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Das Iphone 12 sieht aber toll aus. Bild: Reuters

Meinung

Keine Kopfhörer, kein Ladekabel, nicht zeitgemäß: Apples Problem mit der Nachhaltigkeit

Was für Gläubige Feiertage sind, ist für Apple-Jünger die Präsentation neuer Produkte. Sie lauschen aufmerksam, wenn ihr Prophet Tim Cook aus dem Wolkenreich, dem Apple Park, steigt, um seine Botschaften dem Volke zu entsenden. Unser täglich Iphone gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben den Android-Nutzern. Amen.

Und so gestaltete sich die Präsentation des Iphone 12 ähnlich großspurig wie auch die vergangenen Jahre schon, wir berichteten. Coronabedingt nur auf Monitoren, aber das schadete nicht. Sah trotzdem schön aus. Ebenso schön war Apples beharren auf sein neu entdecktes Umweltbewusstsein. Nachhaltige Produktion, recycelte Materialien, Stromverbrauch aus erneuerbaren Energien. Auch wollen sie keine Ladekabel sowie Kopfhörer zu den neuen Smartphones legen, um Ressourcen zu sparen. Moment. Nochmal zurückspulen. Tatsache, das ist deren Ernst. Wie umweltfreundlich das ist, darüber lässt sich streiten.

Leider beißt sich nicht nur das mit Apples Kampf für die Umwelt. Auch die alljährliche Präsentation neuer Smartphones ist ein Problem, welches völlig aus der Zeit fällt – das gilt übrigens genauso für Samsung, Huawei oder Google. Doch eins nach dem anderen.

Kann man das noch Greenwashing nennen?

Apple verkauft Ladeadapter und Kopfhörer künftig also separat. Die Nachricht verkündete das Unternehmen als wäre sie positiv, als erwarte es dafür ein Schulterklopfen. Immerhin heißt es, Apple tue das aus Nachhaltigkeitsgründen. Wenn jemand das Badezimmer vollkotzt, kann er doch auch kein Lob erwarten, weil ein Teil in die Toilette ging.

Denn mal im Ernst: Das Vorhaben ist weder umwelt- noch kundenfreundlich. Wer etwa von einem Android-Gerät zu Apple wechselt, wird sich wahrscheinlich auch Earpods kaufen. Natürlich sorgt das für Verpackungsmüll. Da hilft es auch nicht, dass das Iphone 12 in einem kleineren Karton erscheint. Klar, die Geräte können effizienter geliefert und gelagert werden. Apples Ziel, Emissionen einzusparen, die rund 450.000 Autos im Jahr produzieren, scheint hier aber unrealistisch. Denn auch Kopfhörer und Adapter müssen gelagert und geliefert werden.

Ebenso hinterlässt es einen faden Beigeschmack, dass Apple kürzlich neue drahtlose Kopfhörer vorstellte. Außerdem tauchte im Apple-Store ein neuer 20-Watt-Ladeadapter auf, der alte hatte 18 Watt. Logischerweise lässt sich das Gerät damit schneller aufladen. Das regt die Nachfrage an und sorgt im Umkehrschluss wieder für Verpackungsmüll, von den Emissionen durchs Liefern ganz zu schweigen.

Die Argumentation, dass Kopfhörer und Ladeadapter nicht nötig seien, ist damit hinfällig. Wäre man hier konsequent, dürfte es keine neuen Ableger geben. Noch konsequenter wäre es gewesen, dieses Jahr erst gar kein neues Iphone vorzustellen.

Jedes Jahr neue Smartphones, jedes Jahr neuer Elektroschrott

Ohnehin ist es nicht mehr zeitgemäß, mit jedem neuen Jahr eine neue Smartphone-Generation an den Start zu bringen. Huawei, Samsung, Apple, Google oder Oneplus beten regelmäßig ihre Nachhaltigkeitskonzepte runter. Es ist ein positives Zeichen, wenn sich die Techbranche für umweltfreundlichere Arbeitsweisen entscheidet. Nur wird das dadurch geschmälert, dass sie stets zum Kauf neuer Produkte anregen, obwohl die Vorgänger in der Regel längst nicht veraltet sind. Nicht selten ist Elektroschrott die Folge.

Mit Blick auf den Global E-Waste Monitor, einem Bericht zum Elektroschrottaufkommen der Vereinten Nationen (UN), ist das ein großes Problem. Demnach kamen 2019 53,6 Millionen Tonnen Elektroschrott zusammen. Innerhalb von fünf Jahren sei der Berg um 21 Prozent gewachsen. Nun berechneten die UN Kühlschränke oder auch Computer mit, dennoch werden Smartphones ihren Beitrag dazu geleistet haben.

Dass jedes Jahr neue Produkte erscheinen, dürfte hier nicht hilfreich sein. Und ja, natürlich landen die Vorgänger nicht direkt im Müll, sondern auf Ebay, in einer Schreibtischschublade oder in den Händen eines Bekannten. Doch was ist mit dem Gerät davor oder dem davor oder dem, ach, ihr wisst schon.

Auch eine Studie des Europäischen Umweltbüros zeigt, dass der regelrechte Innovationswahn der Smartphone-Hersteller mehr schadet, denn nutzt. Demnach müsste ein Smartphone 25 Jahre genutzt werden, bis sich ein Neukauf aus Umweltsicht lohnt. Natürlich ist das schwer umzusetzen. Dennoch gibt es Möglichkeiten, die Unternehmen nachhaltiger zu gestalten.

Es geht besser

Wenn Hersteller wie Apple aber Geräte im Zwei- oder Dreijahrestakt veröffentlichten, wäre das ein Anfang. Der Kaufzwang würde gedrosselt, der Schrott reduziert. Selbst hartgesottene Technikfreunde müssten sich so gedulden und auf ihr Gerät vertrauen. Dafür ist es jedoch nötig, alte Geräte länger zu unterstützen. Immerhin sind eingestellte Updates sowas wie die Sollbruchstelle der Smartphones.

Apple ist in dem Punkt gnädig, strich erst kürzlich das 2014 erschienene Iphone 6 von seiner Liste unterstützter Geräte, aber andere sind da strenger. Google stellte etwa den Support für sein Pixel 2 ein. Das ist erst seit rund drei Jahren auf dem Markt – gilt auch für die Samsungs Galaxy S8-Reihe. Erfahrungsgemäß geben die Geräte aber den Geist auf, wenn Updates ausbleiben. Auch auf mancherlei Apps können Nutzer nicht mehr zugreifen. Sie werden quasi gezwungen, sich ein neues Gerät zu kaufen.

Natürlich stehen ökologische Faktoren im Vordergrund. Smartphones sind für Apple oder Samsung eine starke Einnahmequelle. Zudem sind es deren Fans gewohnt, regelmäßig Nachschub zu erhalten. Doch allmählich wäre es angebracht, selbst dem hartnäckigsten Anhänger zu vermitteln, dass es eben nicht jedes Jahr ein neues Gerät braucht. Wenn Apple nun mehr für Nachhaltigkeit einstehen will, okay. Aber dafür muss das Unternehmen Zeichen setzen. Größere als nur ein Feigenblatt in Form von Earpods und Ladeadapter.

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