30.04.2020, Italien, Bologna: Medizinisches Personal arbeitet auf der Intensivstation des Krankenhauses Sant'Orsola-Malpighi. Die Pandemie hat bereits mehr als 27.600 Todesopfer in Italien gefordert. Foto: Gianni Schicchi/XinHua/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Ärzte auf einer Intensivstation. Die meisten Patienten, die an Covid-19 sterben, werden vorher hier behandelt. Bild: dpa / Gianni Schicchi

Studie zu Todesursachen: Oberarzt erklärt "eindrucksvollen Befund"

Die Sterberate von Covid-19-Patienten ist hierzulande nach wie vor vergleichsweise gering. Immer wieder wird diskutiert, welche Rolle dabei Vorerkrankungen eine Rolle spielen. Die Rechtsmediziner des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) haben nun als Erste überhaupt eine Studie zu den Todesursachen bei verstorbenen Corona-Patienten vorgelegt – und kommen dabei zu einer überraschenden Entdeckung.

Klinikdirektor Stefan Kluge sowie die Rechtsmediziner Klaus Püschel, Leiter der Pathologie, und Oberarzt Jan Sperhake stellten die Studie am Freitag in Hamburg vor. Zwölf verstorbene Covid-19-Patienten haben die Forscher dafür untersucht, darunter neun Männer und drei Frauen.

Zu der geringen Fallzahl erklärte Sperhake, es sei darum gegangen, möglichst schnell eine Studie vorzulegen. International gebe es noch keine breitangelegte Untersuchung von Corona-Toten, dem habe man abhelfen wollen. Die Forschung laufe aber weiter, mittlerweile habe man über 150 Todesfälle untersucht. Die Ergebnisse bezogen sich jedoch noch weitgehend auf die ersten zwölf Fälle.

Weiter stellte er fest, die Verstorbenen hätten einen "eindrucksvollen Befund" aufgewiesen. Niemand habe vorher gewusst, wie eine Covid-19-Lungenentzündung aussehe.

"Es waren sehr schwere, sehr feste Lungen. Wenn man das sieht, kann man sich gut vorstellen, welche Schwierigkeiten die Intensivmediziner haben, die Patienten zu beatmen."

Jan Sperhake

Ungewöhnlich hohe Rate an Thrombosen und Lungenembolien

Dann kam er zu der für die Wissenschaftler überraschendsten Erkenntnis. Die Verstorbenen hätten eine ungewöhnlich hohe Rate an Thrombosen und Lungenembolien aufgewiesen. "Sowas findet man bei bettlägrigen Patienten zwar immer wieder, aber der Anteil war besonders groß", so Sperhake. Sieben der Zwölf hätten eine Thrombose erlitten, vier von ihnen eine Lungenembolie. "Das ist schon ein sehr hoher Prozentsatz", merkte er an und erläuterte, dass die Auffälligkeit sich auch in den weiteren Untersuchungen bestätigt habe – wenn auch nicht mehr in einem ganz so hohen Bereich wie bei den ersten zwölf Untersuchten.

Stefan Kluge erläuterte, warum diese Erkenntnis so wichtig ist. "Es gibt nach wie vor keine Therapie für Covid-19, kein Medikament, das wir verabreichen können." Aber Trombosen und Lungenembolien könne man tatsächlich vorbeugen – und zwar mit Blutverdünnern. Deshalb folge daraus:

"Alle Covid-19-Patienten sollten mit Blutverdünnern behandelt werden."

Stefan Kluge

Kluge verwies allerdings auch darauf, dass die meisten Patienten an Lungenentzündung gestorben seien. Da helfe dann auch kein Blutverdünner.

Tatsächlich fanden andere Forscher aber heraus, dass Covid-19-Patienten, die stationär mit Blutverdünnern behandelt wurden, bessere Überlebenschancen haben. Wissenschaftler vom Hasso Plattner Institute for Digital Health at Mount Sinai stellten nämlich fest, dass die Wirkung der Blutverdünner bei beatmeten Patienten stärker ausgeprägt war. Knapp 63 Prozent der intubierten Patienten, die nicht mit Blutverdünnern behandelt wurden, starben - im Vergleich zu 29,1 Prozent der intubierten Patienten, die mit Blutverdünnern behandelt wurden.

Appell: "Corona ist kein Killer-Virus"

Zum Abschluss richtete Pathologie-Chef Klaus Püschel noch einen Appell an alle: Corona sei kein "Killer-Virus". Er wolle den Menschen die Angst nehmen, sagte er, denn: "Angst essen Seele auf", so Püschel unter Anspielung auf einen gleichnamigen Film aus dem Jahr 1974. Obwohl er selbst zu einer Risikogruppe (ältere Menschen) gehöre, habe er keine Angst. "Es ist ein falscher Eindruck, wenn man denkt, dass jeder von uns ständig und überall vom Virus bedroht ist."

Er verwies auf die nach wie vor geringe Sterblichkeitsrate und darauf, dass selbst in Altenheimen, wo das Virus ausbreche, die meisten Betroffenen überlebten. "Wir sind nicht im Krieg", erklärte Püschel mit Blick auf so manche Politiker-Äußerung zu Beginn der Pandemie. Er plädiere für einen normalen Umgang mit dem Virus – "mit Abstand".

(om)

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