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In vielen Pflegeeinrichtungen fühlen sich die Bewohner wegen der Pandemie isoliert. Nicht jedem von ihnen kann man Corona verständlich erklären. (Symbolbild) Bild: www.imago-images.de / Marcos Osorio

Interview

"Bewohnern mit Demenz können wir die Pandemie nicht einfach so erklären": Wie diese Pflegeeinrichtung sich dennoch vor Corona schützt

Pflegeeinrichtungen gelten nach wie vor als Corona-Hotspots: Trotz fortschreitendem Impf-Erfolg – bisher wurden über 460.000 Bewohner und Bewohnerinnen geimpft – kommt es immer wieder zu Ausbrüchen in den Heimen.

Ein Grund dafür: Wenn es um die Umsetzung der strengen Hygienemaßnahmen geht, stehen Pflegeheime vor besonderen Herausforderungen. Nicht immer ist es möglich, allen Bewohnern überhaupt den Ernst der Lage zu vermitteln. Beispielsweise dementen Menschen Corona zu erklären – das geht nicht, sagt Lara (Name von der Redaktion geändert) zu watson. Die 23-Jährige macht mitten in der Pandemie eine Ausbildung zur Pflegefachkraft.

Von Oktober bis Ende Januar war ihre erste Praxisstation ein Pflegeheim in Norddeutschland. Manchen Demenzkranken musste sie immer wieder erklären, warum sie im Schutzkittel, mit Handschuhen und Masken herumläuft. "Was ist Corona?", das sei dann als Antwort normal.

Bewohner von Pflegeeinrichtungen müssen schnell geimpft werden

"Es ist sehr schwierig, Schlupflöcher für Übertragungswege des Virus zu schließen, gerade auch im Umgang mit dementen Patientinnen und Patienten", sagt auch der Epidemiologe Timo Ulrichs gegenüber watson. "Umso wichtiger ist eine stringente Durchimpfung."

Bis das allerdings geschehen ist, wird es noch eine Zeitlang dauern – und andere Lösungen müssen gefunden werden. Wie das gehen kann, zeigt Marc Sauter: Er leitet die Pflegeeinrichtung Malteserstift St. Johannes in Duisburg. Dort gab es bisher noch keinen einzigen Corona-Fall. Wie es ihm und seinen Mitarbeitern gelungen ist, die Bewohner vor dem Virus zu schützen, wie sie die Lage älteren Menschen erläutern, die an Demenz leiden, und wann auch in seiner Einrichtung wieder Normalität einkehren könnte – darüber hat watson mit Sauter gesprochen.

"Manche Familienmitglieder machen jeden Tag einen Schnelltest, bevor sie unsere Bewohner besuchen."

watson: In Ihrer Pflegeeinrichtung gab es bisher noch keine Corona-Fälle. Wie genau konnten Sie das verhindern?

Marc Sauter: Zum einen war da natürlich sehr viel Glück dabei. Zum anderen haben die Angehörigen unserer Bewohner sehr viel Verständnis für die Regelungen gezeigt und sich strikt an die Maßnahmen gegen das Coronavirus gehalten. Ich vermute zudem, dass wir noch einen weiteren, großen Vorteil haben.

Und der wäre?

Im Gegensatz zu vielen anderen Einrichtungen haben wir glücklicherweise direkt vor der Tür ein Schnelltestzentrum, wo sich Besucher unserer Einrichtung kostenlos testen lassen können. Wir haben die Angehörigen gebeten, vor jedem Besuch so einen Test machen zu lassen – sie können sich telefonisch bei der Station melden, um einen Termin auszumachen, und bekommen dann innerhalb von 15 Minuten das Ergebnis. Manche Familienmitglieder machen jeden Tag einen Schnelltest, bevor sie unsere Bewohner besuchen.

Gibt es noch weitere Maßnahmen gegen Corona in Ihrem Haus, wie beispielsweise eine Maskenpflicht?

Besucher dürfen unsere Einrichtung nur mit einer FFP2-Maske betreten. Auch unsere Mitarbeiter tragen Masken und achten verstärkt auf Hygienemaßnahmen, wie zum Beispiel das Desinfizieren von Flächen. Gleichzeitig achten unsere Mitarbeiter auch privat darauf, die Corona-Regeln einzuhalten und Kontakte aufs Nötigste zu reduzieren.

Was ist mit den Bewohnern selbst? Welche Maßnahmen befolgen sie?

Wir haben beschlossen, dass die Bewohner unserer vier Etagen jeweils auf ihrem eigenen Stockwerk bleiben müssen, um so das Infektionsrisiko zu minimieren. Zudem achten wir darauf, dass im Speiseraum viel Abstand gehalten werden kann. Bewohner, denen wir die aktuelle Lage gut erklären können, nehmen ihre Mahlzeiten teilweise auch allein in ihrem Zimmer ein, um sich und andere zu schützen.

"Bewohnern mit Demenz können wir die Pandemie nicht einfach so erklären."

Und wie ist das mit Bewohnern, denen man aufgrund ihres gesundheitlichen Zustands die Pandemie vielleicht nicht mehr so gut vermitteln kann? Beispielsweise älteren Menschen, die an Demenz leiden?

Bewohnern mit Demenz können wir die Pandemie nicht einfach so erklären. Für sie haben wir eine eigene Etage, die speziell für ihre Bedürfnisse ausgestattet ist. Da demenziell veränderte Bewohner ihren Blick eher in die Vergangenheit richten, versuchen wir, Neumodisches auf diesem Wohnbereich zu vermeiden, beispielsweise älteres Mobiliar aufzustellen. Und die Mitarbeiter stellen sich auf die vergangenen Lebensphasen ein, die die Bewohner wiedererleben, ohne sie infrage zu stellen. Dass jetzt Corona ist, verstehen sie nicht.

Aber es lässt sich doch mit den Hygienevorschriften kaum vermeiden, dass die Bewohner mit der Pandemie konfrontiert werden.

Natürlich mussten unsere Mitarbeiter irgendwann Masken tragen. Wenn sich jemand, der Demenz hat, deswegen wundert, antworten wir: Die Maske trage ich, weil ich mich erkältet habe und niemanden anstecken will. Ansonsten achten wir darauf, wie bei den anderen Bewohnern auch, dass sie Abstand halten, vor allem im Speisebereich. Daran haben sich nach einem Jahr Pandemie selbst die demenziell veränderten Bewohner gewöhnt.

Wie hat sich der Alltag der Bewohner denn generell seit Beginn der Pandemie verändert?

Mittlerweile haben sich die Bewohner sehr gut an die Situation gewöhnt. Dadurch, dass sie sich nicht mehr Etagen-übergreifend besuchen können, haben sie verstärkt Freundschaften auf den eigenen Stockwerken geschlossen. Weil viele Aktivitäten in größeren Gruppen und Feiern ausgefallen sind, haben wir immer wieder Musiker eingeladen, die im Hof kleine Konzerte gegeben haben, denen unsere Bewohner von ihren Zimmern aus lauschen konnten. Und wir bieten auch viele Aktivitäten in kleinen Gruppen bis zu fünf Personen an. Das ist natürlich nicht ganz dasselbe wie sonst, viele Bewohner vermissen tatsächlich die großen Feiern, zum Beispiel zu Weihnachten oder Karneval.

Aber ich glaube, im Rahmen der Möglichkeiten tun wir wirklich alles, was möglich ist, um unseren Bewohnern einen möglichst normalen Alltag zu bieten. Und das klappt mittlerweile sehr gut.

"Ich finde, es ist noch zu früh für Lockerungen, wir sollten deswegen noch ein wenig abwarten und schauen, ob mit der Impfung alles so funktioniert, wie wir uns das vorstellen."

Mit der Corona-Impfung sollte noch mehr Normalität wieder einkehren. Ihre Bewohner und Mitarbeiter sind mittlerweile alle geimpft. Gab es auch Menschen, die der Impfung skeptisch gegenüberstanden?

Wir haben unsere Bewohner und Mitarbeiter von Anfang an gut über die Impfung aufgeklärt, die Resonanz war sehr positiv. Dafür ist auch extra das Impf-Team vorher vorbeigekommen, um alle Fragen zum Vakzin zu beantworten und mögliche Zweifel zu nehmen. Wir hatten wirklich viel Glück, dass sich das Team auch so viel Zeit genommen hat für die Aufklärung.

Werden Sie die Maßnahmen in Ihrer Einrichtung lockern, nun, wo alle geimpft sind?

Nein, es bleibt zunächst alles so, wie es ist. Ich finde, es ist noch zu früh für Lockerungen, wir sollten deswegen noch ein wenig abwarten und schauen, ob mit der Impfung alles so funktioniert, wie wir uns das vorstellen. Wir wollen schließlich, dass unser Haus auch weiterhin Corona-frei bleibt.

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