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Jenke von Wilmsdorff macht den Selbsttest – als Pflegefall. Bild: RTL

Jenke in Pflege: So bewertet eine Pflegerin sein intimstes Experiment

Ein Mann wird von einem elektrischen Hebegerät gestützt vom Bett in seinen Rollstuhl gehoben. Er muss auf die Toilette, kann aber weder seine Arme noch Beine bewegen und ist deswegen auf fremde Hilfe angewiesen. Wie viele andere pflegebedürftige Menschen in Deutschland auch.

Der Mann ist Journalist Jenke von Wilmsdorff – und der wesentliche Unterschied zwischen ihm und den etwa 3,4 Millionen Pflegefällen hierzulande ist: Jenke ist nach nur fünf Tagen nicht mehr auf fremde Hilfe angewiesen. Denn dann ist der Selbstversuch für seine Sendung "Das Jenke-Experiment" (RTL) vorbei.

Jenke ist bekannt für seine wagemutigen Unterfangen: Mal versucht er, sich wochenlang nur von in Plastik eingeschweißten Lebensmitteln zu ernähren. Ein anderes Mal testet er verschiedene Drogen, um Sucht zu erforschen. Dieses Mal wagt er sein wohl "intimstes" Experiment, wie in der Sendung angekündigt wird: Er probiert sich nicht nur als Pfleger aus, sondern macht sich selbst zum Pflegefall – indem er sich beide Arme eingipsen und Schienen an den Beinen anlegen lässt.

Watson hat die Pflegerin Melanie Becker gebeten, die Show anzuschauen und zu bewerten: Wie authentisch sind die Darstellungen Jenkes? Sieht so der Alltag einer Pflegekraft aus? Und kann er einen pflegebedürftigen Menschen realistisch darstellen, obwohl er selbst gesund ist?

Jenke angeteast

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Video: YouTube/GrasshalmClips

Die Pflegerin kritisiert durchweg negative Berichterstattung über Pflege

Becker arbeitet bereits seit 23 Jahren als Pflegerin. Nachdem sie gemeinsam mit ihrer Mutter ihren Vater zu Hause gepflegt hat, entschloss sie sich, eine Ausbildung in der Pflege zu machen. Eine Berufswahl, die für viele Menschen anscheinend nicht mehr nachvollziehbar ist – bedenkt man die negative Berichterstattung: Schließlich denken beim Thema Pflege die meisten zunächst an Missstände in Heimen, Personalmangel und schlechte Bezahlung.

"Der Pflegeberuf wird in den Medien immer sehr negativ dargestellt. Dabei gibt es sehr viele schöne Seiten."

Melanie Becker, Pflegerin

Jenke will die Pflegesituation in Deutschland nun aus mehreren Gesichtspunkten beleuchten, um sich seiner Angst zu stellen, selbst einmal auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Deswegen versucht er sich zunächst als Pfleger. Im ersten Versuch assistiert Jenke Kira Grünberg, einer österreichischen Politikerin. Grünberg war eigentlich Stabhochspringerin. Bei einem Unfall brach sie sich allerdings den fünften Nackenwirbel und ist seitdem querschnittsgelähmt.

Jenke hilft der 26-Jährigen nun in ihrem Alltag: Er trägt sie, fährt sie mit dem Auto von A nach B, wäscht und zieht sie an. Morgens muss er prüfen, ob ihr Darm geleert werden muss, weil Grünberg das nicht mehr eigenständig tun kann. Aufgaben, bei denen Jenke sichtlich nervös ist – und bei denen der Zuschauer sich schnell fragt: Ist es realistisch, dass jemand wie Jenke, offenbar ohne Vorkenntnisse, gleich solch sensiblen Aufgaben durchführt?

Das ist möglich, bestätigt Pflegerin Becker am Telefon gegenüber watson. "Es gibt auch Menschen in der Pflege, die nicht ausgebildet sind – das sind Pflegeassistenten", erklärt Becker. Sie hätten nicht immer Vorkenntnisse, werden aber in die Aufgaben eingearbeitet. Auch Jenke wird eine Art Einführung bekommen haben, mutmaßt sie.

Wer als Pfleger arbeitet, überwindet anfangs gewisse Hemmschwellen

Dass Jenke offensichtlich nervös ist, einem fremden Menschen körperlich so nahe zu kommen und vielleicht Angst hat, etwas falsch zu machen, ist nachvollziehbar. Becker berichtet, dass auch sie in ihrer beruflichen Anfangszeit eine gewisse Hemmschwelle gespürt habe:

"Es ist natürlich zunächst eine Grenzüberschreitung, so nah mit Menschen zusammenzuarbeiten – auch für diejenigen, die Hilfe benötigen."

Mit der Zeit habe sie sich an die Aufgaben gewöhnt. Obwohl manche Situationen nach wie vor schwieriger zu bewältigen sind. Gerade wenn man junge Patienten wie Grünberg pflegt, kann das zunächst ungewohnt sein.

Im nächsten Schritt besucht Jenke ein Pflegeheim. Gemeinsam mit einer Pflegerin übernimmt er hier die Nachtschicht – und ist mit ihr gemeinsam für 39 Patienten zuständig. Das bedeutet vor allem, im Schnelldurchlauf möglichst viele Menschen versorgen, ihnen Medikamente zu geben, sie bequem zu betten, Urinflaschen auszuleeren. Gerade einmal sechs Minuten Zeit pro Patient hat Jenke.

Dass Pflegekräfte oftmals am Limit arbeiten, ist einer der Missstände, die in jüngster Zeit häufig in der Öffentlichkeit verhandelt wurden. Becker weiß aus eigener Erfahrung, wie anstrengend der Beruf sein kann: Bis zu 59 Bewohner hatte sie teilweise auf ihrer Station. "Wir waren quasi ein eigenes Pflegeheim", berichtet sie. Allerdings seien solche Stationen heutzutage nicht mehr üblich, neuere Häuser seinen in der Regel kleiner.

Die Anstrengung, für so viele Patienten verantwortlich zu sein, ist jedoch spürbar:

"Es ist auf jeden Fall eine große Belastung, wenn man für so viele Menschen allein zuständig ist."

So, wie Jenke sich während seines Experiments um seine Patienten kümmert, wirkt das sehr fürsorglich: Er gibt sich offensichtlich Mühe, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen. Lässt sie eigenständig Zähne putzen oder sich rasieren, wenn sie es noch können. Macht lustige Bemerkungen, um sie zum Lachen zu bringen. All das kostet allerdings vor allem: Zeit. Und die ist ein seltenes Gut in der Pflege.

Jenke verbringt viel Zeit mit seinen Patienten – eine Ausnahme in der Pflege

Als eine Pflegerin in der Sendung bemerkt, in derselben Zeit die Jenke benötigt, um drei Patienten zu versorgen, hätte sie doppelt so viele geschafft, bekräftigt Becker, dass Jenkes Arbeitsweise eher eine Ausnahme sei. "Im Alltag müssen wir Pflegekräfte immer schauen, wie wir uns als Gruppe organisieren", erklärt Becker.

Das bedeutet, dass sie zum Beispiel schon mal das Bett macht, während ein Patient oder eine Patientin duschen. Vorausgesetzt, sie können das noch eigenständig. Dass Jenkes Einsatz zwar gelobt, gleichzeitig von den Pflegekräften in der Sendung als nicht umsetzbar bewertet wird, deckt sich mit Beckers Erfahrungen.

Nach seinen ersten Annäherungen zum Thema Pflege stellt Jenke sich schließlich seiner größten Angst und lässt sich zum Pflegefall umgestalten: indem er sich die Arme eingipsen und Schienen an die Beine anlegen lässt. Jenkes Verfassung entspricht nun der Pflegestufe 5. Er kann weder selbstständig aufstehen, noch essen oder auf Toilette gehen. Dass er mithilfe eines elektrischen Tragegeräts aus dem Bett gehoben werden muss, beschreibt er so:

"Mich da reinzuhängen – da habe ich mich gleich 50 Jahre älter gefühlt."

Eine besondere Scham empfindet er auch vor sämtlichen intimen Vorgängen, wie zum Beispiel gewaschen zu werden oder vor fremden Menschen auf Toilette zu gehen. Becker kann das nachvollziehen: Sich von einem fremden Menschen waschen zu lassen, sei zunächst skurril.

Allerdings merkt auch Jenke schnell: Wenn ein Vorgang nun einmal notwendig ist, gewöhnt man sich schnell daran. Die Aufgaben, die auf den ersten Blick unangenehm, vielleicht sogar peinlich erscheinen, müssen erledigt werden, um ein Altern in Würde zu ermöglichen. Das müssen viele Menschen, die hilfebedürftig werden, erst einmal akzeptieren lernen, weiß auch Becker.

"Das Jenke-Experiment" ist authentisch, meint die Pflegerin

Jenke meint nach seinem Selbstversuch: "Ich bin in einen anderen Zustand gewechselt." Viele Aspekte, die im Zusammenhang mit Pflege zunächst negativ erscheinen, scheinen für Jenke im Laufe seines Experiments an Normalität zu gewinnen. Und sei es auch nur, vor fremden Menschen auf Toilette zu gehen.

Auch wenn es sicherlich Institutionen gibt, in denen nach wie vor vieles schief geht: Becker meint, dass Jenkes Experiment einen Beitrag dazu leistet, ein realistisches und positiveres Bild auf die Pflege in Deutschland zu werfen. Schließlich fühlen sich viele Menschen in Pflegeheimen sehr wohl - ein Aspekt, der in der Berichterstattung zu oft außer Acht gelassen wird und im Endeffekt zum negativen Image des Pflegeberufs beiträgt.

"Ich finde es gut, dass Jenke so offen über Pflege spricht", sagt Becker. "Dass er Angst davor hat, ein Pflegefall zu werden, geht wahrscheinlich vielen Menschen so – auch mir." Schließlich sehe Becker in ihrem Beruf täglich Menschen, die durch Krankheit oder Unfall auf Pflege angewiesen seien. Für sich selbst wünsche man sich das nicht. "Aber ich finde es gut, über die Angst zu sprechen."

Auch wenn Jenke nur einen kurzen Ausflug in den Alltag eines Pflegers und eines pflegebedürftigen Patienten gemacht hat: Becker meint, dass sein Experiment ein authentisches Abbild dessen gezeigt habe, was sie täglich in ihrem Beruf erlebe. "Ich würde mir wünschen, dass es mehr solcher Beiträge gäbe", sagt sie. "Denn hier wurde gezeigt, dass Pflege auch gut funktionieren kann."

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