Leben
little boy is playing lonely in playground. little boy is sitting unhappy in playground.

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Meinung

Erzieherin: "Was viele Kollegen in Kitas tun, ist eigentlich Kindesmisshandlung"

Ilona Böhnke

Ilona Böhnke arbeitet seit 40 Jahren als Erzieherin in christlichen Kindergärten im Ruhrgebiet. In der Zeit hat sie erlebt, dass einige Kollegen und Kolleginnen oft nicht richtig mit den Kindern umgehen. Was in vielen Kitas falsch läuft und was Eltern dagegen tun können, hat sie für watson aufgeschrieben.

Nach 40 Jahren als Erzieherin habe ich mit vielen Kollegen zusammengearbeitet. Die meisten davon waren tolle Kollegen, doch immer wieder kam es vor, dass ich einschreiten musste. Denn was viele Kollegen da tun, ist eigentlich Kindesmisshandlung.

Beispiele gibt es viele. So kommt es im U3-Bereich, also bei Gruppen mit Kindern unter drei Jahren, häufiger zu Problemen bei der Schlafenszeit der Kinder.

Die meisten Kinder sind müde und liegen im Schlafraum, doch immer wieder kommt es vor, dass ein Kind nicht schlafen kann oder nicht schlafen will. Das ist ja auch ganz normal, jedes Kind ist anders, manche sind aufgeregt, manche haben vielleicht einfach einen schlechten Tag.

Doch einigen Erzieherinnen ist das egal. Es ist Schlafenszeit und dann werden die Kinder eben zum Schlaf gezwungen. Das sieht dann zum Beispiel so aus, dass die Erzieherinnen die Kinder so lange im Arm halten, bis sie schlafen, ob die Kinder wollen oder nicht.

Kein Spielen, keine Bewegung, stattdessen Zwang.

Ich bin davon überzeugt, dass das nicht der richtige Weg ist. Wie soll denn ein Kind ein normales Verhältnis zum Schlaf bekommen, wenn es schon so früh dazu gezwungen wird?

Druck und Drohungen in der Kita

Doch oft sind die Kolleginnen überlastet und wollen ihre Ruhe. Oder sie haben eine seltsame Vorstellung davon, was es bedeutet, sich an Regeln zu halten: Wenn die Uhr sagt Schlafenszeit, dann soll das Kind auch schlafen. Wenn das Kind nicht mitmacht, dann gilt es als aufmüpfig, eine Belastung für die Erzieherin.

Als würde ein zweijähriges Kind irgendwas mit Absicht machen. Sich absichtlich schwierig verhalten.

Diese Denkweise kommt leider häufiger vor. Mit fällt da eine Situation ein, die es deutlich zeigt.

Ich habe einmal miterlebt, wie eine Kollegin ein Kind dazu zwingen wollte, am Tisch sitzen zu bleiben und einen Joghurt aufzuessen.

Das Kind hatte den von den Eltern mitbekommen und ich sah sofort, dass der für dieses Kleinkind eigentlich viel zu viel ist. Das weiß ein so kleines Kind aber noch nicht. Das denkt sich nur, sieht lecker oder interessant aus, dass schnapp ich mir.

Eigentlich kein Problem, doch die Kollegin vor Ort war überzeugt: Jetzt müsse das Kind den auch aufessen.

Was folgte waren Druck und Drohungen.

"Du bleibst jetzt solang hier sitzen, bis du aufgegessen hast. Du gehst jetzt nicht mit uns raus, du darfst jetzt nicht spielen."

Und natürlich begann das Kind sofort zu weinen. Und natürlich war gar nicht mehr daran zu denken, irgendwas aufzuessen.

Ich habe damals direkt eingegriffen und der Kollegin gesagt, dass sie nicht so mit Kindern umgehen könne. Sie rechtfertigte sich und sagte, das Kind würde sich mit Absicht schwierig verhalten.

Als wäre ein Kleinkind in dem Alter in der Lage, gezielt gegen eine Erzieherin vorzugehen.

Kita-Erzieherinnen können viel kaputt machen

Eine Erzieherin muss mit so etwas umgehen können. Denn es geht hier nicht um sie, es geht immer um die Kinder. Und für die ist dieses Verhalten einfach nur schädlich.

Ich kenne Fälle, wo die Kinder Ängste vor dem Essen entwickelt haben. Wenn die Mutti dann daheim Joghurt auf den Tisch stellt, beginnen die Kinder zu weinen oder verstummen völlig.

So kleine Kinder können sich oft nicht richtig mitteilen und dann wissen die Eltern nicht, was eigentlich los ist.

Dann kann es sehr lange dauern, bis man weiß, woher diese Ängste kommen. Das kann auch zu Essstörungen führen.

Das Kindeswohl ist gefährdet

Trotzdem ist Kollegen oft nicht bewusst, was sie da anrichten können, wenn sie sich so verhalten. Spricht man sie drauf an, sind sie sich oft keiner Schuld bewusst. Sie sind dann ganz schockiert, wenn man ihnen sagt, dass sie hier das Kindeswohl gefährden.

Leider habe ich das Gefühl, dass so etwas immer häufiger vorkommt. Die Kitas sind oft zu schlecht besetzt und wenn dann noch jemand krank wird, kann das richtig hart werden.

Dann kümmern sich plötzlich Vorpraktikanten um die Kinder, die das gar nicht dürften. Die dürfen die Kinder nicht einmal wickeln, geschweige denn erziehen.

Aber wenn die Kita unterbesetzt ist, kommt das vor und Kitas sind oft unterbesetzt. Der Personalmangel ist auch so groß, dass Erzieher eingestellt werden, die eigentlich nicht für den Beruf geeignet sind. Die haben vielleicht die Ausbildung gemacht, aber sollten nicht mit Kindern allein sein. Doch wenn die Not groß ist, wird einfach irgendwer eingestellt.

Und dann wird das Kind doch zu fest am Arm gepackt, doch angeschrien, doch in einem Raum eingesperrt. Man kann nur beten, dass das den anderen Kollegen immer auffällt.

Manchmal höre ich von Eltern, dass sie eine Kollegin besonders toll finden und denke mir: Himmel, wenn ihr wüsstet!

Die Eltern müssen aktiv werden

Liebe Eltern, ich kann euch nur empfehlen, sehr gut aufzupassen. Achtet auf eure Kinder und sagt den Erzieherinnen genau, was ihr wollt. Dass euer Kind nicht zum Essen und nicht zum Schlafen oder zu was auch sonst gezwungen werden soll.

Ihr werdet euch da keine Freunde machen. Glaubt mir, ich mag Eltern auch nicht, die mir bei allem reinreden wollen.

Aber am Ende geht es nicht darum, dass die Eltern oder die Erzieherinnen gute Freunde miteinander werden. Es geht um die Kinder. Dann lieber einmal mehr etwas sagen als einmal zu wenig.

Lass deine Schuhe in der Bahn an

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    Alle Leser-Kommentare
  • lsy lsy 24.08.2019 14:33
    Highlight Highlight Viele der im Artikel angesprochenen Punkte sind relevant, auch einige Beispiele veranschaulichen gut, wie es zu Problemen kommen kann.

    Was aber ist "Er-ziehung"? Wer bestimmtes Verhalten von den Kindern erwartet, wird mit erzieherischen Maßnahmen früher oder später Zwang ausüben.

    Ist eine an ein Kind gerichtete Erwartung alters-/kindgemäß etc.? Eltern, Erzieher(in), erwachsene Bezugsperson usw. nehmen (mit womöglich unterschiedlicher Sichtweise) Einfluss auf die Entwicklung eines Kindes. Was dann in verschiedenen Situationen genau dem Kindeswohl entspricht, ist nicht immer unumstritten.
  • XxKayaraxX 24.08.2019 09:44
    Highlight Highlight Stimme ich - leider - 100% zu. Was ich teilweise in meiner Kita (bin selbst Erzieherin) beobachten muss ist furchtbar. Wobei anschreien und grob anpacken, wenn’s nicht hört und die „Auszeiten“ noch das „harmlose“ ist. Es wurden schon u2 Kinder zum wickeln gezwungen, obwohl sie deutlich zeigten, das sie von der Kollegin nicht gewickelt werden wollten, was nach Ansprache verteidigt wurde. Oder eine Sprache, als würde man mit Hundewelpen sprechen. Distanzlosigkeit in Form von Küssen, deutliche Lieblingskinder, Probierhappen, nicht bedürfnisorientierte Arbeit. Träger wurde in Kenntnis gesetzt.
  • Nanuk Froster 22.08.2019 08:32
    Highlight Highlight Ich habe selbst eine traumatisierende Situation im Kindergarten erlebt, die mir aufgrund von darauffolgenden Verhaltensstörungen bis heute Probleme bereitet. Ich bin übrigens 28 Jahre alt. Leute die mit Kinder arbeiten sollten in ihrer Ausbildung dringend darauf Aufmerksam gemacht werden, das man bei Kindern sehr viel psychischen Schaden anrichten kann, wenn man nicht auf sein Verhalten achtet. Auch sollte man eigenen Frust nicht auf die Kinder entladen, denn die können das nicht einordnen und fangen dann an an sich selbst zu zweifeln.
  • wirdsonix 21.08.2019 13:02
    Highlight Highlight Meine Tochter ist auch so ein Fall von seelischer Verletzung. Weisen Sie das mal nach. Unmöglich. Suchen Sie ein klärendes Gespräch - die Tochter wird danach indirekt noch schlechter behandelt. Es ist ein Irrsinn. Manchmal denke ich: hättest Du Hartz-IV gemacht, dann wäre es ihr erspart geblieben. Hättest Du die Gruppe gewechselt, den Kindergarten........ Im Endeffekt stimmt es: passt auf Eure Kinder auf und vertraut ihren Aussagen. Wir sind immer noch daran ihr Selbstwertgefühl vollständig herzustellen. Zu sehr wurde sie damals verletzt. Und wir haben das zu spät gemerkt.
  • Paula Schenk 20.08.2019 22:23
    Highlight Highlight Und ja Kinder müssen sich an Regeln halten, aber das gilt genauso für Erzieher. Kinder haben Rechte, die eingehalten werden müssen. Wenn Kinder zu etwas gezwungen werden, kann das Schaden nehmen. Kinder sind nicht von grundauf böswillig. Wenn ein Kind etwas nicht möchte hat das einen Grund. Und es stimmt, es gibt Kinder die in bestimmten Situationen trotzig sind. Aber auch der Trotz ist eine Reaktion auf etwas, dem nachgegangen werden muss. Manche Kinder brauchen auch mehr Begleitung und meiner Meinung nach hat es auch ein Anspruch darauf.
  • Paula Schenk 20.08.2019 22:19
    Highlight Highlight Vielen Dank für den Artikel. Ich bin selbst Erzieherin und stimme dem zu. Eltern müssen auf ihre Kinder aufpassen. Nicht im jedenfall gibt es eine Erzieherin die dazwischen geht. Meist wird weggeschaut. Bzw. in Fall einer Freundin nichts unternommen, obwohl mit der Kollegin gesprochen wurde und die Sorgen der Leitung mitgeteilt wurden.
    Ich selbst habe vor kurzem meine Ausbildung abgeschlossen und kann das sehr nachvollziehen, dass trotz staatlicher Anerkennung viele nicht für den Beruf geeignet sind (wundere mich bei einigen ehem. Klassenkammeraden immer noch drüber).
  • Arvid Riedel 19.08.2019 09:27
    Highlight Highlight Ich verstehe nicht, warum den Erziehern/Erzieherinnen verboten wird die Kinder zu erziehen. Kinder müssen sich halt daran gewöhnen, dass es Regeln gibt und dass man einen gewissen Grad an Gehorsam zu leisten hat.
    • wirdsonix 22.08.2019 12:19
      Highlight Highlight Oh je. Natürlich sollen sie Kinder erziehen. Es heißt ja "Erzieher/in". Es hat auch nichts mit Gehorsam zu tun, oder das Eltern wollen, dass ihre Kinder alles dürfen. Es geht hier um Vernachlässigung, unbedachtes Handeln, teils Überforderung der Erzieherinnen. Und oft fehlt es an psychologischen Grundkenntnissen und auch der Wille dazu sich in ein Kind einzufühlen. Manchmal kam ich mir vor wie in einer Aufbewahrungsanstalt. Nicht mehr, nicht weniger.
  • LEONdatOTTO| LAUGH 18.08.2019 21:06
    Highlight Highlight Zurzeit bin ich in der Kinderpfleger Ausbildung in Sachsen-Anhalt. Und in meiner ehemaligen Kita, der ich strikt den Rücken kehrte war genau sowas der Fall. Ich fand es abartig, wie mit Praktikanten umgegangen wurde und wie miserabel die armen Kinder behandelt wurden. Ich habe natürlich umgehend alles bei der Cheffin gemeldet, aber das ging nicht so wie gewollt, stattdessen hieß es nur: Das geht dich als Praktikanten überhaupt nichts an, wie die Erzieher Arbeiten. Ich griff dann nur noch zum Praktikumsvertrag und bat darum, diesen Aufzulösen. Jetzt bin ich in einer neuen Kita. Auf gut Glück!
    • Juni Kirsche 21.08.2019 18:25
      Highlight Highlight bitte gehe zur (lokal) Presse, erzähle deine Geschichte, es ist sehr wichtig dass Eltern und auch andere Verantwortliche davon erfahren, auch wenn es keine "offizielle" Misshandlung ist, Kinder leiden sehr in solchen Kitas und haben kein Mitspracherecht. Vor allem wenn die Leitung ihre Methoden dermaßen gegen Kritik schützt... bei solchen Beratungsresistenten muss man mit harten Bandagen kämpfen. Söebst wenn sie sagen, alles falsch, stimmt nicht, wird trotzdem ein Umdenken stattfinden müssen
  • theo7480 18.08.2019 18:13
    Highlight Highlight ... tut mir echt leid bin auch Erzieher ,- aber was ist das für ein Artikel !??? warum ist sie nicht im Alltag zur Leitung gegangen und hat das zur srache gebracht !!! liest sich nach Rachefeldzug an !
    was soll das für ein Mist ! wenn ich, und ich arbeite in der Kita so was sehe spreche ich das sofort an bzw zeige das an !!!! mir stehen die haare zu berge sorry . BLÖDSINN !
  • celine01 18.08.2019 16:42
    Highlight Highlight Diese Frau möchte ich nicht als Erzieherin für mich und für meine Kinder haben. Natürlich bedarf es bei einer Gruppe einer gewissen Ordnung. Wieso geben Eltern Essen mit in den Kindergarten?
    • XxKayaraxX 24.08.2019 09:48
      Highlight Highlight Struktur und Essenszwang sind 2 paar Schuhe. Jedes Kind hat das Recht das zu essen (von dem was es zur Auswahl gibt) was es möchte und wieviel es möchte. Möchte es etwas nicht (aus welchen Gründen auch immer) bin ich als Erzieherin dazu verpflichtet es zu akzeptieren. Und wenn es dann bedeutet, dass das Kind nicht frühstückt, ist das eben so. Kein Kind verhungert, wenn es mal eine Mahlzeit ausfallen lässt oder wenig ist. Dafür können sich aber Essstörungen entwickeln durch Zwang.

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