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Bild: Getty / watson Montage

Paartherapeutin klärt auf: Darum kriselt es mit am häufigsten in Beziehungen

Vergucken, verlieben, vielleicht verheiraten – und dann? Für viele Paare gehört es dazu, sich früher oder später Gedanken über die Familienplanung zu machen.

Durchschnittlich 1,57 Kinder werden pro Frau hierzulande gezeugt. Damit liegt Deutschland im Europäischen Vergleich ungefähr in der Mitte.

Obwohl der Nachwuchs für viele Paare die Krönung ihres privaten Glücks bedeutet, können die Planung der Familienerweiterung sowie die Zeit nach der Geburt des ersten Kindes für viele Menschen erheblichen Stress bedeuten: Nicht nur bei der Frage nach einem Kinderwunsch, sondern auch, sobald der Sprössling das Licht der Welt erblickt und in den Jahren danach kann eine Beziehung auf eine erhebliche Probe gestellt werden.

Viele Paare trennen sich nach dem ersten Kind

So sagt auch Paartherapeutin Birgit Neumann-Bieneck im Gespräch mit watson:

"Viele junge Paare erleben einen Krisenmoment, wenn das erste Kind kommt – im schlimmsten Fall werden zirka ein Drittel der Beziehungen in dieser Phase beendet."

Der Moment, in dem aus Paaren Eltern werden, könne für einige von ihnen mit einer starken Krise einhergehen – das stellt die Expertin in ihrer Praxis immer wieder fest. Leider kommen viele Paare erst zu ihr in die Paarberatung, wenn der Leidensdruck schon besonders groß ist.

Das sind die Konflikte, bei denen sie vor allem junge Paare mit am häufigsten berät.

Uneinigkeit bei der Familienplanung

"Häufig suchen mich zum Beispiel Paare auf, die Fragen zur Familienplanung nicht frühzeitig geklärt haben – beispielsweise möchte ein Partner Kinder und der andere nicht", berichtet Neumann-Bieneck. Es komme allerdings auch vor, dass einer der Partner schon ein Kind aus einer anderen Beziehung habe und das Paar sich nun frage, wie es weiteren Nachwuchs in die neue Familienstruktur integrieren könnte.

Viele Paare sprechen nicht konkret über ihren Kinderwunsch

Eine große Problematik, der Neumann-Bieneck regelmäßig begegne, sei, dass Beziehungspartner nicht immer offen miteinander kommunizieren und essentielle Fragen nicht oder erst sehr spät klären. Dazu gehöre auch das Thema Kinderwunsch:

"Ich hatte zum Beispiel einmal ein Gespräch mit einem Paar: Dabei sagte der Mann, er wolle keine Kinder, weil er seine eigene Kindheit so schlimm fand. Die Frau hingegen wollte mindestens drei. Darüber hatten die beiden bisher nicht gesprochen, das ist dann natürlich ein Problem."

Die Lösung liegt eigentlich auf der Hand: Um tragische und recht kurzfristige Trennungsszenen zu vermeiden, klärt man idealerweise möglichst früh ab, welche Lebensziele man verfolgt und ob Kinder eins davon sind. Solche Fragen müssen natürlich nicht gleich beim ersten Date geklärt werden, sagt Neumann-Bieneck:

Wenn man allerdings merkt, dass die Beziehung ernstere Züge annimmt, sollte man schon einmal darüber gesprochen haben, wie man sich sein gemeinsames Leben vorstellt, ob mit oder ohne Kinder.

Wann der richtige Zeitpunkt eintrifft, um die Familienplanung anzusprechen, hängt natürlich von individuellen Bedürfnissen ab. Je älter man wird, umso früher führt man dieserart Gespräche möglicherweise:

"Mit Mitte 30 und Kinderwunsch hat man vielleicht auch keine Lust mehr auf Geplänkel."

Das erste Kind ist da – und stellt alles auf den Kopf

Nicht nur die Frage an sich, ob Kinder gewünscht sind, kann für eine schwerwiegende Beziehungskrise sorgen. Selbst wenn sich beide Partner einig sind, ein Kind haben zu wollen und der erste Sprössling das Licht der Welt erblickt, steht die Beziehung vor einer großen Herausforderung.

Wenn aus Beziehungspartnern Eltern werden, geht diese Wandlung einher mit vielen Fragen, die rechtzeitig – also vor dem Kind – geklärt werden sollten. Dazu zählt laut Neumann-Bieneck zum Beispiel die zeitliche Aufteilung des Alltags oder die generelle Aufgabenteilung, wenn der Nachwuchs erst einmal da ist. Schließlich ändern sich mit der Familienerweiterung die Rollen, die beide Partner normalerweise einnehmen.

"Wenn sie ihr erstes Kind bekommen, haben einige Frauen zunächst das Gefühl, ein Stück ihrer Identität zu verlieren: Viele geben ihren Job auf, kümmern sich um ihr Kind, sind nun stärker von ihrem Partner abhängig, auch finanziell natürlich. Das hat selbstverständlich eine Auswirkung auf die Beziehung."

Auch bei den Partnern ändert sich natürlich einiges bei der Geburt des ersten Babys. So berichten laut Neumann-Bieneck viele, dass sie das Gefühl hätten, die Aufmerksamkeit richtet sich nun vorrangig auf das gemeinsame Kind.

Hinzu kommt bei manchen das Gefühl, dass mehr Verantwortung bei ihnen liege: Oft erleben die Partner es als Druck, wenn sie plötzlich zum Alleinverdiener werden. All diese Veränderungen können dem Partner schon einmal zur Last fallen, berichtet die Therapeutin aus ihrer Erfahrung. Dieser könne den Eindruck bekommen, als Partner nicht mehr so viel wert zu sein.

Nach der Geburt müssen sich viele Frauen in ihrem Körper neu erfinden

Erschwerend kommt hinzu, dass viele Frauen sich nach der Geburt erst einmal an ihren neuen Körper mit all den Veränderungen, die er in jüngster Zeit erlebt hat, gewöhnen müssen. In ihrer neue Rolle als Mutter müssen sie sich erst einmal einleben. Darunter kann auch das Sexleben zunächst leiden – wofür einigen Männern laut der Expertin das Verständnis fehle:

"Wenn Männer das Gefühl haben, sich von ihrer Partnerin nach der Geburt des ersten Kindes zu entfremden, versuchen sie oftmals, das auf sexueller Basis zu lösen – was für ihre Partnerinnen dann häufig nicht funktioniert."

Aus diesem Grund erlebt Neumann-Bieneck es häufig, dass Männer ihren Partnerinnen fremdgehen, solange die Kinder noch klein sind und die Frauen sich in ihrer Rolle als Mutter stark eingebunden fühlen.

Fremdgehen und Trennung vermeiden:

Auch hier helfen vor allem vorbereitende Gespräch. Oft möchte die Frau mit Kinderwunsch gleichzeitig ihren Job nicht zurückstellen. Dann muss der Partner sich stärker um Haushalt und Kinder kümmern, was trotz wachsender Gleichberechtigung immer noch keine Selbstverständlichkeit ist.

Oder die Wünsche bezüglich Sexualität müssten offen kommuniziert werden, um Frustration und verletzende Grenzüberschreitungen, wie Fremdgehen, zu vermeiden.

Wie man es auch anstellt: Das erste Kind ist und bleibt ein einschneidendes Erlebnis in einer Partnerschaft. Dass das Zusammenleben und der Alltag sich verändern, ist nicht von der Hand zu weisen. Wer sich über seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse im Klaren ist und sie seinem Partner kommuniziert, kann auch diese aufregende Zeit meistern. Vielleicht nicht ohne Krise, aber zumindest ohne Trennung.

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