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Weinstein geht als gebrochener Mann aus dem Prozess. Bild: imago images / ZUMA Press / imago images / ZUMA Press

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23 Jahre Haft für Weinstein: Warum die Verurteilung dennoch kein Sieg für #MeToo ist

Am Mittwoch wurde das Strafmaß zu Harvey Weinstein verkündet: Schon vor Wochen wurde der Filmproduzent wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung verurteilt. Nun muss Weinstein für 23 Jahre ins Gefängnis.

Der Weinstein-Prozess gilt als Meilenstein für die #MeToo-Bewegung, die durch ihn ausgelöst wurde: Nachdem sich seit 2017 über 80 Frauen zu Wort gemeldet haben, an denen sich Weinstein sexuell vergangen haben soll, haben zahlreiche Frauen und vereinzelt auch Männer über ihre Erlebnisse mit sexueller Belästigung und Gewalt berichtet. Und obwohl so viele Betroffene sexueller Gewalt dank #MeToo ihre Stimmen erhoben haben, obwohl die Bewegung solche Wellen geschlagen hat, scheint in den US-amerikanischen Gerichtssälen kaum mehr als ein Plätschern, vielleicht sogar nur ein mildes Rauschen, angekommen zu sein.

Es wurde der Einzeltäter, nicht das Raubtier Weinstein verurteilt

In einem beispiellosen Prozess wurden lediglich zwei der über 80 Fälle sexueller Belästigung, Nötigung oder Vergewaltigung, die Weinstein zur Last gelegt werden, behandelt. Den beiden Frauen, Mimi Haleyi und Jessica Mann, wurde von Weinsteins Verteidigern vorgeworfen, dessen Einfluss in Hollywood und dessen Reichtum ausgenutzt zu haben. Es wurde das Märchen weitergesponnen von der machthungrigen Frau, die ihre weiblichen Reize gezielt gegen die wehrlose Männerwelt einsetzt, um sie so zu erobern.

Ja – am Ende kam es zu einer Verurteilung. Das Strafmaß fällt mit 23 Jahren auch überraschend höher aus, als manch einer angenommen hätte. Gerade in Anbetracht von Weinsteins bedenklichem Gesundheitszustand wurde gemutmaßt, dass eine Gefängnisstrafe eher niedrig ausfallen würde. Für den bereits 67-jährigen kommt die Verkündung einer lebenslänglichen Haft nahe.

Dennoch: Verurteilt wurde ein Mann, der eine Frau vergewaltigt, eine andere sexuell genötigt hat. Verurteilt wurde aber nicht der Mann, der über 80 Frauen sexuell belästigt oder missbraucht hat. Es wurde nicht das Raubtier verurteilt, das für eine ausbeuterische Struktur steht: das System Hollywood. Dieses haben auch die Ankläger in Harvey Weinstein gesehen.

Weinstein ist der prominenteste Fall, aber nicht der einzige

So bedeutsam der Fall auch ist: Weinstein, obwohl so viele Frauen von seinen Taten betroffen sein sollen, ist am Ende nur ein Symptom eines krankenden Systems. Ohne Weinstein in Schutz nehmen zu wollen: Es sind Hollywood und die Unterhaltungsbranche, die solche Menschen wie Weinstein hervorbringen. Menschen, die Strukturen ausnutzen, in denen Frauen systematisch benachteiligt werden. Die Mechanismen dieses Systems: Solche Menschen walten lassen. Deren Opfer beschuldigen. Die Täter meist nicht – viel zu milde – bestrafen.

Und das Spiel wiederholt sich. Weinstein ist vielleicht der aktuell bekannteste und am meisten besprochene, aber bei weitem nicht der einzige Fall:

Weinsteins Taten in ihrer Gesamtheit zu verurteilen wäre ein Durchbruch gewesen

Die Liste ist lang – jeden einzelnen Fall hier aufzuzählen, wäre unmöglich. Am Ende geht es auch nicht darum, jeden einzelnen Täter zu nennen. Weinstein, Cosby, Allen oder Polański allein für dieses krankende System verantwortlich zu machen, wird das Problem nicht lösen.

Sie allerdings als entscheidenden Teil anzuerkennen und entsprechende juristische Konsequenzen zu ziehen, die ihr gesamtes Verhalten verurteilen, nicht nur einzelne Taten: das wäre ein wahrer Durchbruch gewesen.

Ist Weinsteins Verurteilung nun ein Sieg für die #MeToo-Bewegung? Für Frauen allgemein? Bedingt. Es ist allerdings dennoch ein Schritt in die richtige Richtung, weil zumindest ein Täter identifiziert und verhältnismäßig hoch bestraft wurde – wenn auch nicht für die geforderten Gründe.

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