Leben
Bild

Bild: imago sportfotodienst

Finnland bleibt glücklichstes Land der Welt – Das rät uns eine Finnin für mehr Happiness

In Finnland leben die glücklichsten Menschen der Welt – sagt der jährliche World Happiness Report. Wir machten die Probe aufs Exempel und fragten in Helsinki nach: Warum ist das so und – vor allem – wie können wir (noch) glücklicher werden?

Reto Fehr / watson.ch

Finnland hat seinen Titel als glücklichstes Land der Welt verteidigt. Die Nordländer verweisen ausgewertete 156 Nationen auf die Plätze. Deutschland belegt Rang 17.

Da geht also noch was für uns. Aber was tun? Wir haben bei der Journalistin Piia Elonen vom "Helsingin Sanomat" nachgefragt, der größten Zeitung Finnlands.

Frau Elonen, wie glücklich sind Sie heute?
Piia Elonen:
(lacht). Ich bin sehr glücklich. Ich habe neun Stunden geschlafen und bin dann zu Fuß zur Arbeit gelaufen. Zudem traf ich mich heute Mittag mit guten Freunden zum Essen. Darauf freue ich mich jeweils sehr. Ich bin heute sogar extrem glücklich.

Sind Sie immer so gut drauf?
Nein, das kann ja niemand sein. Aber grundsätzlich bin ich positiv eingestellt. Und wenn es mal nicht so gut läuft, dann weiß ich: Schlechte Zeiten gehen vorbei.

Bild

Piia Elonen: In der Natur sein macht glücklich. Bild: hs / anna matilda valli

Zur Person

Piia Elonen arbeitet beim Helsingin Sanomat, der größten, nationalen Zeitung Finnlands mit Sitz in Helsinki. Seit einigen Monaten ist die Mutter Klimawandel-Korrespondentin – ein Job, der beim Medienhaus neu geschaffen wurde.

Über das World Happiness Ranking berichtete man in Finnland natürlich auch. Hier gibt's den Artikel dazu vom
"Helsingin Sanomat"
(finnisch). Allerdings habe die Spitzenplatzierung im vergangenen Jahr deutlich höhere Wellen geschlagen.

Dass neun Stunden Schlaf glücklich machen, kann ich gut nachvollziehen. Was hat Ihr Arbeitsweg zu Fuß mit Glücklichsein zu tun?
Den Körper bewegen und draußen unterwegs sein, das gibt mir Energie. Ich fahre auch oft mit dem Rad zur Arbeit, das hat den gleichen Effekt.

Mitternachtssonne am Jerisjaervi-See, Finnland, Pallas Yllaestunturi Nationalpark midnight sun at lake Jerisjaervi, Finland, Pallas Yllaestunturi Nationalpark BLWS514741 Copyright: xblickwinkel/M.xWoikex

Mitternachtssonne am Jerisjaervi-See, Finnland Bild: imago stock&people

Ehrlich gesagt: Ich war auch schon in Finnland und wenn ich an Finnen denke, dann sehe ich nicht gerade endlos lächelnde Menschen vor mir. Sehen Sie den Finnen an, dass sie glücklich sind?
Nein, da geht es mir auch so. Wenn du in Finnland durch die Straßen läufst, strahlt dich nicht einfach jeder an. Wir dürfen aber "glücklich sein" auch nicht mit Lächeln gleichsetzen. Finnen sind eher "still glücklich". Glück ist etwas, das wir in uns herumtragen.

Wie kommt das?
Glück ist auch das Fehlen von Sorgen. Das Leben in Finnland ist gut. Wir haben eine funktionierende Demokratie, keinen Krieg, haben zu essen und zu trinken. Das hilft, um glücklich zu sein.

Das mit dem "Fehlen von Sorgen" sieht bei anderen Ländern weit oben im Ranking auch so aus. Was macht Finnland von den "Rahmenbedingungen" her besser?
Wir haben eine gute Work-Life-Balance. Wir arbeiten nicht endlos. Die tägliche Arbeitszeit beträgt in vielen Betrieben siebeneinhalb bis acht Stunden. So haben wir mehr Zeit für Hobbys und um Familie und Freunde zu treffen. Was bei den Jungen noch dazukommt: Wir haben sehr lange Sommerferien.

Was können die Finnen speziell gut, das zum Glück beiträgt?
Ich will hier nicht sagen, dass das in anderen Ländern nicht so ist, aber Finnen vertrauen grundsätzlich anderen Leuten.
Und wir werden dafür nicht enttäuscht – oder nur sehr selten.

Ich kann im Zug oder Restaurant meine Tasche kurz unbeaufsichtigt liegen lassen und sie wird nicht gestohlen. Das geht dann auch in das Vertrauen gegenüber dem Staat über.

Wie meinen Sie das?
Wir vertrauen unseren Politikern, unserer Polizei oder wissen, wenn es uns schlecht geht, dass es dafür in Krankenhäusern oder anderen Institutionen professionelle Hilfe gibt. Das macht das Leben sorgenfreier. Und diese Mentalität des Vertrauens, das nicht missbraucht wird, wirkt sich positiv auf die Grundstimmung aus.

Das hört sich alles gut an. Aber seien wir mal ehrlich: Man kann doch nicht wirklich glücklich sein, wenn man einen Winter lang im Dunkeln sitzt.
(lacht). Ja, die kurzen Wintertage sind deprimierend und sehr hart. Ich allerdings liebe Langlaufen und freue mich deshalb auch auf den Winter. Viele andere freuen sich, dass der Frühling kommt und vor allem der Sommer. Man kann das auch positiv sehen: Die Vorfreude auf längere Tage ist im Allgemeinen groß.

Leider ist auch die Selbstmordrate hoch in Finnland. Wie passt das zusammen?
Das ist in der Tat so. Allerdings ging diese in den vergangenen Jahren zurück. Suizid begehen in Finnland oft junge Männer, denen eine Perspektive fehlt. Wir arbeiten aber daran, dies zu verbessern.

Als wir den Bericht des World Happiness Rankings publiziert hatten, schrieb ein User als Kommentar: "Die Finnen sind auch dauernd besoffen."
Da muss ich entschieden antworten: Alkohol macht traurig, nicht glücklich. Kurzfristig hilft es vielleicht, aber sonst bringt er nur mehr Sorgen. Übrigens ist das Vorurteil der trinkfreudigen Finnen falsch. Wir bewegen uns da im europäischen Mittelfeld.

Dann will ich zum Abschluss natürlich noch wissen: Haben Sie einen Tipp, wie wir glücklicher werden können?
Die Sache mit der liegengelassenen Tasche ist so ein Punkt. Ich lasse meine Sachen unbeaufsichtigt liegen und bin bereit, mit ihrem möglichen Verlust dafür zu bezahlen. Bisher kam noch nie etwas weg. Und auch wenn dem so wäre: Das Wissen, dass ich das machen kann und mich nicht ständig sorgen muss, gibt mir ein so gutes Gefühl, dass es mir einen Verlust durchaus auch mal wert wäre.

Wir wollen nicht gierig sein – aber verraten Sie uns noch einen zweiten Tipp?
Im Alltag kann man sich mit vielen kleinen Dingen glücklich machen. Wie erwähnt, ist das Leben in Finnland meist "nice and easy". Ich schaffe mir dann kleine Challenges. Wenn ich zum Beispiel auch bei nicht optimalen Bedingungen mit dem Velo zur Arbeit fahre, komme ich im Büro an und fühle mich als kleine Heldin. Oder ich fahre mit meinem Kind nicht mit dem Auto zum Babyschwimmen, sondern gehe zu Fuß oder mit dem Rad. Wenn ich das schaffe, gibt es mir auch ein gutes Gefühl. So eine Challenge kann auch ein tägliches eiskaltes Bad sein. Ich kenne einige Leute, die das machen. Ich allerdings nicht. (lacht)

So, wir machen mal den ersten Schritt hin zum glücklicheren Deutschland:

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Kinder im Dauerstress: Warum die Kindheit mit dem Kita-Besuch aufhört

Ilona Böhnke ist Erzieherin in Dortmund. In ihrer 40-jährigen Laufbahn hat sie eine wichtige Beobachtung gemacht: Kinder verbringen immer mehr Zeit in Kitas, deren Alltag ist durchgetaktet. Dass Spielen nach Stundenplan und das ständige Zusammensein in der Gruppe auch Arbeit für die Kinder bedeutet, wissen viele Erwachsene nicht. Böhnke warnt nun vor möglichen Folgen.

Morgens Mathe, dann Bildungsbereich Natur bis mittags. Nach der Mittagspause Entspannung, vielleicht noch eine Runde Malen oder Singkreis und dann noch Turnen, bis es wieder nach Hause geht.

Was auf den ersten Blick wie der Alltag von mindestens einem Grundschüler wirkt, ist tatsächlich ein ganz normaler Tag für ein Klein- oder Vorschulkind in der Kita. Zeit für freies Spielen? Bleibt da eigentlich gar nicht.

Viele der Probleme, die in deutschen Kitas vorherrschen, sind zwar immer noch nicht …

Artikel lesen
Link zum Artikel