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Vereinzelte Schüler dürfen bereits in der Unterricht zurück – unter Beachtung der Sicherheitsmaßnahmen und Hygieneregeln. Bild: E+ / Imgorthand

Interview

Würden Schulen nur so gefördert werden wie Fußball: Jugendforscher über Corona-Krise

Durch die Corona-Pandemie ist etwas geschehen, das wohl niemand in Deutschland erwartet hätte: Die Schulen wurden schlagartig digitalisiert. Unterricht von zu Hause war plötzlich nicht nur möglich, sondern auch nötig – zum Schutz der Gesundheit.

Dass nicht nur gestresste Eltern, die neben Homeoffice nun auch noch das Homeschooling wuppen mussten, unter der Situation litten, wurde schnell deutlich. Verheerender als der Alltagsfrust könnten allerdings die sozialen Folgen des ungewollten Bildungsexperiments sein: Denn die größten Verlierer der Corona-Krise könnten nicht nur die Schüler allgemein sein. Sondern vor allem jene unter ihnen, die aus bildungsfernen oder finanziell weniger gut situierten Familien stammen.

Davor warnt zumindest Jugendforscher Klaus Hurrelmann. Er ist Professor für Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin und führt unter anderem die Shell Jugendstudie durch. Im Interview mit watson spricht Hurrelmann darüber, warum ausgerechnet in Deutschland die familiäre Herkunft so stark über den Bildungserfolg entscheidet und wie Corona die soziale Ungleichheit in der Schule noch verstärken könnte.

"Besonders Schulen in schwierigen Einzugsgebieten müssten nun besonders aktiv werden. Aber das schaffen sie nicht. Sie sind überfordert."

Watson: Wochenlang waren wegen der Corona-Pandemie deutschlandweit die Schulen geschlossen, mittlerweile dürfen zahlreiche Kinder und Jugendliche teilweise wieder den Unterricht vor Ort besuchen. Welche von ihnen hat die Corona-Krise am schwersten getroffen?

Klaus Hurrelmann: Die Schüler, die aus bildungsfernen Familien stammen. Ihre Lage könnte sich aufgrund der Pandemie zuspitzen, über sie müssen wir uns nun Gedanken machen. Wir konnten in den vergangenen Wochen beobachten: Wenn die Schulbildung fast ausschließlich zu Hause stattfindet, können zwar gut situierte und akademisch geprägte Familien mithalten. Denn Kinder, die über Raum zum Lernen und entsprechende Endgeräte verfügen, um den Schulstoff digital zu bearbeiten, können auch mal ein paar Monate nicht zur Schule gehen, das fällt nicht so stark ins Gewicht.

Bei Kindern aus schlechter situierten oder bildungsfernen Familien sieht das anders aus. Für sie bedeuten sechs Wochen Sommerferien meist schon einen Rückschlag in der schulischen Leistung. Welche Auswirkungen haben dann zehn Wochen, gar sechs Monate oder mehr? Das wären dann unterschiedliche Bildungsimpulse, die über lange Zeit unterschiedlich in den sozialen Schichten verteilt werden.

Besonders Schulen in schwierigen Einzugsgebieten müssten nun besonders aktiv werden. Aber das schaffen sie nicht. Sie sind überfordert.

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Klaus Hurrelmann plädiert schon seit den 70er Jahren dafür, dass Real-, Haupt- und Gesamtschulen zu einem Schultyp zusammengelegt werden sollten, um Ungleichheiten zu mildern. Bild: hertie school of gouvernance

Im Normalfall ist es in Deutschland nicht erlaubt, Kinder zu Hause zu unterrichten. Alle müssen in die Schule gehen. Wenn prinzipiell alle dasselbe System durchlaufen: Woher kommt dann die Ungleichheit in der Bildung?

Wir haben schon vor Jahrzehnten festgestellt, dass Bildungschancen in Deutschland stark mit der familiären Herkunft zusammenhängen. Das findet seinen Ursprung in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg: Als Reaktion auf die Nazi-Vergangenheit wurden gemeinschaftliche Einrichtungen für Kinder und Jugendliche eher vermieden und Familien stärker gefördert. Erst mit der Pisa-Studie, also Jahrzehnte später, wurde deutlich, wie wichtig familienergänzende Institutionen sind. Wir mussten so auf schmerzhafte Art und Weise lernen, dass Bildungschancen nicht ausgeglichen werden, indem wir die Familien stärken.

Kitas oder Ganztagsschulen sollten dann ausgleichen, was die Familien zu Hause nicht schafften. Die Corona-Krise aber hat uns durch das Homeschooling in die Vergangenheit zurückgeworfen, weil nun sämtliche Ungleichheiten verstärkt werden. Um die 20, 25 oder 30 Prozent der Schüler, die eher schwach sind, müssen wir uns nun besondere Sorgen machen.

"Durch die mangelnde Vorbereitung auf digitale Lehrmöglichkeiten fällt der Unterschied beim Homeschooling zwischen guten und schlechten Schülern nun besonders deutlich aus."

Können Eltern einen Leistungsabfall der schlechteren Schüler zu Hause nicht auffangen?

Bedingt. Da die Schulen aktuell auf einen Modus zurückschalten, wie er vor 20 oder 30 Jahren üblich war – also ein paar Anregungen geben, Rest wird zu Hause gemacht – hängt eben viel vom Bildungsstand der Eltern ab. Wenn die Eltern das zu Hause unterrichten jetzt gut machen, werden die Kinder gut. Wenn nicht, dann allerdings nicht. Durch die mangelnde Vorbereitung auf digitale Lehrmöglichkeiten, was übrigens auch typisch deutsch ist, fällt der Unterschied beim Homeschooling zwischen guten und schlechten Schülern nun besonders deutlich aus.

Was können die Schulen nun tun, um gezielt Kinder zu fördern, die zu Hause von ihren Eltern eigentlich nicht gefördert werden können?

Einige Schulen haben sich bereits gezielt Mühe gegeben, diese Kinder zu erreichen. Den Gymnasien gelingt das in der Regel besser als anderen Schultypen – dadurch haben wir allerdings gleich eine soziale Schlagseite in der aktuellen Bildungslage. Einige Kommunen unterstützen ihre Schulen bereits finanziell oder mit der notwendigen Technik, damit alle Kinder von zu Hause aus lernen können. Sie können sich dann zum Beispiel Notebooks oder Tablets ausleihen. Der Teufel liegt dann im Detail – und zwar meist in der Software, die nicht immer reibungslos funktioniert. Bis das klappt und bis auch wirklich alle Schüler gut ausgestattet werden können, wird das noch dauern.

"Es ist beängstigend, zu sehen, dass es in der freien Wirtschaft oder auch im Fußball so einfach scheint, clevere Lösungen zu finden."

Warum eigentlich? Maßnahmen wie das Kurzarbeitergeld oder Rettungsgelder für Solo-Selbstständige und Unternehmen haben gezeigt, wie schnell und scheinbar einfach manche Lösungen umgesetzt werden können.

Es ist beängstigend, zu sehen, dass es in der freien Wirtschaft oder auch im Fußball so einfach scheint, clevere Lösungen zu finden. Da wird mit so viel Aufwand, Kreativität und natürlich auch finanziellen Mitteln alles getan, um die schlimmsten Folgen der Pandemie abzuwenden. Allein das Beispiel Lufthansa zeigt, wie viel möglich ist – und wie schnell auch. Das Geld zumindest ist da. Wo bleibt dasselbe Engagement für die Bildung, die doch langfristig von so einer ungeheuren Bedeutung ist? Wenn man nun sieht, wie langsam die Hilfe bei den Schulen ankommt und wie wenig getan wird, kann einem nur schwindlig werden.

Wie könnte denn eine bildungsgerechte Wiedereröffnung der Schulen aussehen?

Es kehren ja bereits die ersten Schüler in den Unterricht zurück – und schon jetzt können wir beobachten, dass es ungerecht zugeht: Wessen Eltern sich während der Heimisolation eine Privatschule oder einen Nachhilfelehrer leisten konnte, erlebt nun einen besseren Neustart. Wichtig wird nun sein, dass Lehrkräfte nach der langen Pause den Leistungsstand aller Schüler berücksichtigen, anstatt einfach weiterzumachen im Lehrplan. Da nicht alle Schüler gleichzeitig zurückkehren können, wird der Ausbau digitaler Mittel für das Blended Learning weiterhin im Vordergrund stehen, damit die Kinder und Jugendlichen teils vor Ort, teils zu Hause unterrichtet werden können. Und man könnte überlegen, ob man priorisiert die Schüler in der Schule zulässt, die während der Corona-Krise zu Hause ein besonderes Leistungsdefizit erfahren haben.

"Die Schwachen fühlen sich noch schwächer, wenn wir sie so betiteln. Das wird schnell diskriminierend.

Besteht dann nicht die Gefahr, dass die Klassen sozial zu homogen werden? Studien zeigen, dass durchmischte Klassen mit leistungsstarken sowie -schwachen Schülern förderlicher sind, vor allem für letztere.

Das stimmt. Es ist eine vertrackte Situation. In der modernen Pädagogik heißt es, dass heterogene Lerngruppen sich gegenseitig am besten anspornen. Rein schwache Gruppen ziehen sich eher gegenseitig runter. Das ist hierzulande wegen unseres geteilten Schulsystems schon grundsätzlich ein Problem.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Schwachen sich noch schwächer fühlen, wenn wir sie so betiteln. Das wird schnell diskriminierend. Um gegenzusteuern, sollten wir dafür sorgen, vor allem in sogenannte Brennpunktschulen zu investieren: Also Schulen, die von Kindern und Jugendlichen aus schlechter situierten Familien besucht werden. Diese müssen modernisiert und mit technisch hervorragend Mitteln sowie Lehrkräften ausgestattet werden. Solche Leuchtturmschulen gibt es bereits in einigen Großstädten.

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