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Sergey Kabatskiy bei den Demonstrationen in Moskau vor einer Woche. bild: Sergey Kabatskiy

Der Zeuge

"Ich hatte das Gefühl, dass meine Stadt und mein Land besetzt sind" – Demonstrant über Massenproteste in Moskau

Sergey Kabatskiy

Bei Massenprotesten in Russland gegen die Inhaftierung des Kremlkritikers Alexej Nawalny sind am Sonntag Menschenrechtsaktivisten zufolge mehr als 5000 Menschen festgenommen worden. Das sind gut 1000 mehr als bei den Demonstrationen vor einer Woche. Allein in der Hauptstadt Moskau wurden dem Portal "Owd-Info" zufolge weit mehr als 1500 Demonstranten festgesetzt. In mehr als 50 Städten wurden Festnahmen registriert.

Sergey Kabatskiy besucht schon seit 2015 die Kundgebungen der Opposition in Russland. Der 24 Jahre alte Analyst hat einen Bachelor in Politikwissenschaften der Wirtschaftshochschule in Moskau und bezeichnet sich selbst als "Kritiker des Putin-Regimes seit der Annexion der Krim". Watson erzählt er von seinen Erlebnissen während den Demonstrationen am Sonntag. "Ich bin mir fast sicher, dass ich gefeuert werde, wenn mich die Polizei während den Protesten erwischt. Aber das hält mich nicht davon ab auf die Straße zu gehen, anders als viele Menschen, die meine Meinung teilen", sagt er. Hier ist sein Augenzeugenbericht:

Proteste in Moskau am 31. Januar

Am diesem Sonntag überfluteten zehntausende Menschen die Straßen Russlands, um gegen Putins Regime zu protestieren und den inhaftierten Alexej Nawalny zu unterstützen. Es ist fast unmöglich zu sagen, wie viele Menschen teilgenommen haben, aber da wir mit Sicherheit wissen, dass mehr als 5000 Menschen in 86 Städten festgenommen wurden, denke ich, dass es mehrere hunderttausend Demonstranten waren. Während der Proteste am 23. Januar wurden bereits 4000 Menschen festgenommen und grob geschätzt waren es an dem Tag etwa 160.000 Demonstranten.

Ich war am vergangenen Wochenende auf dem Puschkinskaja-Platz, wo sich 20.000 bis 40.000 Menschen versammelten. Die Polizei war grob und brutal, aber nicht grausam. An diesem Sonntag, 31. Januar, nutzte die Polizei Elektroschocker und scheute nicht vor Gewalt zurück. Während die Menschen am 23. Januar positiver eingestellt waren – es gab viele lustige Plakate und Sprechchöre, die sich auf den obszön luxuriösen Palast Putins aus dem Film von Alexej Nawalny bezogen (der mittlerweile über 100 Millionen Aufrufe auf YouTube hat) – lauteten am 31. die häufigsten Sprechchöre "Freiheit für politische Gefangene (oder Alexej Nawalny)", "Putin ist ein Dieb", "Wir sind hier die Macht", "Russland ohne Putin" usw.

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Die Menschen Demonstrieren auf Moskaus Straßen. bild: Sergey kabatskiy

"Die Polizei brachte die Situation zur Eskalation"

Das Auffälligste an den Protesten am Sonntag war die vorangegangene Reaktion der Behörden. Die ganze Woche über führte die Polizei Durchsuchungen durch, es wurden zahlreiche Verfahren wegen angeblicher Aufrufe zu einer Kundgebung durchgeführt und die Situation wurde zur Eskalation gebracht. Am Freitagabend stellte das Innenministerium einen Plan für die Sperrung des Moskauer Zentrums vor: einige zentrale Metrostationen, Straßen und Plätze sollten am Sonntag tagsüber geschlossen werden. Deshalb wurde aus dem führerlosen Protest schließlich eine chaotische Prozession.

Nach 13 Uhr begannen sich die Menschen am Hauptverkehrsknotenpunkt Moskaus zu versammeln: dem "3-Stationen-Platz". In einer halben Stunde kamen dort ein paar Tausend Menschen zusammen, aber dann begann die Polizei, die Menge aufzulösen und Menschen zu verhaften.

Der öffentliche Telegramm-Chat des politischen Hauptquartiers Nawalnys rief dazu auf, weiterzugehen, näher an das "Matrosskaya Tishina"-Gefängnis (zu Deutsch: "Matrosenruhe"), in dem Nawalny inhaftiert ist. Die Behörden schlossen sofort ein paar weitere U-Bahn-Stationen und sperrten die ganze Nachbarschaft ab. Interessanterweise war das letzte Mal, dass zentrale Metrostationen geschlossen wurden, im Jahr 1941, während des Zweiten Weltkriegs, als das "Dritte Reich" die Sowjetunion angriff.

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Die Polizei war in Moskau stark präsent. bild: Sergey Kabatskiy

"Ich hatte das Gefühl, dass meine Stadt und mein Land besetzt sind"

Ich traf mich mit ein paar Freunden und wir gingen im Kreis, um gegen 16 Uhr zum 3-Stationen-Platz zurückzukehren. Aber danach fand kein wirklicher Protest mehr statt – nur noch Massen von Polizei und vereinzelte Verhaftungen. Irgendwann hatte ich wirklich das Gefühl, dass meine Stadt (und mein Land) besetzt sind. Ich konnte nirgendwo hingehen (nicht einmal in die U-Bahn) und Menschen in Uniform, ohne jegliche Erkennungsmarken und mit verschlossenen Gesichtern umzingelten friedliche Bürger. Um halb sechs wurden die offiziellen Proteste beendet, und die Polizei verließ den Platz mit Dutzenden unschuldiger Menschen, die nur aufgrund der Mengenansammlung verhaftet wurden. Einige wurden vielleicht sogar gefoltert.

Mein Haupteindruck vom sonntäglichen Protest war positiv – das Gefühl der Zusammengehörigkeit: Als wir zu "Matrosskaya Tishina" gingen, hörten wir fast alle paar Sekunden zustimmende Signale von Autos, die vorbeifuhren. Ich habe verstanden, dass der wirkliche Protest viel größer ist. Wenn eine Person zu dieser Kundgebung geht, kann sie eine Geldstrafe von bis zu 20.000 Rubel (fast 220 Euro – die Hälfte des durchschnittlichen Gehalts in Russland) erhalten, ihre Karriere verlieren und viele Probleme bekommen. Ganz zu schweigen von dem Risiko, verprügelt und für ein paar Tage oder Wochen verhaftet zu werden.

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Polizisten lösten die Demonstrationen auf. bild: Sergey Kabatskiy

"Die Menschen in Moskau und St. Petersburg haben die Nase voll"

Ich war auf den meisten Kundgebungen seit 2015, aber eine ähnliche Massenunzufriedenheit habe ich noch nicht erlebt. Die Menschen in Moskau und St. Petersburg haben die Nase voll von dem Verhalten der Behörden, der totalen Korruption und dem Fehlen von Freiheit und Recht. Aber jetzt finden Proteste im ganzen Land statt, was Russland seit den frühen 90er-Jahren nicht mehr gesehen hat. Ich befürchte, dass wir der Situation, wie es sie 2020 in Weißrussland gab, gefährlich nahe kommen. Der Kreml eskaliert die Lage, der Dialog wird fast unmöglich. Wir werden sehen, was am 2. Februar bei Nawalnys Prozess passiert. Vielleicht wird die Zukunft für Russland entschieden.

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