Hans-Ulrich Wyneken sagte zu watson:

"Eine Glosse ist keine Entschuldigung für eine unfaire und verzerrende Berichterstattung."

Der Beitrag habe keine der Aussagen des Klassenleiters Herrn Winn, die die Absichten der Klassenfahrt erklärt hätten, verwendet.

Der Klassenleiter war für den Beitrag vom HR interviewt worden. Auch er sieht die Schule falsch dargestellt, wie er in einem Gespräch mit dem Nachrichtenportal "Focus Online" am Mittwoch nochmals bekräftigt hatte: "Es ist wirklich unglaublich, dass der HR die wichtigsten Informationen einfach unterschlägt und so Lehrer und vor allem die Schüler als gleichgültige Umweltfrevler darstellt."

Der Schule seien die Umweltschäden einer Kreuzfahrt bewusst, die CO2-Neutralität sei Bedingung für die Klassenfahrt gewesen. "Sonst hätten weder Schüler, Eltern noch Lehrer ihre Zustimmung gegeben."

Schulleiter Wyneken vermutet unterdessen, der HR sei mit einer vorgefestigten Meinung an die Schule gekommen und habe "nur jene Szenen und Bilder verwendet, die in dieses Bild gepasst haben", klagt er weiter gegenüber watson.

HR will von Zertifikaten nicht erfahren haben

Bereits in ihrer Stellungnahme hatte die Schule den Vorwurf erhoben, die "Hessenschau"-Redaktion hätte "alles herausgeschnitten, was nicht in ihren reißerischen Beitrag passte".

Der HR hingegen verteidigte sich in seiner Stellungnahme unter anderem damit, "dass uns gegenüber weder im Recherchegespräch noch im Interview erwähnt wurde, dass die Emissionen durch Umweltzertifikate kompensiert werden sollen".

Das sieht Schulleiter Wyneken allerdings anders: "Die Behauptung, es habe keine Informationen über die Anstrengungen in Richtung einer klimaneutralen Fahrt gegeben, halte ich [...] für eine glatte Lüge", ließ er watson wissen.

Und stellt weiter klar: "Wenn wir gewusst hätten, dass der Beitrag eine Glosse hätte werden sollen, hätten wir nicht mit der "Hessenschau" zusammengearbeitet."

Das sagt der HR zu den neuen Vorwürfen

Wir haben beim HR erneut angefragt, was er zu den neuen Vorwürfen sagt. "Den Vorwurf der Lüge weisen wir entschieden zurück", antwortet der Sender. Er wiederholt: Weder im Recherchegespräch noch im Interview habe der Lehrer davon gesprochen, dass der CO2-Ausstoß kompensiert werden solle.

Und das, obwohl die Reporterin laut HR konkret gefragt habe: "Was machen Sie denn mit Ihren Schülern, um das wieder gut zu machen, was Sie da jetzt ausstoßen bzw. was an Umweltschäden verursacht wird?"

Der HR hat watson die Antwort des Lehrers im Wortlaut zugesandt:

"Wir müssten ja eine Alternativrechnung aufmachen. Was würden wir machen, wenn wir jetzt nicht gerade vielleicht eine Fahrradfahrt – Sie können ja nachher mit den Schülern sprechen, da werden Sie niemanden von überzeugen, dass das die geeignete Abschlussfahrt ist. Und wenn wir mit anderen Mitteln nach Kopenhagen kommen wollen… Natürlich können wir über fünf Tage in Würzburg sprechen, wenn wir mit dem Bus hinfahren. Aber das ist eben das Problem der Attraktivität einer solchen Fahrt, dass man da die Schüler nicht wirklich von überzeugen kann. Das kann ich auch verstehen, denn es ist ihre letzte Fahrt, die sie in der Schule machen, und da möchten sie gerne attraktive Ziele erreichen und eben auch die Aspekte einer Studienfahrt erfüllen, also Dinge sehen, die sie zuhause nicht sehen. Kulturelle, wissenschaftliche Dinge."

Der Sender verweist außerdem darauf, dass neben der Glosse mehrere weitere journalistische Beiträge entstanden seien, die das Thema weniger zugespitzt behandelt hätten.

Wie kam es überhaupt zu diesem Beitrag?

Wir wollten von Schulleiter Wyneken weiter wissen, wie es überhaupt zu der Zusammenarbeit gekommen ist und woher die Redaktion der "Hessenschau" wusste, dass die Klasse auf Abschluss-Kreuzfahrt gehen würde?

Laut Wyneken war anonymer Hinweisgeber wohl nicht ganz einverstanden mit den Plänen der Klasse:

"Die Redaktion der Sendung erhielt einen Hinweis von jemandem, den wir nicht kennen. Dieser Jemand beschwerte sich dort, dass unsere Klasse auf eine Kreuzfahrt gehen will."

Auf diese Beschwerde hin habe sich die Redaktion bei der Schule gemeldet, sagte Schulleiter Wyneken. Dabei sei der Eindruck entstanden, diese habe einen Hintergrundbeitrag zu den Plänen unserer Klasse zu liefern wollen, der "fair und ausgewogen über das Kreuzfahrt-Vorhaben berichten will".

Stattdessen aber habe der Hessische Rundfunk seine Schüler für einen aufmerksamheitshaschenden Beitrag instrumentalisiert, kritisiert der Schulleiter.

Für Wyneken ist der Fall klar – und die Konsequenzen daraus auch: "Wir fordern eine Entschuldigung und eine Richtigstellung von Seiten des Senders."

Der HR hatte gegenüber watson mitgeteilt, er nehme die "Kritik der Schule selbstverständlich zum Anlass, redaktionsintern über die Wahl der Darstellungsform zu diskutieren". Kontakt zur Schule habe der Sender mittlerweile aufgenommen.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Ulli Melcher 20.09.2019 12:12
    Highlight Highlight Ach so einfach geht das also ! Wer`s sich leisten kann, legt etwas Geld hin und darf weiter die Umwelt verpesten ! So was gab`s doch schon im Mittelalter, damals hieß das Ablasshandel.
  • IngoS2 20.09.2019 09:48
    Highlight Highlight Wenn sich die ausgeblasenen Schadstoffe durch ein einfaches Zertifikat entgiften oder neutralisieren lassen, dann sollte man doch einfach überall Zertifikate aufhängen und alle Probleme wären dauerhaft gelöst.

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