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Bild: Getty / watson Montage

AKK diskutiert Kopftuchverbot in Kitas – das sagt eine Erzieherin dazu

Erst am Wochenende hat sich die CDU-Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer zum viel diskutierten Kopftuchverbot an Kitas und Grundschulen geäußert – die Debatte an sich halte sie für berechtigt.

ilona böhnke

Kopftuchverbot auch an Kitas, ist diese Diskussion, die so junge Mädchen betrifft, tatsächlich notwendig? Erzieherin Ilona Böhnke, die über 40 Jahre lang in Brennpunkt-Kitas gearbeitet hat, versucht, diese Frage zu beantworten.

Religion spielt definitiv eine Rolle in meinem Leben: Ich bin selbst gläubige Christin und habe jahrelang als Erzieherin in christlichen Kindergärten gearbeitet.

Auch wenn ich selbst evangelisch bin: Ich halte es für falsch, Kindern (oder generell irgendjemandem) seine Religion aufzudrängen. Den persönlichen Glauben sollte man frei wählen dürfen und er sollte nicht erzwungen werden.

Deswegen finde ich prinzipiell auch, dass man Kindern keine Kopftücher als religiöse Symbole aufzwingen sollte. Und aus meiner Erfahrung als Erzieherin in Brennpunktvierteln kann ich sagen:

Es passiert nicht.

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Mädchen tragen keine Kopftücher in der Kita

Mädchen im Kindergartenalter tragen in der Regel einfach keine Kopftücher. Ausnahmen bestätigen auch hier, wie so oft, wahrscheinlich wieder die Regel. Allerdings habe ich in meiner gesamten Berufslaufbahn von über 40 Jahren niemals gesehen, dass ein so junges Mädchen sich verschleiert hätte.

In der Sure 24 Vers 31 im Koran heißt es, dass die gläubige Frau die Tücher über ihren Busen ziehen und ihre Keuschheit bewahren sollte. In der Regel gilt das erst für Mädchen, die ihre erste Menstruation bekommen haben. Und da Mädchen im Kindergarten eben noch weit von ihrer ersten Periode entfernt sind, sieht man kaum Muslima im Kindesalter mit Kopftuch.

Ähnlich war es auch damals bei der Debatte um das Burka-Verbot: Zahlenmäßig lässt sie sich eigentlich kaum begründen, da einfach kaum Frauen in Deutschland vollverschleiern.

Warum dann also überhaupt diese Debatte entfachen?

Die Debatte zum Kopftuchverbot ist Stimmungsmache

Meiner Meinung nach dienen die Diskussionen um Kopftuchverbot in Kita und Grundschule lediglich zur Stimmungsmache. Die Debatte in Deutschland ist deutlich inspiriert von der in Österreich – und dort wird sie vom eindeutig rechten Lager vorangetrieben.

Nun hat Annegret Kramp-Karrenbauer den Zeitungen der Funke-Mediengruppe am Samstag gesagt:

"Kopftücher im Kindergarten oder in der Grundschule haben mit Religion oder Religionsfreiheit nichts zu tun, das sehen auch viele Muslime so."

Das sehe ich im Prinzip genauso: Auch ich finde es nicht richtig, Kindern den eigenen Glauben aufzudrängen und sie mit religiösen Symbolen auszustatten. Meine eigenen Kinder habe ich zum Beispiel auch nicht taufen lassen – meine Tochter hat sich später selbst dazu entschlossen, der Kirche beizutreten. Mein Sohn gehört keinem Glauben an.

Allerdings habe ich den Eindruck, dass die Diskussion in einem falschen Kontext geführt wird. Wenn ein Problem diskutiert wird, das eigentlich keines ist, bekommt es nur unnötig viel negative Aufmerksamkeit und wächst dadurch.

Wer nicht alltäglich mit Kindern zu tun hat und keinen Einblick in Kindertagesstätten, kann durch solche aufgeblasenen Diskussionen schnell glauben, die Lage wäre verheerend. Es würden massenhaft verschleierte Mädchen in unseren Kindergärten herumlaufen. Dem ist aber nicht so.

Die Diskussion schürt unnötig Hass

So wird nur unnötig Hass geschürt – in beiden Lagern. Auf der einen Seite wird über ein Verbot gesprochen, das nicht notwendig ist. Es wird unnötig viel Aufmerksamkeit auf ein viel zu nichtiges Problem gelenkt, dass dadurch unkontrolliert wächst.

Und auf der anderen Seite kann sich die Meinung derjenigen, die dem islamischen Glauben angehören, unnötig verhärten. Durch ein Verbot wird Druck auf sie ausgeübt, durch den sie sich stärker ausgeschlossen fühlen. Sie suchen dann mehr Bestätigung innerhalb ihrer eigenen Gemeinden. Ein Austausch der Kulturen wird damit erschwert, weil sie die sozialen und kulturellen Gruppen voneinander isolieren.

Ich finde grundsätzlich, wenn du dich selbst dazu entscheidest, deinen Glauben zu zeigen, ist das in Ordnung. Wenn du ein religiöses Symbol als Zeichen deines Glaubens trägst und nicht, weil es dir aufgezwungen wurde, finde ich nicht, dass es verboten werden sollte. Das gilt sowohl für Kopftücher als auch christliche Kreuze zum Beispiel.

Alles, was mit Druck zu tun hat, ist grundsätzlich falsch. Jeder Zwang, aber auch jedes Verbot. Und gerade wenn ein Verbot aufgestellt werden soll, für das die Notwendigkeit fehlt, halte ich das für einen Schritt in die falsche Richtung.

Protokoll: Agatha Kremplewski

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