Leben
Bild

So manch ein Fahrgast kann Busfahrer geradezu in den Wahnsinn treiben. Bild: Getty Images / MysteryShot

Busfahrer verrät, welche Passagiere die schlimmsten sind

Über Busfahrer hat sich wohl jeder schon mal geärgert. Luis (Name von der Redaktion geändert) berichtet watson von seinem Berufsalltag – und dreht den Spieß mal um: indem er von den schlimmsten Fahrgästen erzählt.

Mein Name ist Luis und ich bin Busfahrer in Zürich. Zürich ist kein einfaches Pflaster, um Busfahrer zu sein.

Und ich rede hier nicht mal unbedingt von den Verkehrsbedingungen, die mich täglich aufs Neue herausfordern.

Ich spreche nicht von den Radfahrern, die bei Rot über die Kreuzung fahren und mich dazu zwingen, eine Notbremsung mit meinem 18 Meter langen und 20 Tonnen schweren Monstrum vorzunehmen – um mir zum Dank, dass ich sie nicht überfahren habe, den Vogel zu zeigen. Ich meine auch nicht all die Paketboten, die ihre Karren auf meiner Spur abstellen. Ich rede nicht mal von den Baustellen außerhalb der Stadt, über die ich nicht informiert wurde und darum mitten in der Nacht vor einer aufgebrochenen Straße stehe. Ich meine nicht mal all die Stinkefinger, "Scheibenwischer" und "A****loch"s, die mir Autofahrer täglich zeigen und zurufen.

Was mich wirklich stresst, sind all die gehässigen, unfreundlichen, eigenbrötlerischen Passagiere, die ich täglich von A nach B befördern darf.

Manche Gäste im Bus sind einfach nur frech

Die Fahrgäste, die sich keinen Millimeter bewegen, wenn jemand versucht, einen Kinderwagen durch die Massen in eine Ecke zu stellen. Die sich nicht rühren, wenn eine ältere Person einsteigt. Die mit ihrem Smartphone so laut "Musik" hören, dass sie damit ausnahmslos allen auf den Sack gehen. Die nicht mal helfen, die Rampe vor der Türe auszuklappen, wenn jemand im Rollstuhl davor wartet. Die nicht mal Danke sagen, wenn ich extra nochmal die vorderste Türe öffne, wenn sie angerannt kommen.

"Das mit der Tür und den leuchtenden Lämpchen, das ist so eine Sache..."

Danke sagen, das wär's ja noch! Sie schauen mir ja nicht mal in die Augen. Obwohl, doch! Es gibt eine Situation, da schauen sie mich ganz genau an: Wenn sie draußen stehen und 20 Mal den Knopf drücken, damit sich die Tür öffnet – und sie trotzdem geschlossen bleibt.

Liebe User, ich muss euch jetzt etwas sagen, und bitte erzählt es auch all euren Freunden weiter: Wenn die Türe zu ist und der Bus (oder auch die Tram) blinkt, dann war es das. Dann hat der Fahrer einen Knopf bei sich gedrückt, der verhindert, dass die Tür wieder aufgeht. Das System ist dann auf "Abfahrt" eingestellt und die Türen sozusagen verriegelt. Auch wenn der Bus in diesem Zustand noch fünf Sekunden steht, die Türen werden nicht wieder aufgehen.

Da könnt ihr noch so oft drücken und mich als "H****sohn" beschimpfen, wie ihr wollt. Sie wird sich auch nicht öffnen, wenn ihr an meine Scheibe hämmert oder auf den Bus schlagt.

Aber ist doch auch nicht so schlimm, weil: In wenigen Minuten kommt ja schon der nächste Bus! Falls das zu spät sein sollte, dann seid das nächste Mal doch einfach mal genauso pünktlich, wie ihr es auch von mir erwartet.

"Ich habe wirklich das Gefühl, dass einige Leute denken, dass ich EXTRA zu spät komme."

Ich meine, ich verstehe es ja, wir alle haben unglaublich viele wichtige Dinge zu tun und unglaublich wenig Zeit. Aber bitte, Leute, wenn ich angefahren komme und das Erste, was ich sehe, ein Typ im Schlips ist, der seinen Ärmel hochkrempelt und demonstrativ auf seine Uhr blickt, dann nervt mich das auch.

Ich weiß, dass ich 30 Sekunden zu spät bin. Ich sehe die minus 30 Sekunden in meinem Bildschirm vor mir. Aber hey, ES SIND 30 SEKUNDEN. Ich mach' das doch nicht extra. Ich stehe nicht extra etwas länger an einer Ampel, damit Sie, Herr Schlipsträger, 30 Sekunden zu spät zu Ihrem Meeting kommen. Ich habe schließlich auch einen Zeitplan, den ich einhalten muss.

Dass ich überhaupt zu spät bin, liegt meistens sowieso daran, dass genau der Herr Schlipsträger dann nicht neben der Tür stehen und warten kann, bis alle anderen Fahrgäste ausgestiegen sind, sondern sich schön vor die Tür stellt, damit auch jeder, der aussteigen will, an ihm vorbeitanzen muss. Wenn der Herr Schlipsträger dann drin ist, kannst du aber ganz sicher sein, dass er sich so nah wie möglich an die Tür stellt und sie sich dann nicht mehr schließen lässt.

Eine Gruppe von Busfahrgästen ist besonders schlimm: Fußballfans!

Das sind dann die Momente, in denen ich liebend gern in mein Mikrofon spreche: "Der Herr im schönen Anzug, bitte von der Türe zurücktreten, dann geht sie auch zu und wir können alle weiterfahren."

Zugegeben: Wenn sich dann alle zu dieser einen Person umdrehen und ihn verurteilend anschauen, denke ich mir schon: "Da hast du es!".

"Die schlimmsten Fahrgäste? Fußballfans."

Die für mich schlimmsten Fahrgäste sind und bleiben aber die Fußballfans in den Extrabussen. Diese muss man nicht fahren, wenn man nicht will – aber ich finde, auch solche Fahrten gehören zu meinem Job. Zum Schutz des Fahrers bleibt die vorderste Türe zu und es befindet sich ein Gitter zwischen Fahrerkabine und Passagieren.

Aus gutem Grund: Nach so einer Fahrt kannst du den Bus eigentlich auf gut Deutsch "einstampfen". Wieso man jedes Mal – und ich bin diese Einsätze schon öfters gefahren – alles komplett auseinandernehmen muss, ist und bleibt mir ein Rätsel. Es ist mir auch ein Rätsel, wieso man solche Fans überhaupt noch befördert. Zum Dank, dass ich euch zum Spiel fahre, schlagt ihr mir die Scheiben ein und reißt mir die Sitze raus? Okay, danke vielmals! Eure Eltern sind bestimmt sehr stolz auf euch.

Fahrten im Nachtbus: Manchmal geht es hoch her

Neben den regulären Linien und Extrafahrten habe ich auch ab und zu die Nachtschicht. Und was ich im Nachtbus schon alles gesehen habe! Mann, Mann, Mann.

Ich musste schon durch den ganzen Bus "LEUTE, BITTE" rufen, als bei einem Pärchen nicht mehr viel gefehlt hat, bis sie den anderen Passagieren gezeigt hätten, wie die menschliche Fortpflanzung funktioniert. Es gibt auch immer wieder Pöbeleien, die ich aber bislang immer ohne polizeiliche Unterstützung lösen konnte.

"Wenn ihr schon kotzen müsst, dann bitte auf den Boden und nicht auf die Sitze."

Und dann, ja, halt die üblichen Kotzunfälle nach der Party. Wer kennt es nicht? Eine Kurve zu viel und zack, ist der Döner von vor 15 Minuten wieder da. Aber das finde ich eigentlich gar nicht so schlimm, solange ihr euch einfach auf den Boden übergebt. Unsere Putztruppe hat so ein Zaubermittel, welches die Kotze direkt trocknet, dann kann man die einfach rausfegen. Das Mittel riecht übrigens sehr, sehr gut! Übergebt euch aber bitte trotzdem lieber draußen.

Die meisten Fahrten mit dem Nachtbus sind aber eigentlich immer sehr ruhig. Die Passagiere schlummern friedlich und betrunken in ihren Sitzen. Ich bin dann so quasi ein Bett auf sechs Rädern.

Es gibt allerdings auch viele schöne Momente

Das sind dann die entspannten, schönen Momente meines Berufs. Von denen gibt es viele! Wenn mir ein Vater bei der nächsten Fahrt zum Beispiel erzählt, dass sein Sohn tagelang von nichts anderem mehr reden konnte als von dem einen Mal, als ich ihn an der Endhaltestelle auf meinem Fahrersitz hab' Platz nehmen lassen. Oder wenn Obdachlose regelmäßig mehrere Runden mitfahren, um sich mit mir über Gott und die Welt zu unterhalten. Oder als ich kurz meine Fahrerkabine verließ, um nachher ein Weihnachtskärtchen mit selbstgemachten Süßigkeiten auf meinem Sitz zu finden:

"Danke, lieber Busfahrer, dass Sie so einen guten Job machen!"

Das sind Momente, die mir wirklich Freude machen.

Ich muss auch oft schmunzeln, wenn ich meinen Bus in die Garage fahre und zum Abschluss nochmals nachschaue, was alles liegengeblieben ist. Neben all den üblichen Dingen wie Handys, Laptops, Schirmen, Pullovern und Portemonnaies habe ich schon Folgendes gefunden:

Also ein echtes, kleines Schweinchen. Das war schon sehr absurd. Wer vergisst denn sein Schweinchen im Bus?

Auch während den Fahrten kommen immer wieder Passagiere zu mir nach vorne, um Handys und Portemonnaies abzugeben. Dann bin ich ehrlich überrascht und erfreut über die Ehrlichkeit unserer Stadt. Und das ist es doch, worum es geht: dass wir alle generell wieder etwas aufmerksamer werden und unsere Umwelt und vor allem unsere Mitmenschen wieder bewusst wahrnehmen.

Vielleicht sollte ich uns alle mal wieder daran erinnern, indem ich folgende Durchsage mache:

"Hallo miteinander, dürfte ich sie bitten, dass sie heute einfach mal nett zueinander sind aufeinander achten? Das wäre top. Vielen Dank und einen schönen Tag"

PS.: Ja, es gibt Busfahrer, die nicht grüßen, wenn sie einen anderen Busfahrer auf der Straße kreuzen. Aber das sind meistens sowieso Idioten.

(Aufgezeichnet von watson.ch)

Möchtest auch du uns von deinem Alltag erzählen?

Egal ob du Pfleger, Detektiv oder Rosenverkäufer bist: Bei watson kannst du von deinem Berufsalltag erzählen. Wenn du berichten möchtest, was dich bewegt, nervt oder was sich in deinem Job ändern muss, schreib uns an: redaktion@watson.de.

Themen
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Seit fast 15 Jahren Hartz IV: "Die Arbeitgeber verlangen zu viel"

Jens (Name von der Redaktion geändert) ist 48 und hat vor fast 20 Jahren seinen Job bei einem Chemie-Werk verloren. Seit der Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 ist er auf soziale Leistungen angewiesen. Bei watson spricht er über seine zahlreichen Bewerbungen und über die teils extrem hohen Anforderungen der Arbeitgeber – trotz Mindestlohn oder sogar noch weniger Gehalt.

Eine Bewerbung muss ich diesen Monat noch abschicken – dann habe ich mein Soll erfüllt. Vier Mal monatlich muss ich mich bewerben, so will es das Jobcenter. Denn ich lebe von Hartz IV.

Meine Vollzeitstelle als Chemikant habe ich bereits 2001 verloren, als das Werk, in dem ich gearbeitet habe, geschlossen wurde. Seit 2005, als das System eingeführt wurde, beziehe ich Arbeitslosengeld II, wie Hartz IV eigentlich heißt.

Ob Bewerbungstraining oder Computerkurs, Beratungsgespräche oder angedrohte …

Artikel lesen
Link zum Artikel