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Wenn endlich genügend Impfstoff in Deutschland zur Verfügung steht, brauchen wir Personal, das es verabreicht. Tierärzte könnten helfen. (Symbolbild) Bild: iStockphoto / Antonio_Diaz

Analyse

Mögliche Lösung des Impf-Problems: Tierärzte fordern, gegen Corona impfen zu dürfen

In den USA tun Tierärzte es bereits, in Frankreich fangen sie bald damit an: gegen Corona impfen. Während in Deutschland die Impfkampagne immer noch nicht so richtig Fahrt aufgenommen hat, wird in anderen westlichen Ländern massenweise das Vakzin gegen Corona verabreicht. Zur Not auch durch die Hände von Veterinärmedizinern.

Ähnliches forderte nun auch Siegfried Moder, Präsident des Bundesverbands der praktizierenden Tierärzte. Am Montagmorgen sagte er gegenüber der "Neuen Osnabrücker Zeitung": "In den USA impfen jetzt auch Tierärzte wie selbstverständlich mit. Dieser pragmatische Ansatz trägt dort zum großen Erfolg bei."

Der nächste Engpass beim Impfen droht – vonseiten des Personals

Die USA haben bereits 16,03 Prozent ihrer Bevölkerung vollständig geimpft, während Deutschland bei 4,67 Prozent umherdümpelt. Grund für die Verzögerungen sind Schwierigkeiten bei der Lieferung der Impfstoffe, Probleme bei der Umsetzung der Impfverordnung sowie teilweise Skepsis vonseiten der Bevölkerung: So hat der zwischenzeitliche Impfstopp von Astrazeneca und die neue Entscheidung, das Vakzin nur noch älteren Menschen zu verabreichen, Zweifel geschürt.

Sollte jedoch erst einmal genügend Impfstoff vorhanden sein, um allen Bürgern, die wollen, ein Impfversprechen zu machen, braucht es medizinisches Fachpersonal, das die Mittel verabreichen kann – und hier droht der nächste Engpass: Denn wer ein ganzes Land impfen will, benötigt eine entsprechende Anzahl von Menschen, die das ehrgeizige Projekt umsetzen.

"Wir haben bereits im vergangenen Dezember in einem Brief an Agrarministerin Julia Klöckner unsere Hilfe zur Organisation der Impfkampagne und der Impfungen selbst angeboten, mit der Bitte um Weiterleitung an Gesundheitsminister Jens Spahn", sagt der Tierarzt Moder, mit dem watson über seinen zunächst ungewöhnlich klingenden Vorschlag gesprochen hat. "Wir haben bis heute keine Antwort bekommen."

"Tiermediziner sind auch Mediziner und gehören gleichermaßen zu den Heilberufen."

Weit hergeholt ist der Gedanke, dass Veterinärmediziner auch Menschen im großen Stil gegen Corona impfen könnten, allerdings nicht. In den rund 10.000 Tierarztpraxen in Deutschland könnten in einem Monat etwa zwei Millionen Menschen geimpft werden, so Moder. Auch Spahn schließt die Möglichkeit mittlerweile nicht mehr aus, dass Tierärzte nach den Hausärzten bald mitimpfen. Die Notwendigkeit habe sich allerdings noch nicht ergeben.

Grund, an den Fachkenntnissen der Tierärzte zu zweifeln, gebe es laut Moder nicht: "Tiermediziner sind Mediziner. Sie haben demnach genauso ein medizinisches Studium hinter sich wie Humanmediziner auch."

Zudem hätten Tierärzte regelmäßig mit Seuchen zu tun, sie seien im Umgang damit also bestens ausgebildet und vertraut. "Wir verfügen über Vorgehensweisen und Systeme, die sich bewährt haben und sind in der Lage, in solchen Situationen durchaus pragmatische Lösungen anzubieten", so Moder. "Auch sind die Lieferketten kühlkettenfähig, schließlich haben wir in unseren Praxen täglich mit Impfstoffen zu tun."

Bislang dürfen Tierärzte keine Menschen impfen

Das Problem ist allerdings, dass Veterinärmediziner rechtlich keine Menschen impfen dürfen. Moder findet allerdings, dass jeder, der prinzipiell impfen kann, seinen Beitrag leisten sollte. "Am Ende des Tages geht es darum, Menschenleben zu retten. Deswegen müssen jetzt schon die rechtlichen Grundlagen geschaffen und haftungsrechtliche Fragen geklärt werden, damit dann, bei Bedarf auch Tierärzte impfen könnten."

Voraussetzung für eine Corona-Impfung in den Tierarztpraxen wäre natürlich, dass sie entsprechend für Menschen umgestaltet werden können. "Niemand muss sich Sorgen darum machen, zwischen Hunden und Katzen auf seine Corona-Impfung warten zu müssen", so Moder.

Der Tierarzt betont allerdings auch: "Sobald die rechtlichen Grundlagen geklärt sind, werden wir uns Gedanken über die genaue Umsetzung machen. Solange allerdings zu wenig Impfstoff da ist und keine Genehmigung vorliegt, ist es zu früh über Details zu reden." Dass Veterinärmediziner als Impfende eingesetzt werden könnten, ist kein Allheilmittel in der Corona-Krise, weiß auch Moder.

"Tierärzte können auch impfen, und bei entsprechender Notfallausstattung für schwere allergische Reaktionen spricht eigentlich nichts dagegen, sie zu beteiligen."

Was die Beschaffung des Vakzins gegen Sars-Cov-2 angeht, zeigt sich der Epidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon-Hochschule in Berlin optimistisch: "Wir werden bald in die Situation kommen, dass wir genügend Impfstoffdosen zur Verfügung haben werden", sagt er gegenüber watson. "Dann sollte Personalknappheit nicht der nächste zu überwindende Flaschenhals sein."

Demnach befürwortet der Epidemiologe es, wenn auch Veterinärmediziner sich am Umsetzen der Impfkampagne beteiligen würden: "Tierärztinnen und Tierärzte können auch impfen, und bei entsprechender Notfallausstattung für schwere allergische Reaktionen spricht eigentlich nichts dagegen, sie zu beteiligen."

Sollten die Impfdosen nun bald in der versprochenen Anzahl eintreffen, könnten die Veterinärmediziner eine wertvolle Unterstützung beim Infektionsschutz sein. "Wir wollen niemanden verdrängen und zu niemand in Konkurrenz treten", betont Moder. "Auch möchten wir keinen Tierarzt zum Impfen gegen Corona nötigen. Wenn allerdings erst einmal genügend Impfstoff da ist, brauchen wir ausreichend Impfende, die die Vakzine verabreichen können. So, wie die Organisation bisher abläuft, sehe ich ansonsten weitere Probleme auf uns zukommen."

watson-Story

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