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Back view of group of students in the classroom raising hands to answer teacher's question.

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Meinung

Hartz-IV-Sanktionen in der Schulzeit: "Ich lebte von 30 Euro im Monat"

Es ist etwa 7 Uhr morgens und bitterkalt. Ich stehe inmitten einer kleinen Menschentraube vor einem Düsseldorfer Jobcenter und warte darauf, die Vorhalle betreten zu können. Punkt 7.30 Uhr öffnet sich die Glastür mit einem leisen elektronischen Summen – für uns der Startschuss: Schon rennen wir um die Wette zum Wartemarken-Automaten. Schließlich will niemand mehr Zeit im Jobcenter verbringen als notwendig.

Kurze Zeit später mein Gespräch mit einem Mitarbeiter:

"Also, es ist leider immer noch kein Geld auf meinem Konto. Langsam wird es finanziell wirklich knapp, ich muss doch Lebensmittel kaufen können!", sage ich.

"Ja, das dauert noch ein wenig, bis ihr Hartz-IV-Antrag bearbeitet wird – ein paar Wochen müssen sie noch Geduld haben, das tut uns leid", sagt der Jobcenter-Mitarbeiter zu mir.

Mitten im Jobcenter musste ich losheulen

In dem Moment kann ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich bin müde. Ich hab keine Lust mehr, mir über Hartz IV Gedanken zu machen. Ich muss außerdem zur Schule.

Immerhin darf ich nun zu einer Sachbearbeiterin gehen und ihr in ihrem Einzelbüro in aller Ausführlichkeit meinen Fall erklären. Dass ich doch erst 18 bin, mich gerade auf mein Abitur vorbereite und doch eigentlich im Mathe-Unterricht sitzen müsste. Dass ich die Frist, zu der ich meinen Folgeantrag hätte einreichen müssen, nicht kannte. Dass doch generell grad alles so chaotisch ist, weil uns gerade unsere Wohnung gekündigt worden, meine Mutter weggezogen ist, mein Vater gestorben – und Himmelherrgott, ich will doch nur Geld für Essen.

Das versteht die Sachbearbeiterin dann. Oder vielleicht will sie auch die hysterisch weinende Teenagerin loswerden, die ich in diesem Moment wohl bin. Wie dem auch sei – ich bekomme eine Karte, mit der ich mir am Kassenautomaten einen Vorschuss meines Hartz-IV-Satzes abheben darf.

Infos zu Hartz IV

Aktuell beziehen in Deutschland knapp über vier Millionen Erwerbsfähige Arbeitslosengeld II, umgangssprachlich auch Hartz IV genannt. Dabei übernimmt das Jobcenter Miete (bis zu einem regional abhängigen Quadratmeter-Preis) sowie Heizkosten und zahlt einen monatlichen Leistungssatz. Dieser Satz beträgt zum Beispiel für Alleinstehende und Alleinerziehende 424 Euro.

Mit 18 Jahren war ich Schülerin – und bezog Hartz IV

Diese Szene ereignete sich ziemlich genau so vor etwa 13 Jahren. Damals war ich nicht nur Schülerin an einem Düsseldorfer Gymnasium, sondern auch Hartz-IV-Empfängerin. Und ich wurde sanktioniert. Anscheinend, weil ich nicht zu einem (oder mehreren) Jobcenter-Terminen erschienen war und weil ich keinen Folgeantrag gestellt hatte.

Ich hatte im Monat 30 Euro für Lebensmittel übrig.

Ich schätze, dass ich damals aufgrund unseres etwas überstürzten Umzugs einfach den Brief des Jobcenters, der mich hätte informieren sollen, nicht erhalten habe. Oder ich habe ihn übersehen. So genau kann ich das nicht sagen, und ich will hier auch niemanden anschwärzen. Aber als ich dann eines Monats den Hartz-IV-Satz von damals 345 Euro nicht überwiesen bekam, war meine Überraschung groß – nun, und mein Konto leer. 30 Euro hatte ich noch übrig, um durch den Monat zu kommen. Im darauffolgenden Monat: dasselbe – obwohl ich meinen Antrag bereits nachgereicht hatte.

Hartz-IV-Empfänger unter 25 werden besonders hart sanktioniert

Jüngst hat die Bundesagentur für Arbeit eine neue Statistik zu Hartz-IV-Sanktionen veröffentlicht: Glücklicherweise hat die Zahl der verhängten Sanktionen abgenommen. Im Jahr 2018 wurden rund 904.000 Sanktionen ausgesprochen – das sind 49.000 weniger als im Vorjahr.

Was sind Hartz-IV-Sanktionen?

Wer Hartz IV bezieht und gegen bestimmte Regeln verstößt, kann vom Jobcenter sanktioniert werden. Das bedeutet, dass finanzielle Leistungen gekürzt oder vollständig gestrichen werden. Regelverstöße sind zum Beispiel, wenn man ohne Angabe von Gründen zu einem Termin beim Jobcenter nicht erscheint, oder wenn man sich weigert, eine Maßnahme, zum Beispiel eine Weiterbildung, anzutreten. Im schlimmsten Fall kann die gesamte Unterstützung, also auch die Miete, die das Jobcenter in der Regel trägt, auf Zeit gestrichen werden.

Die meisten Sanktionen, 77 Prozent, wurden wegen Meldeversäumnissen verhängt – das ist, wenn man zu einem Jobcenter-Termin nicht erscheint, ohne abzusagen. In der Regel werden einem dann die Leistungen um zehn Prozent gekürzt.

Menschen unter 25 Jahren – wie ich es damals war – werden in der Regel stärker sanktioniert: Schon beim zweiten verpassten Termin wird der gesamte Hartz-IV-Satz entzogen, eine hundertprozentige Sanktion also.

Auf so eine Bestrafung war ich damals nicht vorbereitet. Ich war gerade erst volljährig geworden und in der zwölften Klasse, eine gute Schülerin, in der Schülervertretung aktiv – ich entsprach also nicht dem Klischee einer Hartz-IV-Empfängerin. Dass ich überhaupt Hartz IV bekam, lag allein daran, dass meine Eltern soziale Leistungen bezogen. Dann sitzt man als Kind von Langzeitarbeitslosen plötzlich im selben Boot – Einser-Schnitt auf dem Gymnasium hin oder her.

Das Jobcenter hatte meine genauen Lebensumstände nicht geprüft

Als uns dann unsere Wohnung gekündigt wurde, meine Eltern wegen einer neuen Job-Möglichkeit beschlossen, von Düsseldorf nach Essen zu ziehen, ich allein in Düsseldorf blieb, um die Schule fertig zu machen und mein Vater dann beim Umzug starb, geriet meine Welt ein wenig ins Wanken. Um mich noch fristgemäß um mein Hartz IV zu kümmern – dafür blieb mir wahrscheinlich nicht allzu viel Hirnkapazität.

Andererseits hatte das Jobcenter scheinbar nicht allzu große Anstalten gemacht, die Lebensumstände einer 18-jährigen angehenden Abiturientin genauer zu überprüfen. Wie gesagt, ich will nun 13 Jahre später niemanden beschuldigen – aber damals war ich, gelinde gesagt, überfordert, als ich mal eben nahezu ohne Geld dastand.

Glücklicherweise hatte ich nette Freunde, die mir damals geholfen haben. Sie gingen für mich einkaufen und brachten mir tütenweise Essen vorbei oder kochten für mich mit. Und für alles andere, was ich brauchte, hatte ich ja noch meinen Notgroschen von 30 Euro übrig. Für viel mehr außer Zwiebelbaguette und Kräcker vom Discounter reichte der allerdings nicht.

Ich würde gerne sagen, ich habe aus der Zeit als Hartz-IV-Empfängerin viel gelernt – aber gerne hätte ich mir diese Erfahrung erspart.

Ich würde nun gerne sagen, ich habe besonders viel gelernt aus der Zeit. Ich habe gelernt, mit wenig auszukommen, die kleinen Dinge im Leben mehr wertzuschätzen, den Stress, den einem Ämter bereiten können, besser auszuhalten.

Und bestimmt hatte all das auch irgendeinen positiven Einfluss.

Im Grunde genommen hätte ich mir diese ganze Farce allerdings gerne erspart. Ich glaube, eine 18-Jährige muss nicht unbedingt lernen, dass man sich auch zwei Monate lang von Aufbackbrötchen ernähren kann, ohne gesundheitliche Schäden davonzutragen. Oder dass man in einem Amt, in dem man sich sowieso völlig deplatziert fühlt, erst mal in Tränen ausbrechen muss, um Unterstützung zu bekommen.

Ob Sanktionen gegen Hartz-IV-Empfänger sinnvoll sind, ist zweifelhaft

Man kann nicht alle Hartz-IV-Empfänger über einen Kamm scheren. Es sind bestimmt nicht alle Leistungsbezieher Unschuldslämmer, sicherlich gibt es hier und dort jemanden, der sich finanzielle Unterstützung vom Staat erschleichen will. Allerdings ist das die absolute Ausnahme – das zeigen ja auch die aktuellen Zahlen zu Hartz-IV-Sanktionen: Er werden gerade einmal weniger als zehn Prozent der Empfänger sanktioniert. Und selbst denen kann man nicht unterstellen, dass sie mit Absicht gegen das Jobcenter gehandelt hätten.

Ob die Sanktionen an sich eine positive Wirkung haben können, ob "gerechtfertigt" oder nicht, ist generell zweifelhaft. Das Prinzip von "Fördern und Fordern", wie es im Zusammenhang mit Hartz IV ja gerne angebracht wird, ist bei mir nicht aufgegangen. Gefordert wurde etwas, was ich zu jenem Zeitpunkt nicht bieten konnte. Und gefördert fühlte ich mich schon mal gar nicht.

Glücklicherweise konnte ich Hartz IV schon wenige Monate später Adieu sagen – weil ich dann nämlich Schüler-Bafög erhielt. Das war zwar immer noch mit viel Papierkram und Behördengängen verbunden. Aber Schüler-Bafög-Amt war immerhin bisschen angenehmer als Jobcenter – zumal ich mich als Schülerin ersterem eher zugehörig fühlte als Langzeitarbeitslosen (no offense).

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2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Bazinga 18.04.2019 15:31
    Highlight Highlight So jung und schon soviel Leid erlebt, da merkt man erst wie gut es einen geht.
  • Robbie 12.04.2019 15:47
    Highlight Highlight Ja ja. Ist jedesmal das gleiche. Wenn das Arbeitsamt (ist ja das Job enter) keine Lust hat, Geld an die Menschen zu schicken, die es eigentlich verdient haben, dann erfinden sie irgendeinen Grund, oder suchen irgendeine Regel, um einen Grund zu haben, die Menschen nicht unterstützen zu müssen. Unter Menschen, die ich kenne, die Hartz IV bezogen haben (ich gehörte auch einige Jahre dazu, gibt es ein inoffizielles Motto : Wenn man sich aufs Arbeitsamt verlässt, ist man verlassen. Die können einem das Leben echt versauen. Darin sind se wirklich gut

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