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Allein zu Hause hocken und die Pandemie abwarten: Die wenigsten werden noch bereit dazu sein. (Symbolbild) Bild: iStockphoto / finwal

Meinung

Die Gelangweilten sind die gefährlichsten: Wie wir den nächsten Lockdown schaffen

Am Donnerstag sprach sich Bundeskanzlerin Angela Merkel für einen kurzen und einheitlichen Lockdown aus. Auch Gesundheitsminister Jens Spahn wünscht sich härtere Maßnahmen. Selbst Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet, der bisher einen recht laxen Kurs in der Pandemiebekämpfung fuhr, hat über Ostern neue Vokabeln gepaukt und fordert nun den sogenannten Brückenlockdown – womit er vor allem eine Brücke zum gefühlten Kontrahenten Markus Söder schlug: Auch der bayerische Ministerpräsident drängt darauf, das öffentliche Leben weiter herunterzufahren, um die Infektionszahlen zu senken.

Die Lage ist mal wieder ernst. Genauso, wie sie es vor einem Monat, vor zwei Monaten, vor einem halben oder vor einem Jahr war. Immer mehr Regierende sehen ein, dass es mit den Lockerungen wohl vorerst nichts wird. Der harte Lockdown, wie wir ihn im Frühjahr 2020 schon einmal erlebt haben und wie ihn viele Menschen fordern, steht praktisch vor der Tür.

"Für viele bedeutet dieser harte Lockdown, Brückenlockdown oder Blitzlockdown nichts weiter als die Deklination eines Zustandes, den wir eh schon seit einer halben Ewigkeit leben."

Und wir fühlen: nix. Keine Angst vor der sozialen Isolation. Keine Erleichterung über die neuen Maßnahmen. Keine Sorge vor der nie enden wollenden Pandemie. Für viele bedeutet dieser harte Lockdown, Brückenlockdown oder Blitzlockdown nichts weiter als die Deklination eines Zustandes, den wir eh schon seit einer halben Ewigkeit leben.

Die Gelangweilten sind momentan am gefährlichsten

Jetzt gehöre ich natürlich zu einer Gruppe von Menschen, die aufgrund der Pandemie keine existenziellen Ängste erleben. Ich besitze keine Bar, die womöglich für immer schließen muss, arbeite in keinem Theater, dass seit Monaten keine Zuschauer mehr gesehen hat, geschweige denn dass ich in einem Krankenhaus vor einer überlasteten Intensivstation bangen muss. Auch muss ich kein kleines Kind betreuen, während ich diese Zeilen schreibe, noch hinterher mit einem Halbwüchsigen Mathe pauken, weil er das in der Schule nicht mehr tun kann.

Damit gehöre ich wohl zu der großen Gruppe von Menschen in Deutschland, die sich seit Beginn der Pandemie vor allem einer Sache widmen mussten: dem eigenen Quark, in dem man nun seit Monaten steckt. Die wachsende Lethargie ist vielleicht ein vergleichsweise luxuriöses, aber nicht zu unterschätzendes Problem. Denn wir, die Gelangweilten, sind es, die im Endeffekt die größte Bedrohung darstellen: Wir sind nicht mehr genervt vom Lockdown. Er wird uns zunehmend egal.

"Wir sind nicht mehr genervt vom Lockdown. Er wird uns zunehmend egal."

Während wir allerdings halbherzig das Corona-Krisenmanagement verfolgen, brennt es an anderer Stelle regelrecht: Am Mittwoch erst twitterte der Chef-Virologe der Charité in Berlin, Christian Drosten, über die Lage der Intensivstationen: "Dies ist ein Notruf." Dazu eine Grafik über die Belegung der Intensivbetten, deren Kurve deutlich steigt:

Die Brisanz der Lage sollte uns alle eigentlich in helle Aufregung versetzen. Tut sie allerdings nicht mehr. Gleichzeitig fällt es vielen Menschen nun umso schwerer, sich an die Maßnahmen zu halten, weil die Anspannung einfach nachgelassen hat. Offenbar gewöhnt man sich tatsächlich an alles, auch an die globale Pandemie.

Wir wollen uns an die Regeln halten – aber wir lassen uns gehen

Es ist nicht so, dass wir uns nicht an die Regeln halten wollen. Die meisten Menschen in meinem Umfeld, inklusive mir, befürworten schon länger härtere Maßnahmen: Lieber einen kurzen und harten Lockdown als das ständige Rumgeeier. Und gleichzeitig würde ich nicht mehr meine Hand ins Feuer dafür legen, dass wir uns alle noch akribisch an die Regeln halten und unsere Abende brav allein zu Hause verbringen werden, weil das Bedürfnis, etwas zu erleben, über das soziale Verantwortungsbewusstsein hinauswächst. Das ist vielleicht keine schöne Beobachtung, aber eine ehrliche.

"Der einzige Unterschied zur toxischen Partnerschaft ist vermutlich, dass viele von uns mittlerweile mehr Lockdowns als romantische Beziehungen erlebt haben."

Es fühlt sich einfach so an, als würden wir schon seit einem Jahr in einer giftigen On-Off-Beziehung mit dem Lockdown stecken: Wir haben es auf die harte und auf die sanfte Tour probiert, mit mehr und weniger Regeln, wir haben versucht, das Beste aus der Situation zu schöpfen und gleichzeitig viele Tränen vergossen. Geht es aber zu lange auf und ab, ist man emotional einfach ausgeleiert. Der einzige Unterschied zur toxischen Partnerschaft ist vermutlich, dass viele von uns mittlerweile mehr Lockdowns als romantische Beziehungen erlebt haben.

Die Reaktion ist eine ähnliche wie in einer schlechten Partnerschaft – man schaut sich zunehmend nach Alternativen um. Viele von uns haben momentan mehr soziale Kontakte als notwendig: Ein Freund von mir geht regelmäßig auf neue Tinder-Dates. Eine Freundin fliegt nun nach Griechenland in den Urlaub. Eine andere postet Bilder auf Instagram von einem viel zu großen Familientreffen – und ich bezweifle, dass die sich alle vorher auf Corona haben testen lassen, bevor sie sich gegenseitig in den Armen lagen.

Ja, die Pandemie schlaucht uns alle

Auch mir fällt es mittlerweile schwer, ständig auf soziale Distanz zu gehen. Ich versuche zwar, das Infektionsrisiko so gering wie möglich und meinen Freundeskreis überschaubar zu halten, regelmäßig auf das Virus zu testen und auf Reisen zu verzichten. Mir ist bewusst, dass Corona mich als junge und gesunde Frau nicht schwerwiegend erwischen wird, zumindest wahrscheinlich nicht. Ich frage mich deswegen, wie lange wir es noch schaffen werden, Maßnahmen für eine Bedrohung mitzumachen, die trotz allem so weit weg ist für uns. Nicht, weil ich so viel Sorge um unsere gute Laune habe. Sondern eher davor, dass wir sie anderen, die die Konsequenzen dieses Virus noch viel stärker abbekommen, endgültig verderben.

"Viele Menschen können sich nicht aussuchen, ob sie sich nun weiter an die Regeln halten, die uns so müßig erscheinen."

Denn für viele andere Menschen steht schließlich mehr auf dem Spiel als die Bedrohung, Netflix leerzuschauen oder auf den Sommerurlaub verzichten zu müssen: Sie haben möglicherweise keine Zeit, sich zu langweilen, weil sie Corona-Patienten beatmen müssen. Oder weil sie die Menschen da draußen ermahnen müssen, nicht in Gruppen herumzuhängen. Oder weil sie andere kleine Menschen zu Hause haben, die sie nicht, wie üblich, in Betreuung geben können, um nebenbei noch in Vollzeit zu arbeiten. Sie können sich nicht aussuchen, ob sie sich nun weiter an die Regeln halten, die uns so müßig erscheinen.

Wir wollen doch alle das Ende der Pandemie

Sollte der Lockdown nun tatsächlich noch einmal verschärft werden, wird er uns dennoch ein weiteres Mal mitziehen. Beziehungsweise wir müssen noch ein weiteres Mal mitziehen: Ja, es ist mühselig. Aber die Pandemie lässt sich nicht ignorieren. Ja, auch das hat man schon hundert Mal gehört. Aber wir müssen uns jetzt eben noch ein wenig zusammenreißen, um es nicht noch weitere hundert Male hören zu müssen. Und ja, es geht mal wieder um Solidarität zu anderen, die sich weniger gut schützen können als wir, die Gelangweilten. Aber schließlich wollen wir doch alle, dass diese Pandemie irgendwann ihr Ende findet.

Hoffnung gibt uns nun immerhin, dass heute der Tagesrekord an Impfungen geknackt worden ist: Erstmals wurden über 600.000 Menschen an einem Tag in Deutschland gegen Corona geimpft. Selbst mahnende Stimmen wie die von Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sprechen nun von der Aussicht, bereits im Juni allen Mitbürgern ein Impfangebot machen zu können. Wenn der nächste harte Lockdown schon keine großen Gefühle mehr in uns auslöst, so doch zumindest vielleicht die Perspektive, einen einigermaßen entspannten Sommer zu verbringen.

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