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Ein Mann in einem Altenheim (Symbolbild) Bild: imago/imagebroker

Interview

Zu laxe Kontrollen in der Altenpflege: "Wie schwer der Fehler ausfiel, war egal"

Wer einen Angehörigen ins Pflegeheim bringen will, steht vor einer schwierigen Entscheidung. So war bislang unklar, wie es um die Qualität in den rund 14.500 Pflegeeinrichtungen (Stand 2017) in Deutschland bestellt ist.

Zwar gab es bisher Noten für die Einrichtungen, doch diese galten als zu unzuverlässig. Wichtige Faktoren wie die Pflege konnten bei der Gesamtbewertung durch "Ernährung" oder "Unterbringung" ausgeglichen werden, was den meisten Pflegeheimen die Note "Sehr gut" bescherte.

Keine Bestnoten mehr für jedes Pflegeheim

Entsprechend erklärt die Altenpflegerin Petra Wiskandt im Gespräch mit watson, dass die Noten nicht die Qualität einer Pflegeeinrichtung widergespiegelt hätten. Es seien unter anderem nur wenige Bewohner eines Heims berücksichtigt und die Fehler nicht nach Schwere beurteilt worden.

"Wie schwer der Fehler ausfiel, war dabei egal", erklärt Wiskandt. "Für die Prüfenden gab es nur zwei Optionen: Erfüllt oder nicht erfüllt."

Als Beispiel für die bisherigen Kontroll-Methoden berichtet sie:

„Vergaß ein Mitarbeiter ein Medikament in sein Protokoll einzutragen, fiel er in diesem Punkt durch. Ob er das Medikament verabreichte oder nicht, war egal.“

Petra Wiskandt

Das Prüfverfahren wurde entsprechend überarbeitet und in diesem Jahr als neuer Pflege-TÜV eingeführt. Personal, Anwohner und Unterkunft sollen dabei grundlegend geprüft und die Ergebnisse anschließend in einem ausführlichen Bericht veröffentlicht werden. Wiskandt verspricht sich davon, eine bessere Prüfung, die auch die Arbeit in Pflegeheimen verbessern könne. Auch wenn sie bezweifelt, dass sich Angehörige damit beschäftigten.

Petra Wiskandt arbeitet seit sieben Jahren als Pflegedienstleiterin im St. Johannes-Stift Bochum. Im Interview erklärt sie, wie das neue Verfahren abläuft und was es für das Fachpersonal bedeutet.

Hier lest ihr das ganze Interview über den neuen Pflege-TÜV:

Watson: Was bedeutet der neue Pflege-TÜV für Sie?
Petra: Dass eine strengere Kontrolle auf uns zukommt...

Und wie genau sieht die aus?
Wir müssen zweimal jährlich die Pflegedaten aller Bewohner an eine Sammelstelle schicken. Diese werden zunächst ausgewertet. Daraufhin kommt ein Prüfer und befragt unsere Fachkräfte sowie Anwohner noch einmal persönlich unter anderem zur medizinischen Versorgung, der Behandlung von Demenzpatienten oder den Sicherheitsvorkehrungen. Am Ende veröffentlicht der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) anhand dieser Untersuchung einen Bericht, in dem unsere Stärken und Schwächen aufgelistet sind.

Sehen Sie darin Vorteile?
Ja, anders als bei der Notenvergabe habe ich das Gefühl, dass es diesmal stärker um die Anwohner und ihr Wohlbefinden sowie die Arbeit in den jeweiligen Heimen geht. Das Notensystem wirkte dagegen etwas abgehakt.

"Das alte Verfahren spiegelt die Qualität einer Pflegeeinrichtung überhaupt nicht wider."

Petra Wiskandt

Was unterscheidet das alte System vom neuen?
Für die Notenvergabe kam jährlich ein Prüfergremium vom MDK vorbei und ging einen Fragenkatalog anhand unserer Pflegeprotokolle durch. Thematisch ging es etwa um die medizinische Versorgung oder die soziale Betreuung – quasi wie beim neuen Verfahren nur weniger ausführlich.

Wie genau sah das aus?
Bei uns wurden bei jeder Untersuchung neun Protokolle überprüft. Nun sind wir allerdings ein vergleichsweise großes Haus mit etwa 200 Anwohnern, was nicht gerade in Relation zur Stichprobe steht. Wählte der Prüfer zufällig eine Anwohnerin aus, deren Protokoll fehlerhaft war, bekamen wir einen Punktabzug.

Wie schwer der Fehler ausfiel, war dabei egal. Für die Prüfenden gab es nur zwei Optionen: Erfüllt oder nicht erfüllt. Ein Beispiel wäre da die medizinische Versorgung: Vergaß jemand ein Medikament einzutragen, war der Punkt nicht erfüllt – unabhängig davon, ob er das Medikament verabreicht hat oder nicht. Das spiegelt für mich die Qualität einer Pflegeeinrichtung überhaupt nicht wider.

Jetzt heißt es auch, dass die Noten vorschnell vergeben wurden und oftmals zu positiv ausfielen. Der Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bezeichnete das System sogar als "Farce", da den Noten jedwede Aussagekraft fehlt.
So kann man das nicht sagen. Auch wenn die Noten kein Spiegel für die Gesamtqualität einer Einrichtung waren, gaben sie doch einen Überblick darüber, wie die Heime aufgestellt sind und wie gut Bewohner versorgt werden. Fachkräfte konnten daran erkennen, was sie verbessern können. Aber ich kann auch verstehen, dass die Noten gerade für Angehörige undurchsichtig waren.

Würden Sie den neuen Pflege-TÜV als transparenter bezeichnen?
Ja, der Bericht fällt wesentlich ausführlicher aus und die Prüfung wird zudem halbjährlich durchgeführt. Ergebnisse und Realität überschneiden sich da ein gutes Stück mehr. Ich weiß allerdings nicht, ob sich viele Angehörige mit den Berichten auseinandersetzen werden.

Wieso das?
Bisher waren den Angehörigen und Anwohnern die Entfernung zwischen Heimatort und Pflegeeinrichtung sowie unsere Angebote wichtig. Auf unsere Note wurden wir nie angesprochen. Dass Interessenten plötzlich die Muße haben, sich mit langen Berichten zu beschäftigen, kann ich mir deshalb nur schwer vorstellen.

"Auf die Note wurde ich bisher noch nicht angesprochen."

Petra Wiskandt

Jedoch halte ich es für möglich, dass so ein Bericht die Arbeit in einer Pflegeeinrichtung positiv beeinflusst. Immerhin lässt sich mit deren Hilfe nachvollziehen, wo noch Nachholbedarf besteht. Stürzen etwa in einem Heim auffallend viele Anwohnerinnen, könnte das Fachpersonal in die Berichte anderer Heime schauen und die Sicherheitsvorkehrungen entsprechend anpassen.

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Bild: bild: getty images/ privat/ watson montage

Aber wenn die Untersuchung jetzt umfangreicher ausfällt, bedeutet das nicht auch einen höheren Aufwand für Sie?
Wir haben das Glück, eine EDV-Abteilung zu haben. Die übernimmt die Datenerfassung für uns. Doch das hat nicht jeder. In manchen Häusern müssen die Fachkräfte die Daten noch per Hand eingeben.

Nichtsdestotrotz wird das neue Verfahren auch bei uns für alle Beteiligten erstmal anstrengend werden. Denn es ist noch unklar, was genau die Prüfer von uns erwarten und wie wir damit umgehen. Das pendelt sich aber nach zwei, drei Jahren schon ein.

Schlimm ist jedoch, dass der Gesetzgeber jetzt alles auf einen Schlag durchziehen will. In diesem Jahr kommt der Pflege-TÜV und im nächsten wird das Ausbildungsverfahren für Pflegerinnen und Pfleger grunderneuert.

Wie sieht die neue Ausbildung aus?
Es gibt keine klassische Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege mehr, sondern nur noch den Pflegefachmann- oder die Pflegefachfrau. Diese konzentrieren sich entweder auf Akut- oder auf Langzeitpflege. Akut wäre dann etwa im Krankenhaus und Langzeit in einem Altenpflegeheim. Wofür sich die Auszubildenden entscheiden, machen sie anhand von Praktika fest.

Besteht dann nicht das Risiko, dass sich weniger Menschen für die Altenpflege entscheiden?
Sofern die Langzeitpflege vernünftig an den Azubi gebracht wird und ihn diese begeistert, würde ich "Nein" sagen. Interessant ist doch, dass man sich bei der Altenpflege lange Zeit mit den gleichen Menschen beschäftigen muss. Das ist im Krankenhaus nicht die Regel.

Klar, wenn man in der Ambulanz Probleme mit einem Patienten hat, etwa weil dieser unfreundlich ist, kann man sich da schnell durchquälen – das ginge bei der Altenpflege nicht. Doch genau das sorgt schließlich für besondere Herausforderungen.

Chantal hat ein Spenderherz - und unterstützt Jens Spahn

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