Leben
Bild

Bild: picture alliance/Peter Steffen/dpa

"Lassen uns nicht vertreiben": Was sich junge Juden in Deutschland zu oft anhören müssen

"Gieriger Jude", "Ex oder Jude" oder "Gönn dir noch den Judenschluck": Derartige Sprüche fallen gelegentlich auf Partys. Was manche als Gefasel aus einer Bierlaune heraus abtun, kann für Jüdinnen und Juden schnell verletzend und diskriminierend werden.

Nach dem Anschlag auf eine Synagoge in Halle, wo ein rechtsextremistischer Täter zwei Menschen erschoss und weitere verletzte, ist das Thema Antisemitismus wieder allgegenwärtig.

Doch wie fühlen sich Juden eigentlich im Jahr 2019 in Deutschland? Was müssen sie erdulden und wie geht es ihnen damit? Das haben wir fünf Menschen mit jüdischen Wurzeln gefragt.

"Bei vielen scheitert es bereits an der Aufklärung. Sie wissen beispielsweise nicht, inwiefern sie sich antisemitisch äußern", sagte zum Beispiel Anna.

Anna Staroselski ist Vizepräsidentin der Jungen Studierendenunion Deutschland und hatte bereits in ihrer Schulzeit Probleme mit Antisemitismus. Für sie ist er ein gesamtgesellschaftliches Problem, über das nicht nur Juden, sondern alle Menschen aufklären sollten.

Und müssen. Denn Zahlen zeigen, dass das notwendig ist. Im vergangenen Jahr nahm etwa die Anzahl antisemitischer Straftaten in Deutschland laut Bundeskriminalamt um 20 Prozent zu. Damit stiegen sie auf rund 1.800 Vorfälle. 90 Prozent von ihnen seien demnach von Rechtsextremisten begangen worden.

"Als ich von dem Anschlag in meiner Heimat hörte, ist etwas in mir zerbrochen"

Jessica Adi, 20, ist in Halle aufgewachsen. Derzeit lebt sie in den Niederlanden.

Hört man in den Medien von antisemitischen Vorfällen, fühlt sich das immer sehr weit weg an. Ein Anschlag in meiner Heimatstadt hat da eine ganz andere Wirkung. Besonders, als ich mitbekommen hatte, wie die Sicherheitsvorkehrungen aussahen. Ich denke schon länger, dass es in Deutschland nicht sicher ist. Das wurde jetzt bestärkt.

Ich persönlich verbinde mit Halle sehr viele positive Kindheitserinnerungen. Als ich jetzt sah, was passierte, ist hingegen etwas in mir zerbrochen. Ich fühlte mich hilflos und wütend; und hatte Angst um meine Familie und Freunde. Glücklicherweise war niemand aus meiner Familie da – ein paar Freunde dagegen schon. Auch wenn keiner von ihnen verletzt wurde, ist es sehr aufwühlend.

Bild

Jessica Adi Bild: privat

Ich selbst wurde glücklicherweise in meiner Vergangenheit noch nie angegriffen, negative Erfahrungen machte ich in Deutschland trotzdem. Auf Partys hörte ich häufiger Sprüche wie "Ex oder Jude" oder "Nimm doch den Judenschluck". Für viele ist das normal – für mich problematisch. Meist lassen die Leute das, wenn ich sie darauf hinweise. Das Selbstbewusstsein, die Menschen damit zu konfrontieren, hatte ich in meiner Kindheit nicht.

Das lag daran, dass meine Mutter früher Angst um mich hatte und nicht wollte, dass ich jemandem von meinem jüdischen Hintergrund erzähle. Heute stehe ich dazu und scheue mich auch nicht, davon zu erzählen.

"Die Gewissheit, auf offener Straße sicher zu sein, werden wir erstmal wohl nicht haben können"

Lionel Reich, 21, lebt und studiert in Hamburg. Dort besucht er auch regelmäßig eine Synagoge.

Der Anschlag in Halle hat mich nicht wirklich überrascht. Das liegt daran, dass ich in Köln eine jüdische Grundschule besuchte. Das erste Gesicht, dass ich dort jeden Morgen sah, war das des Wachmanns. Heute lebe ich in Hamburg und gehe jeden Freitag in die Synagoge. Dort steht auch regelmäßig ein Polizeiwagen. Für mich herrschte also immer ein gewisses Gefahrenpotential rund um jüdische Einrichtungen.

Bild

Lionel Reich Bild: privat

Entsprechend häufig höre ich von anderen Juden, dass sie auswandern wollen. Sie fühlen sich in Deutschland nicht sicher. Für mich gilt das nur so halb. Wenn ich etwa zur Synagoge gehe und eine Kippa trage, fühle ich mich gelegentlich unwohl. Trage ich sie nicht, mache ich mir weniger Gedanken. Das wird sich wohl mit dem aktuellen Vorfall verschlimmern. Denn auch wenn ich keine ständige Todesangst habe: Die Gewissheit, auf offener Straße sicher zu sein, werden wir erstmal wohl nicht haben können.

Glücklicherweise wurde ich noch nie angespuckt oder anderweitig attackiert, hatte aber auch hin und wieder Probleme. So bekam ich in der Schule gelegentlich Sprüche wie "Du bist Jude, zahl du die Rechnung" zu hören. Wenn ich online mit Fremden zocke, wirft jemand sogar mal ein "Let's kill the jews now" in die Runde. Natürlich ist das seltsam, aber in dem Punkt versuche ich zu differenzieren, wie ernst das gemeint ist.

Schließlich wissen viele Menschen nicht, wie verletzend diese Aussagen sein können. Wenn es ein Freund mit solchen Witzen übertreibt, weise ich ihn entsprechend darauf hin. Traurig ist nur, dass das überhaupt nötig ist.

"99 Prozent aller Sprüche gegen Juden sind unangebracht"

Mischa Ushakov, 20, ist Präsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) und lebt in Berlin.

Ich bin in München in einem jüdisch geprägten Umfeld aufgewachsen. Das bedeutet, ich ging auf eine jüdische Grundschule und auf meinem Gymnasium gab es ebenfalls viele jüdische Mitschüler. Sprüche oder auch Übergriffe gab es dort nicht. Vor ein paar Jahren zog ich allerdings nach Berlin. Seitdem ist mein Umfeld gewachsen und diverser geworden.

Damit kamen auch einige Bemerkungen hinzu. Wenn ich etwa auf mein Geld achtete, nannte mich jemand "gieriger Jude". Das ist unangebracht wie 99 Prozent aller Sprüche, die man so hört. Schlimmer finde jedoch, dass manche Menschen meinen, mir eine Meinung zum Thema Israel zu unterstellen, weil ich Jude bin. Das geht dann nach dem Schema: "Ja, du bist doch sowieso dafür". Damit schmeißen sie alles in einen Topf und brechen das mal eben übers Knie.

Aufklären will ich die Leute selten, weil die Sprüche aus einer Richtung kommen, bei der es sich schlicht nicht lohnt. Liegt auch daran, dass derartige Debatten emotional stark aufgeladen sind und die Leute irgendwann nicht mehr richtig zuhören.

Ich muss aber auch zugeben, dass ich mittlerweile zweimal überlege, wie ich mit meinem Hintergrund umgehe. In der Bahn spreche ich über Themen zum Judentum eher leise und eine Kippa trage ich nicht. Sie ist mir allerdings schlicht zu unbequem.

Zu Halle möchte ich sagen, dass ich es komisch finde, wenn von Einzeltätern gesprochen wird. Von der Tragweite her würde ich das in Richtung Pittsburgh oder Christchurch einordnen. Immerhin handelt es sich wieder um einen Täter, der sich im Internet radikalisiert hat.

"Ein paar Mitschüler sagten mir, ich hätte Jesus ermordet"

Anna Staroselski, 23, ist Vizepräsidentin der JSUD und lebt in Berlin.

Ich habe das Gefühl, dass die Anzahl antisemitischer Übergriffe zugenommen hat und rechtsradikaler Sprech salonfähiger geworden ist. Warum es in Halle an einem wichtigen jüdischen Feiertag wie Jom Kippur keine zusätzlichen Schutzmaßnahmen seitens der Stadt gegeben hat, kann ich entsprechend nicht verstehen. Immerhin gibt es in Großstädten wie Berlin ausreichend Polizeischutz – wieso nicht auch in kleinen?

Bild

Bild: privat

Es muss grundsätzlich mehr passieren. Die Behörden müssen lernen, die Warnungen der jüdischen Bevölkerung ernstzunehmen, wenn sie über die Gefahr des Antisemitismus sprechen. Schließlich ist Antisemitismus, ob in Bezug auf Juden oder auf Israel, nach wie vor präsent.

Ein paar Mitschüler schubsten mich etwa ins Gebüsch und sagten zu mir, wir Juden hätten Jesus ermordet. Da war ich in der zehnten Klasse. Gerade in dem Alter wurde man bereits über den Holocaust aufgeklärt. Es kann nicht sein, dass das dann immer noch passiert. Hier sollten allerdings nicht nur die Juden über Antisemitismus aufklären, sondern alle Menschen. Immerhin ist das ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Doch auch wenn die Zahl antisemitischer Vorfälle zunimmt, wir junge Jüdinnen und Juden lassen uns nicht aus Deutschland vertreiben. Immerhin sind wir hier zu Hause.

"Auf einer Party sagte mir mal jemand, die Juden seien am Holocaust selbst schuld"

Margarita Lerman, 26, studiert in Leipzig.

Ich war einen Abend vor dem Anschlag in der Leipziger Synagoge. Halle ist jetzt nicht ganz so weit weg. Insofern ist der Vorfall für mich schon greifbar. Da antisemitische Straftaten in Deutschland ja schon seit Jahren existieren, sollten Schutzmaßnahmen grundsätzlich vorhanden sein. In vielen Städten fehlen sie aber noch.

Die Menschen sollten vielleicht auch von Behördenseite besser aufgeklärt werden – und in der Schule. Auf einer Party sagte mir zum Beispiel mal jemand, dass Jüdinnen und Juden für den Holocaust selbst verantwortlich seien.

In diesen Momenten muss ich erstmal nachhaken, um überhaupt zu verstehen, wie die Leute darauf kommen. Bei Verschwörungstheorien ist es auch schwierig, mein Gegenüber zu belehren. Erfahrungsgemäß gehen derartige Diskussionen ohnehin nicht gut aus.

Es ist sowieso falsch, jüdische Mitmenschen da in die Individualverantwortung zu nehmen. Gegen Antisemitismus müssen auch die kämpfen, die nicht betroffen sind.

Berlin trägt Kippa

Play Icon
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Jana bezieht bewusst Hartz IV: "Ich habe kein Kind bekommen, um es abzugeben"

Hier sprechen regelmäßig Menschen, die von Armut betroffen sind.

Jana (Name von der Redaktion geändert) ist 33 Jahre alt, gelernte IT-Systemkauffrau und alleinerziehende Mutter. Ihre Tochter wurde im März 2017 geboren, Jana trennte sich im September 2017 von ihrem Mann und bezieht seit Januar dieses Jahres Hartz IV – weil sie für ihre Tochter da sein möchte, wie sie sagt. Das Elterngeld ist im März 2018 ausgelaufen.

Der Gesamtbetrag von 1260 Euro monatlich setzt sich zusammen aus:

Für sich und ihre Tochter hat sie also knapp 630 Euro netto pro Person zur …

Artikel lesen
Link zum Artikel