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Bild: Getty / watson Montage

Burnout mit 29: Wie mich der Beruf, den ich liebe, krank machte

katharina klinger*

Katharina Klinger (Name von der Redaktion geändert) ist Sozialarbeiterin – und wurde vor Kurzem mit einem Burnout diagnostiziert. Ihre Geschichte beweist, dass auch Menschen, die anderen Menschen helfen, selbst manchmal Unterstützung brauchen. Wie es zu ihrem Burnout kommen konnte – und was sich in sozialen Berufen generell ändern muss.

Ich sitze allein in meinem neuen Zimmer. Es dringen kaum Geräusche zu mir durch. Es gibt keinen Fernseher, von dem ich mich beschallen lassen könnte, keine Bilder an der Wand oder Falten in meiner gestärkten Bettwäsche, an denen meine Gedanken hängen bleiben könnten.

Ich denke, man wird so auf sich selbst zurückgeworfen im Krankenhaus. Erst jetzt wird mir gewahr, wie schlecht es mir in den letzten Monaten wirklich ging – und gleichzeitig schäme ich mich dafür, hier zu sein. Anderen Menschen geht es doch so viel schlechter als mir.

Nach mehreren Jahren Arbeit in der Flüchtlingshilfe, nach mehreren Zusammenbrüchen, zahlreichen Wochen, in denen ich immer wieder krankgeschrieben war, nach ewigen Diskussionen mit mir selbst, ob ich so weiterarbeiten kann, wie ich bisher gearbeitet habe, wurde ich schließlich in die Psychiatrie eingewiesen. Diagnose: Burnout.

Mit nur 29 Jahren habe ich einen Burnout

Und um gleich eines vorweg zu nehmen: Dass es bis zu diesem Punkt kommen musste, liegt nicht an den Menschen, mit denen ich zusammengearbeitet habe. Es liegt nicht an den jugendlichen Flüchtlingen, die mir ihre Geschichten anvertraut haben, oder an meinen Kollegen, von denen viele meine Gefühle nachvollziehen konnten.

Es liegt daran, wie der Arbeitsalltag in sozialen Berufen funktioniert – oder genauer gesagt, eben nicht funktioniert.

Ich wollte einen Job "mit Sinn".

Angefangen, mich ehrenamtlich für Flüchtlinge zu engagieren, habe ich im Jahr 2013. Mir war es schon immer wichtig, einen Job "mit Sinn" zu haben – einfach nur in einem grauen Büro zu sitzen und vor mich hin zu arbeiten, ohne das Gefühl zu haben, etwas verändern zu können, ist nichts für mich.

Neben diesem Bedürfnis habe ich einen Glaubenssatz verinnerlicht, der wohl ganz gut zu unserer heutigen Gesellschaft passt: Geprägt von meinem Elternhaus war ich schon immer überzeugt davon, dass ich viel dafür arbeiten muss, wenn ich Liebe und Bestätigung erfahren will.

Das Gefühl kennen viele andere sicherlich auch: die Bereitschaft, immer ein bisschen mehr zu geben, noch mal ein bisschen mehr zu arbeiten, vielleicht doch noch ein Stündchen dranzuhängen – vielleicht nicht nur, aber auch, um ein wenig mehr Anerkennung zu kriegen.

Im Flüchtlingsheim war immer viel zu tun – manchmal zu viel

2015 – in dem Jahr, als fast eine Million Geflüchtete nach Deutschland kamen – habe ich dann in einer Erstaufnahmeeinrichtung für minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge als Sozialbetreuerin gearbeitet. Das Haus mit Plätzen für 50 Jugendliche wurde quasi über Nacht eröffnet – vor allem anfangs waren wir vollkommen unterbesetzt.

Manchmal hatten wir Glück und hatten neben einer studierten Fachkraft und einer Hauswirtschaftskraft noch mehrere Securitys da, die teils zwischen uns und den Jugendlichen, die meist noch kein Deutsch sprachen, übersetzen konnten. Oft aber musste man gleichzeitig mit dem Jugendamt telefonieren, aufgebrachte Nachbarn beschwichtigen, Essen ausgeben und aufgekratzte Teenager beruhigen, die gerne mal das Treppenhaus mit Rasierschaum vollspritzten oder auch einfach nur gemeinsam Karten spielen wollten.

Das waren übrigens die mit schönsten Momente: zu sehen, wie die Jugendlichen, die teils schwer traumatisiert waren, die ihre Familien verlassen oder sogar verloren haben, wieder Spaß haben konnten.

Das Gefühl, gestresst zu sein, ging einfach nicht mehr weg.

Die Atmosphäre im Haus hatte manchmal etwas von einem Aufenthalt im Schullandheim. Und trotzdem wussten wir Mitarbeiter (und vor allem die Jugendlichen selbst, die gerade zu Anfang nicht verstanden haben, wie das Asylsystem funktioniert), dass jeden Moment ein alles vernichtender Brief kommen konnte mit der Info: Dieser und jener könnte in sein Heimatland zurück müssen.

Oder eine Nachricht darüber, dass eine Bombe im Heimatort eingeschlagen ist. Auch in den glücklichen Augenblicken konnte die Stimmung jederzeit kippen.

Es gab viel zu tun. Schon damals machte ich sehr viele Überstunden – und obwohl wir Betreuer uns der Belastung bewusst waren und versucht haben, uns gegenseitig so weit zu unterstützen, wie es eben ging, konnte ich irgendwann nicht mehr abschalten. Auch wenn ich abends zu Hause war: Das Gefühl, gestresst zu sein, ging einfach nicht mehr weg.

Anstatt eine Pause zu machen, fing ich einen neuen Job an

Doch anstatt eine Pause zu machen fing ich an, in einem betreuten Jugendwohnheim zu arbeiten. Die meisten Bewohner waren Flüchtlinge aus Syrien oder Afghanistan. Während dieser Zeit habe ich insgesamt vier Jugendliche besonders intensiv betreut: Ich war bei ihren Asylanhörungen dabei, bei Arztterminen, bei Gesprächen mit ihren Lehrern. Ich kannte ihre Geschichten, ich wusste, was sie bewegte, welche Ziele sie hatten.

Ich habe gesehen, wie diese Jugendlichen immer wieder wollen und wollen und wollen – wie sie zur Schule gehen, eine Ausbildung machen, die Sprache lernen, einfach hier bleiben wollen. Und ich habe gesehen, wie oft sie scheitern: An unseren Strukturen, an den Behörden, an den Vorurteilen, die ihnen immer wieder entgegengebracht werden.

Natürlich kann man diese Geschichten, die man alltäglich erlebt, irgendwann nicht mehr einfach ausblenden. Natürlich geht es einem nahe, zu sehen, wie die Menschen, die man unterstützen möchte, Rückschläge erfahren oder in der ständigen Angst leben müssen, in ihre Heimatländer zurückgeschickt zu werden.

Ich habe in dieser Zeit konstant über meine Belastungsgrenze gearbeitet – nicht nur zeitlich, auch emotional. Der Stress wurde so groß, dass ich ohne ihn nicht mehr konnte: Wenn ich mal ein oder zwei Stunden allein im Büro saß und Papierkram bearbeitete, habe ich gelauert, dass die Tür aufgeht und jemand etwas von mir will. Ich bin von diesem Stresslevel einfach nicht mehr heruntergekommen.

Irgendwann kamen Erschöpfung und Panikattacken

Anfangs habe ich meine Gefühle noch heruntergeschluckt. Ich habe gearbeitet, mich dann nach Hause geschleppt, ohne noch etwas Anderes zu unternehmen, bin halb tot ins Bett gefallen, um am nächsten Tag wieder arbeiten zu gehen.

Ich war ständig müde. Wurde immer häufiger krank – alle fünf, sechs Wochen wurde ich wieder krankgeschrieben. Ich bekam Panikattacken: Ich konnte das Gefühl, allein zu Hause zu sein, nicht mehr ertragen. Denn immer, wenn ich mit meinen Gedanken allein war, wurde mir bewusst, wie schlecht es mir eigentlich ging.

Wenn so viel Schlechtes passiert, kann ich nicht einfach Heim gehen.

Das Problem, wenn man in einem sozialen Beruf arbeitet, ist: Man wird alltäglich mit so einem schlechten Weltbild konfrontiert, dass man den Eindruck bekommt, nicht einfach Pause machen zu können. Wenn so viel Schlechtes passiert, kann ich nicht einfach Heim gehen und etwas machen, das mir guttut.

Ich bin aufgewachsen in einem sicheren Land, in einer typischen Mittelschicht-Familie, ich habe alles, was ich zum Leben benötige – dann kann mich so ein bisschen Stress doch nicht herunterziehen.

Und dann kann er es eben doch.

Aufenthalt in der Psychiatrie: Endlich wurde mein Leid sichtbar

Richtig bewusst wurde mir das vergangenen Sommer, als ich mit zwei Freunden nach Asien fliegen wollte: Nur wenige Tage vor meinem Urlaub hatte ich das Gefühl, nicht einmal meine Tasche packen, geschweige denn zum Flughafen fahren zu können.

Danach häuften sich die Zusammenbrüche: Einmal kochte ich gemeinsam mit meinen Freunden – und fing dann einfach an zu weinen, weil zu viel los war, zu viele Menschen auf einem Haufen waren.

Ein anderes Mal brach ich in einem Restaurant in Tränen aus und konnte mich einfach nicht mehr beruhigen. Glücklicherweise war ein Freund bei mir, der mich dann in die Notaufnahme brachte – denn in diesem Moment wusste ich nicht, was passieren wäre, wenn ich allein nach Hause hätte gehen müssen. Ich war verzweifelt – und gleichzeitig erleichtert, als ich endlich in der Psychiatrie ankam:

Endlich wurde mein Leid sichtbar. Endlich musste ich meine Probleme nicht mehr überspielen.

Ich habe gelernt: Ich bin nicht allein

Nach einem dreiwöchigen Aufenthalt in der Psychiatrie habe ich eine ambulante Therapie angefangen – die mache ich auch heute noch. Dort lerne ich, über meine Gefühle sprechen, meine Probleme mit anderen zu teilen. Gerade die Gruppentherapiesitzungen tun mir besonders gut. Immerhin merke ich dabei, ich bin nicht allein.

Das war generell eine wichtige Lektion für mich: zu merken, ich bin nicht die einzige, die plötzlich unter ihrer Arbeit leidet, obwohl sie sie gleichzeitig so liebt. In der Psychiatrie zum Beispiel hatte ich anfangs Angst, mit den anderen Menschen zu sprechen – dann lernte ich sie nach und nach kennen:

Da waren zum Beispiel eine Psychologin, eine Erzieherin, eine Lehrerin, zwei Sozialarbeiterinnen – das ganze Spektrum von Leuten, die in Berufen arbeiten, in denen man besonders engen Kontakt mit anderen Menschen und ihren Schicksalen pflegt. Berufe, die oft ideologisch geprägt und nicht immer besonders attraktiv sind – sei es wegen der hohen Belastung oder der miesen Bezahlung.

In sozialen Berufen gilt oft: Wer opfert sich am meisten auf?

Ich glaube, ein wesentliches Problem in sozialen Berufen ist: Wir wollen oftmals so viel von uns geben. Wo in anderen Berufen Leistung und Anerkennung daran gemessen werden, wer länger im Büro bleibt oder die krassere Präsentation vorbereitet, gilt bei uns: Wer opfert sich am meisten auf?

Schon im Studium wurde uns gesagt: Passt auf, dass ihr keinen Helferkomplex entwickelt. Ein gesunder Abstand zum Beruf ist hier besonders wichtig. Genau das ist es, was ich gerade versuche, zu lernen – denn ich will auf jeden Fall wieder in meinen Beruf einsteigen, sobald es mir seelisch besser geht.

Wenn ich auch nicht mehr ganz so eng mit Menschen und einem anderen Feld als der Flüchtlingsarbeit tätig sein möchte: Ich will auf jeden Fall im sozialen Bereich bleiben.

Gleichzeitig bleibt da auch immer ein Rest Schuldgefühl übrig. Ich kann aus meinem Beruf aussteigen, wenn ich will – die Jugendlichen aber, die ich betreut habe, können ihre Situation nicht einfach so verlassen.

In sozialen Berufen wird nicht ausreichend in die Prävention investiert

Durch meine persönliche Krise habe ich eine Menge gelernt und in meiner Therapie lerne ich jetzt noch mehr – trotzdem würde ich mir wünschen, dass sich der Bereich der sozialen Arbeit weiterentwickelt. Ich habe den Eindruck, dass er von der Politik viel zu lange Zeit vernachlässigt wurde.

Leider wird in sozialen Berufen nicht ausreichend in die Prävention von Problemen investiert, sondern eher in deren Nachbehandlung: Erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, kommen der große Aufschrei und Maßnahmen zur Schadensbewältigung.

Dann ist es allerdings meist schon zu spät – sowohl für die Betroffenen selbst als auch für diejenigen, die ihnen helfen sollen. Und dann brauchen oft auch die Helfer selbst Hilfe.

Ich habe diese Hilfe glücklicherweise gefunden. Sowohl meine Kollegen als auch meine Freunde sind sehr verständnisvoll: Je mehr ich offen über meine Gefühle spreche, umso mehr positives Feedback bekomme ich. Mal schauen, wie es in den nächsten Jahren für mich weitergehen wird – ich bin gespannt.

Protokoll: Agatha Kremplewski

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