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 Bill Gates, foundator of technological giant Microsoft NEWS : sixieme Conference de reconstitution des ressources du Fonds mondial de lutte contre le sida, la tuberculose et le paludisme Centre de Congres - Lyon - 10/10/2019 SandrineTHESILLAT/Panoramic PUBLICATIONxNOTxINxFRAxITAxBEL

Bild: imago images/PanoramiC

Bill Gates hat richtig gerechnet – und nichts dazu gelernt

Es ist Zeit, den gütig dreinschauenden Nerd als das zu sehen, was er wirklich ist: ein knallharter Geschäftsmann und hochintelligenter Demokratiefeind.

Daniel Schurter

Plutokratie: Staatsform, in der die Besitzenden, die Reichen die politische Herrschaft ausüben; Geldherrschaft.

quelle: duden.de

Mein Artikel über Bill Gates von letzter Woche hat einen Nerv getroffen. Das war zu erwarten angesichts des hohen Ansehens, das der Microsoft-Gründer genießt, und wegen der Summen, um die es bei der Diskussion über die amerikanische Superreichen-Steuer ("Wealth Tax") geht.

Die populärsten Kommentare, die Tausende Herzen erhielten, sympathisierten alle mit Gates. Und einige User meinten sinngemäß, man solle dem armen Bill sein hart verdientes Geld lassen, er unterstütze wohltätige Projekte rund um den Globus, im Gegensatz zum Amazon-Gründer Jeff Bezos, das sei ein richtig böser geiziger Typ. Und zudem wisse man nur zu gut, was die US-Regierung mit den Milliarden anstellen würde: Noch mehr Waffen kaufen, Kriege führen, Mauern bauen und präsidiale Golfplatz-Trips finanzieren...

"Die Milliardäre werden nervös"

So titelte die "New York Times" am vergangenen Freitag eine Analyse ihres Teams renommierter Meinungsjournalisten (siehe Quellen).

Logisch ist, dass der Microsoft-Gründer nicht allein mit der Angst um sein unvorstellbar großes Vermögen ist. Was aber nur schwer zu glauben ist: Offenbar leiden Normalverdiener mit dem ultrareichen Amerikaner und verteidigen ihn.

Entschuldigung, aber das ist eine zutiefst undemokratische Haltung. Und ich hoffe, es steckt pures Unwissen dahinter. Warum sonst sollte man einem ultrareichen Steuervermeider die Stiefel halten, statt auf den Rechtsstaat zu pochen und für echte Steuergerechtigkeit zu votieren?

Im Folgenden erkläre ich, warum Bill Gates kein selbstloser Wohltäter ist, sondern eine Gefahr darstellt für die Demokratie. Es geht mir vor allem auch darum, Missverständnisse aus der Welt zu räumen und zu erklären, warum er und alle anderen Superreichen viel stärker zur Kasse gebeten werden müssen. Das gilt auch für Milliardäre und Superreichen hierzulande.

Gates hat richtig gerechnet, aber ...

Im Interview, das den Trubel auslöste, nennt der Microsoft-Gründer die Zahl von 100 Millionen Dollar, die er wegen der "Wealth Tax" von Elizabeth Warren bezahlen müsste.

Wollte er damit einen dummen Scherz machen? Wohl kaum!

Andere argumentieren, Gates hätte mit dieser eindrücklichen Zahl recht gehabt, so viel müsste er aber nicht in einem einzigen Jahr hinblättern, sondern im Laufe der Zeit. Sprich: in rund 15 Jahren.

Bleiben wir bei den harten Fakten:

Würde Elizabeth Warrens "Wealth Tax" eingeführt, dann müsste Bill Gates dem amerikanischen Staat im nächsten Jahr 6.379 Milliarden Dollar abliefern. Das kann man auf der Website der gewieften Politikerin unter elizabethwarren.com nachlesen. Dort hat ihr Wahlkampf-Team einen Steuerrechner für (besorgte) Milliardäre aufgeschaltet.

Die gut sechs Milliarden seien weniger, als Mr. Gates mit seinen Investitionen im vergangenen Jahr verdient habe, hält die "New York Times" fest. Gates habe die besten Chancen, trotz zusätzlicher Besteuerung immer noch reicher zu werden. Denn selbstverständlich wird der schlaue Fuchs weiterhin da investieren, wo die saftigsten Renditen winken.

Interessantes Zahlenspiel: Wäre die Reichensteuer von Elizabeth Warren schon 1982 in Kraft getreten, dann würde Bill Gates gemäß einer provisorischen Berechnung heute "erst" 13,9 Milliarden Dollar schwer sein.

"Tax the fuckers."

Die Realität sieht allerdings anders aus...

Die Superreichen bezahlen weniger denn je

Als Bill Gates 1975 Microsoft gründete, betrug der höchste Grenzsteuersatz auf persönliche Einkommen 70 Prozent, wie die New York Times in Erinnerung ruft. Die Steuersätze auf Kapitalerträge und Unternehmenseinkommen seien deutlich höher gewesen als heute, "und auch die Erbschaftssteuer war eine viel gewaltigere Abgabe". Weder hinderte dies Gates daran, sich ins Computer-Business zu stürzen, noch entmutigte es seine Investoren, ihr Geld zu investieren.

Halten wir fest: Bei der stärkeren Besteuerung der Reichsten geht es nicht um Missgunst und Neid, sondern um Steuergerechtigkeit. Um die Gleichbehandlung der Bürgerinnen und Bürger und um den Rechtsstaat.

Im gleichen Zeitraum, in dem die Löhne der normalen Leute stagnierten, die Arbeitsbedingungen schlechter wurden und die Schulden wuchsen, stiegen die Steuersätze für sie.

Und die Reichsten lachten sich ins Fäustchen. Dank eines Heeres von Anwälten, Steuerberatern und Lobbyisten.

"Zum ersten Mal seit hundert Jahren zahlt die Arbeiterklasse – die 50 Prozent der Amerikaner mit dem niedrigsten Einkommen – heute höhere Steuersätze als Milliardäre."

Das halten die Wirtschaftswissenschaftler Emmanuel Saez und Gabriel Zucman von der Universität von Kalifornien fest, die Verfasser des Buches "The Triumph of Injustice".

"Es ist absurd, dass die Arbeiterklasse jetzt höhere Steuersätze zahlt als die reichsten Menschen in Amerika."

Emmanuel Saez und Gabriel Zucman

Die Stunde der Angstmacher

Bill Gates hat sich vom Computerfreak mit Nerdbrille zum altersmilden Wohltäter mit dickem Portemonnaie gewandelt. Doch er bleibt ein Wolf im Schafspelz. So äußerte er letzte Woche leise Bedenken wegen der Wealth Tax:

"Ich denke, wenn man zu stark besteuert, setzt man die Kapitalbildung, Innovation, die USA als den wünschenswerten Ort für innovative Unternehmen aufs Spiel – ich denke, das riskiert man."

Entschuldigung, aber Gates ist viel zu intelligent, um den Bullshit, den er hier öffentlich verzapft, selber zu glauben. Es handelt sich vielmehr um pure Angstmacherei und Stimmungsmache gegen eine stärkere Besteuerung.

Seine angebliche Sorge, dass Steuererhöhungen für Superreiche die Innovationskraft des Landes schwächen und Investitionen oder Wirtschaftswachstum verhindern, sei unbegründet, hält die "New York Times" fest. Die vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse deuteten klar darauf hin, dass die Besteuerung einen geringen Einfluss auf die Innovationskraft eines Landes ausübe. Experten hätten zwar noch kein vollkommenes Verständnis dafür, was Innovationen fördere und antreibe, aber Steuern seien definitiv "nicht in der gleichen Gewichtsklasse wie andere Faktoren, allen voran Bildung, Forschung und ein funktionierendes Rechtssystem".

Damit zur Bildung, ein zentraler Punkt.

Goldene Löffel

Bill Gates, zweifellos einer der erfolgreichsten Unternehmer der amerikanischen Geschichte, wuchs in einer wohlhabenden Familie auf und erhielt die beste Ausbildung, die es in den Vereinigten Staaten für Geld zu kaufen gab.

Sprich: Seine Eltern schickten ihn an eine Elite-Privatschule, weil sie dem staatlichen Schulsystem nicht vertrauten. Und genau diesem Bildungssystem entziehen Superreiche wie Gates die dringend benötigten Mittel ...

Zur Erinnerung: Microsoft startete in den 80er-Jahren dank eines Deals mit IBM durch: Bill Gates Mutter hatte über eine Wohltätigkeitsorganisation, in der sie im Vorstand war, den Kontakt zum IBM-Boss ermittelt.

Gates' Erfolg schon in jungen Jahren passt perfekt zu einer Studie über amerikanische Patentinhaber. Die ergab, dass Innovatoren dazu neigen, aus wohlhabenden Familien zu kommen, in Gemeinschaften von Innovatoren aufzuwachsen und eine qualitativ hochwertige Ausbildung in Mathematik und Naturwissenschaften zu erhalten.

Die "New York Times" messerscharf: Staatliche Investitionen in die Bildung, durch Steuern finanziert, würden mehr Kindern die Art von Vorteilen verschaffen, die der junge Gates genießen konnte. Genau dies verhindert aber der alte Gates, wenn er eine gerechtere Besteuerung der Superreichen bekämpft. Und leider ist er dabei nicht ehrlich.

Halten wir fest: Die Reichensteuer ist nicht innovationsfeindlich, im Gegenteil. Sie schafft einen Ausgleich und ermöglicht mehr Leuten, eine gute Ausbildung zu genießen.

Bill Gates ist kein Heilsbringer ...

... sondern ein knallharter Geschäftsmann, der wirklich alles dem Profit unterordnet.

"Der Weltöffentlichkeit wird der Mythos verkauft, dass private Philanthropie viele Lösungen für die Probleme der Welt bereithält, während sie die Welt vielmehr in viele falsche Richtungen drängt."

Mark Curtis, "Global Justice Now" quelle: heise.de

Die Bill and Melinda Gates Foundation unterstützt multinationale Konzern-Interessen – und dies zulasten der sozialen und ökonomischen Gerechtigkeit. Nestlé und die Pharma-Riesen Novartis und Co. lassen grüßen.

Es gilt, was ich schon 2016 schrieb:

"Problematisch ist das Weltbild, das der Microsoft-Gründer mit anderen Superreichen wie Warren Buffet, Elon Musk und Co. teilt. Statt mit ihrem Geld die demokratischen Strukturen zu stärken und für die Durchsetzung der Gesetze zu sorgen, finanzieren die Milliardäre private, nicht kontrollierbare Hilfsprojekte und entziehen sich einer angemessenen Besteuerung."

quelle: watson.ch

Schlechtes Vorbild

Bill Gates ist ein Mensch wie du und ich. Doch sein ökologischer Fußabdruck ist katastrophal groß.

Im Jahr 2017 kam er auf 350.000 Flugkilometer im Privatjet. Damit hat Gates, der sich international und medienwirksam für nachhaltige Projekte und den Klimaschutz einsetzt, umgerechnet 1600 Tonnen CO2 in die Atmosphäre gebracht.

Das sei 16.000-mal mehr CO2, als ein Mensch durchschnittlich pro Jahr durch Fliegen verursache, nämlich 100 Kilogramm CO2, erklärte Stefan Gössling von der Lund-Universität, der die Flugbilanz von Bill Gates ausgerechnet hat.

Die reichsten zehn Prozent der Welt haben die Hälfte aller Emissionen zu verantworten. Gleichzeitig werden sie am wenigsten unter den Folgen zu leiden haben, wie der Tourismusforscher Gössling gegenüber mdr.de bestätigte.

Mit seinem klimaschädlichen Lebensstil ist der Microsoft-Gründer zudem ein schlechtes Vorbild: Wie viele möchten wie der Multimilliardär um die Welt jetten?

Fazit

Zu Gates' Ehrenrettung ruft die "New York Times" frühere Äusserungen in Erinnerung: Er habe gesagt, er denke, dass die Reichen höhere Steuern zahlen sollten. Allerdings habe er sich bei den letzten Auftritten nicht entsprechend verhalten. "Er kann zeigen, dass er es mit Steuererhöhungen ernst meint, indem er die Übertreibungen beiseite legt und eine prinzipielle und sachliche Debatte über die Details führt."

So, wie es sich für einen blitzgescheiten Nerd gehörte, könnte man anmerken. Wobei mein Fazit kritischer ausfällt:

Jeder Milliardär ist eine Gefahr für die Demokratie. Jeder!

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