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Bild: Getty Images / privat / watson Montage

Meinung

Wie der Schlankheitswahn meine Freundschaften mit Frauen vergiftet

"Wahnsinn, wie dein Körper aussieht! So dünn!", sagt meine beste Freundin. Eine andere Freundin nickt anerkennend, während sie offensichtlich neidisch, aber auch beeindruckt meinen nackten Körper anstarren.

Wir sind gerade in einem Spa angekommen und haben uns in der Umkleidekabine ausgezogen, um gleich in die Sauna zu gehen. Kritisch beäuge ich mich in einem Spiegel, während gleichzeitig die Komplimente auf mich niederprasseln. "Man sieht wirklich, du hast abgenommen!"

Die Worte sind so süß wie der Honig, den ich, wie jede andere Form von Zucker auch, aus meinem Speiseplan gestrichen habe. Auch Weizen ist tabu, Fast Food sowieso. Seit drei Wochen nunmehr nehme ich nichts als zuckerarmes Obst und Gemüse zu mir – als Teil einer Fastenkur, versteht sich.

Ich versuche, mir selbst einzureden, dass ich die Kur mache, weil es gesund sein soll, den Körper mal zu entlasten. Heimlich freue ich mich nicht nur über jedes Kilo, das purzelt – sondern vor allem auch über die anerkennenden Worte meiner Freundinnen. Gewicht ist ein Thema, über das wir häufig sprechen – und zwar meistens im Zusammenhang damit, wie man möglichst viel davon loswerden kann.

Die meisten meiner Freundinnen wollen abnehmen

Es ist ein Phänomen, das ich vor allem in meinen weiblichen Freundschaften beobachte: Für die meisten meiner Freundinnen ist es ganz selbstverständlich, dass sie abnehmen wollen, egal ob dick oder dünn. Wir unterstützen uns gegenseitig, indem wir gemeinsam versuchen, gesund zu essen, Sport zu machen, uns zum Durchhalten zu motivieren.

Ich kann damit rechnen, dass meine Freundin mich dafür feiern werden, wenn ich mir durch Verzicht auf Leckereien und Sport meinen Traumkörper erarbeite. Dass mit mir alles stimmt, egal wie viel ich wiege, zeigen mir allerdings die wenigsten. Und ich glaube auch, dass ich darin versage, meinen Freundinnen zu vermitteln: Dein Körper ist perfekt. Egal wie er aussieht.

Der Schlankheitswahn in Freundschaften ist wie ein toxischen Drang, gehüllt in den Mantel der Liebe.

Der Schlankheitswahn vergiftet meine Freundschaften mit Frauen zum Teil. Denn er hält uns nicht nur davon ab, uns selbst zu lieben. Er hält uns auch davon ab, uns gegenseitig zu lieben, schlimmer noch: Er ist wie toxischer Drang, gehüllt in den Mantel der Liebe.

Die Sache ist: Wenn meine Freundinnen und ich uns ständig gemeinsam über unser Gewicht beschweren und es als Problem heraufbeschwören, fühlt es sich so gut an, die Lösung für dieses Problem zu finden. Diejenige zu sein, die es geschafft hat, abzunehmen. Das Lob dafür zu ernten.

Allein um ein Kompliment zu bekommen will ich noch mal 3 Kilo abnehmen

Ich erinnere mich, als ich nach einer langen Reise zurück ins Büro kam und eine meiner Kolleginnen rief: "So braun! Und so dünn!" Ich weiß auch noch, wie eine andere Freundin sagte, nachdem sie mich längere Zeit nicht gesehen hatte: "Du hast krass abgenommen! Ich bin so neidisch, ich hab wieder drei Kilo zugenommen!"

Allein, um solche Worte zu hören, möchte ich noch mal drei Kilo abnehmen. Und gleichzeitig frage ich mich: Wo ist die Grenze? Wann hören solche Sätze auf, schön zu sein? Wann werden sie nicht mehr fallen?

Andererseits frage ich mich, was ich bisher getan habe, um meinen Freundinnen das Gefühl zu geben, sie müssten sich nicht ändern. Habe ich es nicht selbst oft genug bewundert, wenn eine Freundin die Ergebnisse ihrer neuen Diät präsentiert? Habe ich nicht den Mund gehalten, wenn meine offensichtlich dünne Kollegin sich runter macht, weil sie gestern Spaghetti Carbonara UND ein Snickers gegessen hat?

Die Gewichts-Obsession bestimmt meine Beziehung zu Frauen stärker. Männer scheinen nicht mal zu wissen, dass ich Gewicht habe.

Für Frauen ist der Druck, einem bestimmten ästhetischen Ideal entsprechen zu müssen, meist viel größer als für Männer. Wir sind aufgewachsen in dem Bewusstsein, uns um unser Aussehen kümmern zu müssen. Dazu gehört auch, auf unser Gewicht zu achten. Und obwohl ich auch schon von Männern auf der Straße Sprüche über mein Gewicht gehört habe (zum Beispiel bein Eisessen: "Du weißt aber, das macht dick?"), habe ich den Eindruck, die Gewicht-Obsession bestimmt meine Beziehung zu Frauen viel stärker als zu Männern.

Die meisten Männer in meinem Leben scheinen nicht einmal zu wissen, dass ich Gewicht habe. Wenn ich mich bei ihnen darüber beschwere, dass ich zwei Kilo zugenommen habe, sind sie meist ehrlich erstaunt. Frauen antworten häufiger: "Hach, ich auch. Ich muss wieder joggen gehen!"

Können wir nicht einfach aufhören, über das Abnehmen zu sprechen?

Ich will damit keine Frau verurteilen. Und natürlich sind nicht alle Frauen so, und genauso kann es auch Männer geben, die sich dem Schlankheitswahn nicht entziehen können. Ich sehe den Druck, den der Wunsch nach dem dünnen Traumkörper erfüllt, nur sehr viel deutlicher in Frauenfreundschaften. Und ich sehe, wie er unsere Freundschaften vergiftet.

Ich will es auch gar nicht auf meine Freundinnen abwälzen, wenn ich mich unwohl mit meinem Körper fühle, egal was die Waage aktuell anzeigt. Ich muss lernen, mich selbst zu akzeptieren und mich wohlzufühlen – das kann mir niemand abnehmen. Es würde mir allerdings helfen, wenn meine Freundinnen und ich nicht ständig wett-diätetieren würden. Wenn wir uns nicht gegenseitig in unserer verzerrten Selbstwahrnehmung unterstützen würden. Wenn wir aufhören würden, Körper in die Kategorien "schlank, also schön" und "nicht schlank, also nicht schön" einzuteilen.

Frauen, die sich wie photogeshopte Modells anziehen, ohne welche zu sein, helfen mir.

Jetzt kann ich natürlich nicht einfach und sagen: So, Freunde, wir denken jetzt alle mal ein bisschen anders und vergessen unsere kulturell antrainierten Schönheitsideale. Aber ich könnte zum Beispiel anfangen, zu lernen, mich mit meinem Körper wohlzufühlen.

Ich merke immer wieder, wie sehr es mir hilft, andere, selbstbewusste Frauen zu beobachten, die Schönheitsideale durchbrechen. Nachdem meine Freundinnen und ich jahrelang ein Schönheitsideal angestrebt haben, das nur dünne und straffe Körper zeigt, entspannt es mich, echte Körper im Alltag zu sehen: Solche, die sich anziehen wie die photogeshopte Modells in der Werbung, ohne zwangsweise welche zu sein. Die Bauchfalte und Cellulite zeigen, ohne sich zu schämen und gleichzeitig ohne ein Statement draus zu machen.

"Du hast abgenommen" sollte kein Kompliment sein

Wenn ich mich selbst nicht mehr so verrückt mache wegen meines Aussehens, übertrage ich meinen Drang nach Perfektion vielleicht auch nicht mehr auf meine Freundschaften. Vielleicht sollten wir auch gleichzeitig andere Komplimente verteilen als: "Du hast abgenommen". Man so viele andere schöne Dinge sagen.

Wer urteilt, sagt meist mehr über sich selbst aus als über die Opfer seiner Urteile.

Und am Ende hilft es auch, wie in so vielen anderen Lebenslagen auch, sich mal wieder bewusst zu machen: Menschen denken gar nicht so häufig über dich nach. Niemand bewertet dich ständig. In den Regel ist man eher mit sich selbst beschäftigt, und selbst wenn ich über andere urteile, sagt das oftmals mehr über mich selbst aus als die Opfer meiner Urteile.

Ich will nicht, dass meine Freundinnen sich wegen ihrer Körper heruntermachen – sondern ihnen lieber zeigen, wie sehr ich sie als Menschen schätze. Und gleichzeitig will ich wissen, dass meine Freundinnen mich unterstützen, die beste Version meiner Selbst zu werden – und das ist die Version, die keiner Optimierung bedarf. Unter keinen Umständen.

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