Deutschland
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Marcel Reif zeigte sich berührt von den Bildern in Moria.

Luxemburgs Außenminister beleidigt Österreicher – und Marcel Reif wird emotional

dirk krampitz

Seit einer Woche tobt ein Streit über die Aufnahme von Menschen aus dem abgebrannten Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Nach anfänglichem Zögern hat sich Deutschland jüngst bereit erklärt, auch ohne eine gesamteuropäische Lösung 1500 Flüchtlinge aufzunehmen und steht damit bisher allein da.

In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Spiegel" hat Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn für Aufsehen gesorgt: "Für mich heißt der Missetäter Sebastian Kurz. Er hat diese erbärmliche Situation als Allererster zu verantworten", erklärte der EU-Politiker dort. Der Grund: Sebastian Kurz setzt in der Flüchtlingspolitik seit Jahren auf einen harten Kurs. Und ganz Europa habe Kurz' Argumentation geglaubt, "man müsse nur die Grenzen schließen, damit sich das Flüchtlingsproblem erledige", so Asselborn.

Nun sitzt der Außenminister des zweitkleinsten EU-Landes (nach Malta) bei Sandra Maischberger in der Sendung und sagt erst:

"Ich attackiere nicht die Person Kurz, ich attackiere seine Politik. Das ist eine Politik, die total falsch ist."

Jean Asselborn

Und doch legt er später noch nach. Asselborn findet den deutschen Alleingang "gut", allerdings fordert er auch eine "europäische Herangehensweise" nicht nur bei Moria. Es gehe ja nur um 10.000 bis 20.000 Menschen pro Jahr. Auch Luxemburg habe Flüchtlinge aufgenommen und werde Menschen aus Moria empfangen, auch wenn Asselborn zugibt: "Es wird keine große Zahl sein, Luxemburg hat kein Potenzial wie Deutschland." Er rechnet mit zehn bis 15 Menschen.

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Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn fand bei "Maischberger" klare Worte. null / screenshot ard

2015 während der Flüchtlingskrise hatte Luxemburg die Ratspräsidentschaft inne. Allerdings ist es Asselborn und seinen Kollegen damals nicht gelungen, eine europäische Lösung zu finden. Er gibt zu: "Diese Bilder würde es heute nicht geben, wenn wir es 2015 hinbekommen hätten, die Migrationspolitik solidarisch anzupacken."

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Die Kommentatoren (von links): Christoph Schwennicke (Chefredakteur "Cicero"), Jagoda Marinic (Kolumnistin und Schriftstellerin) und Marcel Reif (Fußball-Kommentator) bild: screenshot ard

Marcel Reif wird emotional

Und da liegt auch für Kommentator und "Cicero"-Chefredakteur Christoph Schwennicke das Problem: "Ich habe den Eindruck, 2015 wiederholt sich", sagt der Journalist. "Barmherzigkeit darf nicht Staatsdoktrin werden", findet er. Politik sei eben auch mal die Fähigkeit, Dinge "auszuhalten", um eine bessere und langfristige Lösung zu finden. Aber er stellt auch klar: "Die Nothilfe muss massiv vor Ort stattfinden und zwar sofort."

Für die Kolumnistin Jagoda Marinic ist das ein "Schachern mit Menschenleben". Sie fragt: "Wo ist unsere Humanität geblieben?" Für sie ist die mutmaßliche Brandstiftung im Lager ein "Mittel der Notwehr", um die katastrophalen Zustände dort zu beenden.

Auch Sport-Kommentator Marcel Reif, der Lesbos von frühen Urlaubsreisen kennt, gehen die Bilder sehr nahe. Er findet "Das ist kein humanitäres Versagen, das ist zivilisatorisches Versagen. Die Spezies Mensch versagt da". Wenn er die Bilder der leidenden Menschen sehe, könne er nicht mehr über Quoten reden. "Das bekomme ich nicht hin." Reif emotional: "Ich kann diese Bilder aus Griechenland nicht aushalten." Allerdings verstehe er auch das Argument, dass man "keine Schleusen öffnen" dürfe, um den Pull-Effekt nicht zu stärken.

"Nur weil es die AfD sagt, ist es ja nicht falsch, da ist ja was dran."

Marcel Reif

Asselborn: "Die Österreicher jodeln durch die Gegend"

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Jean Asselborn hat sich auf die Österreicher eingeschossen. bild: screenshot ard

Asselborn ist heute nicht in der Stimmung für derart abgewogene Gedanken. Er hat eine klare Meinung zum Pull-Effekt, den man nur auf eine sehr zynische Art und Weise ganz verhindern könne: "Man lässt die Menschen im Meer ertrinken, dann gibt es keinen Pull-Effekt." Asselborn redet sich in Rage. Bei Flüchtlingen, die jetzt in Europa ankämen und verteilt werden, gebe es vielleicht fünf oder sechs Länder die mitmachen. Österreich gehöre nicht dazu. "Die Österreicher jodeln durch die Gegend. Aber alle anderen Ländern müssen schauen, was mit den Menschen passiert."

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Lukas Mandl fürchtet den Pull-Effekt. bild: screenshot ard

Das kann der ÖVP-Abgeordnete Lukas Mandl, der aus Brüssel zugeschaltet ist, nicht auf sich und seinen Landsleuten sitzen lassen, er verbittet sich jede Polemik.

"Österreicherinnen und Österreicher jodeln nicht! Zumindest nicht, wenn es um ernste Themen geht."

Lukas Mandl

Österreich habe mehr Kinder aufgenommen als Deutschland oder Luxemburg. "Hilfe in der Not ist wichtig, aber eine langfristige Ausrichtung der Politik ist auch wichtig", findet Mandl. Er will das Lager in Lesbos wieder aufbauen und langfristig "Fluchtursachen in den Ländern" bekämpfen. "Das Herz sagt, wir müssen unmittelbar helfen, das Hirn und die Erfahrung sagen was Anderes." So fördere man Schleuserkriminalität und auch das mutmaßlich durch Geflüchtete gelegte Feuer dürfe nicht dazu führen, dass sie nun aufgenommen werden. "Sich erpressen zu lassen, kann keine staatsverantwortliche Haltung sein."

Das Streitgespräch plätschert dahin

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Klimaaktivist Jakob Blasel und Unternehmerin Sarna Röser wollen beide die Umwelt retten bei "Maischberger". bild: screenshot ard

Nach so viel Emotion plätschert das eigentlich als Streitgespräch geplante Treffen zwischen Klimaaktivist Jakob Blasel und Unternehmerin Sarna Röser etwas dahin. Röser preist den Emissionshandel als Klimaretter und beteuert, ja auch für Umweltschutz zu sein. "Die Frage ist nicht, ob wir Klimaschutz betreiben, sondern wie."

Blasel hingegen geht der Emissionshandel nicht weit genug. Er will jede produzierte Tonne CO2 mit 80 Euro zu bepreisen, aber weder Kurzstreckenflüge noch SUV verbieten, auch wenn er findet: "Wir müssen viel systematisch ändern, natürlich geht es nicht, dass wir im Überfluss leben." Die CO2-Abgabe würde Röser und ihre Beton-Produktion finanziell treffen. Zwar forsche man schon an alternativen Bau-Stoffen. Aber: "Wir können keine Hochhäuser aus Holz bauen." Sie habe Angst, dass Deutschland von der Klimakrise direkt in die Wirtschaftskrise rutsche. "Und dann werden wir freitags ganz andere Demos erleben", schwarzmalt die Unternehmerin.

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