TOPSHOT - A medical personnel stands in front of a ward of a Cholera Treatment Centre, funded by the Unicef, Malawi Red Cross and UK Aid, at Bwaila Hospital in the capital Lilongwe, Malawi, January 25, 2018. 
Malawi has been facing a cholera outbreak since late 2017 and UNICEF Malawi is making efforts to contain the outbreak.  / AFP PHOTO / AMOS GUMULIRA        (Photo credit should read AMOS GUMULIRA/AFP via Getty Images)

Unicef ist der größte Beschaffer von Impfstoffen weltweit. Bild: AFP / AMOS GUMULIRA

Interview

"In einer globalen Pandemie sitzen wir alle im selben Boot": Warum es nicht reicht, bei den Impfungen nur auf Deutschland zu schauen

Die Lehre von 2020: Eine globale Pandemie bringt andere Herausforderungen mit sich als eine Epidemie, die örtlich begrenzt bleibt. Und das Virus stoppt nicht an Landesgrenzen. Damit die Corona-Pandemie wirklich bekämpft werden kann, müssen daher Menschen weltweit geimpft werden. Gerade in ärmeren Ländern ist das eine gar nicht so leichte Aufgabe, für die die Weltgesundheitsorganisation die Agentur Covax geschaffen hat. Damit der Impfstoff auch wirklich global verteilt werden kann, nutzt Covax das Logistik-Netzwerk von Unicef.

Benjamin Schreiber ist stellvertretender Leiter der Impfprogramme von Unicef in New York. Im Interview mit watson erklärt er, was für ein gewaltiges Projekt es ist, Milliarden von Menschen zu impfen, gerade in Regionen, in denen viele Menschen mit mangelnder medizinischer Versorgung leben. Außerdem erklärt er, wie 70.000 Solarkühlschränke dabei helfen, den Impfstoff in die entlegensten Ecken des globalen Südens zu bringen.

"In einer globalen Pandemie sitzen wir alle im selben Boot."

Watson: Nun rollt die Impfstoff-Verteilung global langsam an. Unicef allein plant, 850 Tonnen Impfstoff im Monat zu verteilen – ein gigantisches Projekt. Wie läuft es bisher?

Benjamin Schreiber:
Momentan haben wir mit der Verteilung noch nicht begonnen, weil es erst jetzt die ersten Zulassungen für die Impfstoffe gibt. Demnächst kann es dann losgehen.

Für den Einkauf ist die Agentur Covax ins Leben gerufen worden. Was steckt dahinter?

Ohne Covax müssten die Länder alle selbst mit den Herstellern verhandeln. Das könnte für manche günstiger sein, aber insgesamt würde es einen deutlich höheren Aufwand bedeuten und viele ärmere Länder könnten die Impfstoffe nicht selbst einkaufen. In einer globalen Pandemie sitzen wir alle im selben Boot und daher wurde Covax gegründet, um solidarisch Impfstoff einzukaufen. Sonst hätte es auch sein können, dass ärmere Länder bei der Impfstoffbeschaffung leer ausgehen.

Sie leiten den Einkauf für Covax. Wie läuft das konkret ab?

Wir sind derzeit dabei, die Impfstoff-Verträge mit den Produzenten zu verhandeln. Anschließend werden die Impfstoffe dann über das Logistik-Netzwerk von Unicef weltweit verteilt und gelangen so zu den Menschen. Wenn alles so läuft, wie wir uns das vorgestellt haben, dann werden wir dieses Jahr zwei Milliarden Dosen Impfstoff verteilen.

Wie viele Menschen können von zwei Milliarden Dosen geimpft werden?

Ziel ist es, bis zu zwanzig Prozent der Weltbevölkerung zu impfen. Der Fokus bei uns liegt dabei vor allem auf den Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Viele Industriestaaten haben sich bereits selbst Impfstoff gesichert.

Noch läuft es aber eher schleppend an.

Das war auch in unseren Prognosen bereits eine Möglichkeit, mit der wir gerechnet haben. Wir vermuten, dass wir in der ersten Hälfte dieses Jahres zunächst deutlich langsamer vorankommen, aber im zweiten Halbjahr schnell zulegen werden. Im Rahmen von Covax sollen die Impfungen zunächst bei medizinischem Personal, Mitarbeitenden der Sozialberufe und anschließend der Risikogruppe vorgenommen werden, also ältere Leute und Menschen mit Vorerkrankungen.

Das heißt, es ist noch gar nicht das Ziel, eine Herdenimmunität zu erreichen, so wie es in Deutschland geschehen soll?

Das Ziel ist jetzt, zunächst die Sterberate zu reduzieren, also dafür zu sorgen, dass so wenig Menschen wie möglich an Covid-19 sterben. Herdenimmunität werden wir erst im kommenden Jahr erreichen, wenn überhaupt.

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Eine Krankenschwester mit einer Schutzimpfung für Massai-Frauen in Tansania. Bild: www.imago-images.de / Joerg Boethling

"Es gibt immer noch weltweit 20 Millionen Kinder, die keinen Zugang zu Impfstoffen haben."

Wie ist es denn bei bisherigen Krankheiten abgelaufen bei der Impfstoffverteilung?

Häufig werden Impfstoffe in ärmeren Ländern erst mit jahrelanger Verspätung eingeführt. Das wäre in diesem Fall auch für die Industrienationen ein echtes Problem, weil das Coronavirus dann in ärmeren Ländern überleben und auch mutieren könnte. Deshalb war es wichtig, dass global einigermaßen zeitgleich mit den Impfungen gestartet wird. Nun sind wir zwar einige Wochen hinter dem Impfstart in den Industrienationen, aber es ist schon eine Besonderheit, dass es einigermaßen simultan klappt, Menschen überall auf der Welt zu impfen.

Unicef hat einige Erfahrung damit zu impfen. Das Kinderhilfswerk ist der größte Beschaffer von Impfstoffen weltweit. Hilft Ihnen Ihre Erfahrung und Logistiknetzwerk dabei, den Impfstoff auszuliefern?

Das hilft in der Tat und wird auch dafür sorgen, dass wir in die Bereiche, die wir kennen und bereits mit anderen Impfstoffen versorgen, schnell genug Material bringen können. Aber die große Herausforderung wird es sein, den Impfstoff dann in die Ecken der Welt zu bringen, wo sonst keine Impfungen stattfinden – die sogenannten „Zero-Dose-Communities.“

Was ist damit gemeint?

Das sind Gemeinschaften, in denen nicht geimpft wird, weil schlichtweg kein medizinisches Personal vor Ort ist. Es gibt immer noch weltweit 20 Millionen Kinder, die keinen Zugang zu Impfstoffen haben. Diese leben oft in Konfliktzonen, in Slums oder in abgelegenen Gegenden, wo keine Ärzte hinkommen.

Es gibt noch weitere Herausforderungen, die Covid-Impfstoffe müssen etwa gekühlt werden. Wie gelingt das in den Ländern des Globalen Südens, wo höhere Temperaturen vorherrschen als bei uns?

Bis zum Ende dieses Jahres planen wir, 70.000 Kühlschränke zu installieren, damit die Kühlkette nicht unterbrochen wird. Das hatten wir uns schon vor der Corona-Pandemie überlegt, aber es hilft nun umso mehr. Das Problem bei der Impfstoffauslieferung war oft, dass in den Ländern veraltete Kühlschränke standen, die noch mit Kerosin betrieben wurden und ausfielen, wenn der Treibstoff aus war. Daher haben wir diese Kühlschränke nun größtenteils mit Solaranlagen versehen.

Aktuell wird der Impfstoff vor allem im Globalen Norden produziert. Würde es helfen, mehr im Süden zu produzieren?

Es wird auch jetzt schon im Globalen Süden produziert. In Indien und China werden Impfstoffe hergestellt. Es ist aber auch so, dass die Herstellung dieser Impfstoffe sehr kompliziert ist. Deshalb kann man die Impfstoffproduktion nicht einfach so verlagern. Wenn aber trotzdem im Globalen Süden produziert wird, ist die Erfahrung die, dass Preise der Impfstoffe gefallen sind. Das bedeutet natürlich auch, dass ärmere Länder sich die Impfstoffe einfacher leisten können, was ein Vorteil ist. Aktuell müssen wir aber auch erst einmal dafür sorgen, dass es genug Impfstoff gibt, egal wo er hergestellt wird.

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