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Bild: RTL / Getty / watson Montage

Meinung

Diese Sätze der "Zahltag"-Experten lassen erahnen, wie sie über Hartz-IV-Empfänger denken

René und Ines scheinen endlich Glück zu haben: Eines Tages steht ein Koffer voller Geld vor ihrer Tür. Mit den fast 30.000 Euro können sich die beiden Hartz-IV-Empfänger endlich ihren Traum vom eigenen Betrieb erfüllen.

Wären da nur nicht die teils lästigen Kommentare der Experten, die ihnen beim Weg in die Selbstständigkeit eigentlich beratend zur Seite stehen sollen.

René und Ines sind Protagonisten der RTL-Armutsshow "Zahltag! Ein Koffer voller Chancen". Das Konzept der Sendung, die nun in die zweite Staffel geht, lautet: Fünf Familien, die von Hartz IV leben, erhalten einen Koffer voller Geld. Die Summe entspricht deren jährlichem Hartz-IV-Satz – nun nicht mehr monatlich, sondern auf einmal ausgezahlt. Das soll den Familien helfen, sich selbstständig zu machen und so den Weg aus der Armut zu finden.

Die Experten scheinen Vorurteile gegen Hartz-IV-Empfänger zu haben

Helfen sollen dabei ein Expertenteam, bestehend aus:

Der besondere Twist ist nun, dass die Experten nur helfen, wenn die Protagonisten explizit um ihre Hilfe bitten. Ansonten verbringen sie die Zeit damit, das Geschehen von außen zu kommentieren. Und dabei fällt der ein oder andere Satz, der zeigen könnte: Möglicherweise haben selbst die Experten ein verzerrtes Bild von Armut und Vorurteile gegen die Hartz-IV-Empfänger, die sie beraten sollen.

Hier einige Beispiele aus der letzten Folge von "Zahltag".

Hartz IV: Nur eine faule Ausrede?

In einer Szene haben die langjährigen Hartz-IV-Empfänger René und Ines gerade ihren Koffer voller Geld erhalten. René will sich nun seinen Traum erfüllen und mit einem Handwerkerservice selbstständig machen, Ines möchte ihn dabei unterstützen.

Die Experten loben zwar, dass René bereits einen Businessplan geschrieben hat und freuen sich allgemein für das Paar. Jedoch kommentiert Gründerberater Felix Thönnessen auch:

"Die Entschuldigung, wir haben kein Geld, um das Business aufzubauen, deswegen geht’s nicht, und deswegen haben wir Hartz IV – die Entschuldigung ist jetzt mit dem Koffer weggefallen."

Die Aussage scheint deutlich: Aufgrund des Geldkoffers haben René und Ines keine Ausrede mehr, sich nicht selbstständig zu machen. Das wirkt natürlich schnell wie eine Unterstellung – als hätten die beiden Protagonisten mutwillig Gründe gesucht, um nicht arbeiten zu müssen.

Möglicherweise will Thönnessen lediglich betonen, dass der Koffer zur Selbstständigkeit motivieren soll. Gleichzeitig schwingt der Vorwurf mit, der so oft gegenüber Hartz-IV-Empfängern fällt: dass sie es sich in ihrer Arbeitslosigkeit bequem machen würden. Der Koffer MUSS nun endlich zur Handlung motivieren. Das klingt nicht sonderlich konstruktiv für eine Sendung, die eigentlich Menschen aus der Armut helfen soll.

Hartz-IV-Empfänger: Alle unmotiviert?

Maik und Sarina sind ebenfalls glückliche Koffer-Empfänger – und freuen sich, sich endlich von Hartz IV abmelden zu können. Kurz nachdem sie ihren Geldkoffer erhalten haben, begeben sie sich zum Jobcenter, um eine Verzichtserklärung abzuholen. Mit dem Formular beenden sie ihren Hartz-IV-Bezug.

Maik sagt dazu stolz: "Dann sind wir wirklich auf uns allein gestellt und das ist wirklich ein großes Geschenk."

Jedoch sehen die Situation nicht alle so positiv. Heinz Buschkowsky kommentiert:

"'Wir nehmen jetzt unser Leben endlich selbst in die Hand' – ja, wer hat sie denn 20 Jahre gehindert, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen?"

Er hält Maiks Rede für "Sprücheklopferei". Dabei ist Maik schwer herzkrank und darf nur sechs Stunden wöchentlich arbeiten. Sarina wiederum hat ihre Ausbildung zur Hauswirtschafterin nicht abgeschlossen, weil sie damals mit ihrem ersten Kind schwanger war. Ein weiteres Kind sowie eine Totgeburt folgten.

In seinem Kommentar lässt Buschkowsky außer Acht, wie schwierig es für Langzeitarbeitslose sein kann, sich wieder in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Die Gründe dafür können verschieden sein: Von Perspektivlosigkeit der Hartz-IV-Empfänger über zunehmende gesundheitliche Einschränkungen, teils bedingt durch die Arbeitslosigkeit selbst, bis hin zu Vorurteilen von Arbeitgebern – all diese Faktoren können dazu beitragen, dass Hartz-IV-Empfänger dauerhaft vom System abhängig sind.

In Buschkowskys Spruch klingt an, Arbeitslose seien für ihre Armut selbst verantwortlich – und das stimmt nicht immer.

Wenn dich Hartz IV nervt, hast du das Geld nicht verdient

Auch Ilka Bessin kommentiert die Szene, in der Maik und Sarina sich vom Jobcenter abmelden. Felix Thönnessen meint, die beiden seien froh, sich endlich vom Jobcenter zu verabschieden, weil es sinnbildlich für deren schlechte finanzielle Situation stehe. Bessin verteidigt das Jobcenter an dieser Stelle jedoch:

"Das ist natürlich auch so ein bisschen Kontrolle (vom Jobcenter), klar, aber du kriegst ja auch Kohle. Wenn dich das nervt, dann nimm aber auch die Kohle nicht."

Ob Bessin sich mit ihrem Kommentar direkt auf Maik und Sarina bezieht, ist nicht ganz deutlich. Schließlich haben sich die beiden beim Abmelden sogar beim Jobcenter bedankt. Aber auch allein für sich stehend bedeutet der Satz: Wer soziale Leistungen bezieht, sollte sich nicht beschweren.

Wie die Jobcenter allerdings dazu angehalten werden, Hartz-IV-Empfänger zu kontrollieren, kann durchaus kritikwürdig sein: Schließlich muss sich nicht jeder damit wohlfühlen, seine gesamten Finanzen preiszugeben, eine bestimmte Anzahl von Job-Bewerbungen unter Androhung von Sanktionen zu schreiben oder sich abmelden zu müssen, wenn man mal für eine gewisse Zeit die Stadt verlässt. Und ja, selbst, wer Hartz IV bezieht, darf mit der Umsetzung des Systems unzufrieden sein. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Person keine sozialen Leistungen beziehen möchte oder darf.

Die Sprüche zeigen: Die "Zahltag"-Experten bewerten Hartz IV teils zu kurzsichtig

Die Experten haben keinen Grund, den Protagonisten von "Zahltag" gegenüber gehässig zu sein – und sie sind es eigentlich auch nicht. Jedoch wirken einige ihrer Sprüche schlichtweg unbedacht und so, als hätten sie selbst ein verzerrtes Bild von Armut.

Nun dürfen sich natürlich auch die Experten eine eigene Meinung des Geschehens bilden. Wer beratend zur Seite steht, muss nicht neutral bleiben – weitsichtig hingegen schon. Das würde auch dem Zuschauer helfen, die Ausgangslage der Protagonisten besser zu verstehen.

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