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Bild: Getty Images / watson Montage

Ich habe meinen Vater in die Psychiatrie einweisen lassen

jolina gruber*

Jolina Grubers Vater (Name von der Redaktion geändert) ist psychisch krank: Er hat eine bipolare Störung. Als er vor drei Jahren wieder eine heftige manische Phase hatte, hat Jolina ihn zwangseinweisen lassen. Sie schildert, wie sie die Zeit damals empfunden hat – und warum sie niemals an ihrer Entscheidung gezweifelt hat.

Das Telefon klingelte. Am anderen Ende der Leitung war ein Mitarbeiter der psychiatrischen Klinik, in der mein Vater sich zu diesem Zeitpunkt befand.

"Frau Gruber, Ihr Vater hält uns hier ganz schön auf Zack. Der betreibt hier Geldgeschäfte mit den anderen Patienten", hieß es. Anscheinend gab mein Vater sich auf seiner Station als Anwalt aus, der den Patienten zu ihren Rechten verhilft. Dafür ließ er sich bezahlen.

Dass mein Vater glaubte, jemand zu sein, der er nicht ist, war einer der Gründe, weswegen ich ihn habe einweisen lassen. Ein weiterer war sein unkontrollierter Umgang mit Geld. Und noch einer war, dass er aggressiv wird, wenn man versucht, seinen Umgang mit Geld zu kontrollieren.

Mein Vater ist psychisch krank: Er hat eine bipolare Störung

Die eben beschriebene Szene liegt nun schon drei Jahre zurück. Anrufe wie dieser kamen immer wieder mal, während mein Vater in der Klinik saß. Mal versuchte er, Mit-Patienten um Geld zu betrügen, mal wurde ihm was geklaut – irgendetwas war immer los.

Mein Vater hat eine bipolare Störung. Das bedeutet, dass er im Wechsel manische Phasen hat, in denen er besonders aufgekratzt ist, und depressive. Erst im Alter von 70 Jahren kam er deswegen in Behandlung, obwohl er die Krankheit schon lange in sich trug. Und in Behandlung kam er nur, weil ich mich dafür eingesetzt habe.

Obwohl mein Vater mich dafür hasste, dass ich ihn habe einweisen lassen, wusste ich, dass es die richtige Entscheidung war. Nur so konnte ich ihm noch helfen. Daran habe ich keinen Moment lang gezweifelt.

Als Kind wusste ich nur, dass mein Vater irgendwie anders war. Alle paar Jahre hatte er eine Phase, in der er kaum schlief. In der er behauptete, Diplomat zu sein und sich mit hochkarätigen Persönlichkeiten zu treffen. In der er Unmengen von Geld verprasste und gereizt reagierte, wenn man versuchte, ihn daran zu hindern.

Erst als junge Erwachsene habe ich allerdings verstanden, dass diese Verhaltensweisen Teil seiner Krankheit waren – und nicht seiner Persönlichkeit. Wenn mein Papa einen seiner manischen Schübe hatte, wurde er zu einem anderen Menschen.

Als mein Vater einen manischen Schub hatte, musste ich sein Konto sperren

Nach vielen Jahren kannte ich seine Krankheit schon gut. Meine Mutter war mittlerweile verstorben, mein Vater lebte allein ein Stockwerk tiefer. So konnte ich immer einen Blick auf ihn haben. Ich kannte die typischen Muster und Warnsignale und habe deswegen gleich verstanden, als es wieder losging.

Damals fing er wieder an, viel Geld auszugeben. Teilweise hob er 1000 Euro pro Tag von seinem Konto ab, das er meist für Glücksspiele oder unsinnige Abos verprasste. Einmal verschwanden sogar 3000 Euro auf einmal. Er versuchte, bei Mercedes Autos zu kaufen für seine imaginäre Firma – glücklicherweise hat das nicht geklappt.

Da ich eine Vollmacht über das Konto meines Vaters hatte, konnte ich vorübergehend seine Karte sperren lassen. Dass er in dieser Zeit finanziell von mir abhängig war, gefiel ihm gar nicht: Er wollte immer mehr und mehr Geld, stand manchmal schon um 6 Uhr morgens vor meinem Fenster und machte Radau, beschimpfte mich, trat nach mir und drohte, das Haus anzuzünden. Einmal rief er die Polizei, weil ich ihm nur 15 Euro täglich geben wollte zum Einkaufen. Den Polizisten musste ich dann erklären, was los ist mit meinem Vater – helfen konnten sie mir allerdings nicht.

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich konnte nicht mehr ruhig schlafen, konnte nicht ständig meinen Vater kontrollieren und beschwichtigen – ich hatte schließlich auch mein eigenes Leben, meine Arbeit, meinen Partner.

Schließlich rief ich den psychiatrischen Notdienst an

Eine Freundin gab mir dann den Tipp, den psychiatrischen Notdienst zu rufen. Ich schilderte am Telefon die Symptome meines Vaters. Wir vereinbarten schließlich einen Termin, zu dem eine Ärztin sowie eine Gutachterin bei uns zu Hause vorbeikommen würden, um die Lage besser einschätzen zu können.

Da mein Vater jegliche medizinische Hilfe verweigerte, musste ich mithilfe eines Tricks dafür sorgen, dass er auch tatsächlich zu Hause ist, wenn die Gutachter kommen. Ich lud ihn also zum Frühstück ein. Als die beiden Damen vor unserer Tür standen, reagierte er alles andere als freundlich: Er fragte, wer die Frauen seien, fing an, sie zu beschimpfen, drohte mit seinen vermeintlichen Kontakten zu Politikern.

Die Lage war also klar: Mein Vater war schwer krank. Nun konnten wir das Verfahren einleiten, um ihn einweisen zu lassen.

Wer glaubt, jemanden in die Psychiatrie zwangseinweisen zu lassen, sei einfach, hat sich gründlich getäuscht: Dafür braucht es mehrere medizinische und juristische Gutachten, um sicherzustellen, dass diese Maßnahme wirklich notwendig ist. So ein Verfahren ist natürlich auch notwendig, damit niemand zu unrecht auf eine geschlossene psychiatrische Station kommt.

Gleichzeitig war es für mich eine nervenaufreibende Zeit, weil ich immer wieder darauf achten musste, dass mein Vater anzutreffen ist, wenn ein Gutachter kommt – und weil ich gleichzeitig seinen Hass und seine Aggressionen aushalten musste.

Immer wieder warf er mir vor, was für eine schlechte Tochter ich sei, weil ich ihm kein Geld geben wollte oder mich nicht genügend um ihn kümmerte. Als wir beide beim Amtsgericht vorgeladen wurden, weil meinem Vater dort ein gesetzlicher Betreuer zur Verfügung gestellt werden sollte, durfte ich nicht mit in den Gerichtssaal. Mein Vater vertraute mir nicht mehr. Das tat natürlich auch weh, weil ich ihm nicht schaden, sondern helfen wollte.

Als sie meinen Vater in die psychiatrische Klinik brachten, musste ich weinen

An dem Tag, als mein Vater schließlich abgeholt wurde, lud ich ihn wieder einmal zum Frühstück ein. Eine Freundin und mein damaliger Partner waren ebenfalls dabei, um mich zu unterstützen. Als der neue Betreuer meines Vater sowie zwei Männer vom Ordnungsamt vor der Tür standen, wehrte sich mein Vater nicht: Begleitet von meinem Freund ging er mit den Männern mit und stieg in das Auto, das ihn in die Klinik brachte. Mich wollte er nicht dabei haben.

Als mein Vater schließlich weg war, musste ich weinen. Schließlich fühlte es sich doch so an, als würde ich ihn wegsperren. Aber andererseits wusste ich: Ich konnte meinem Vater nicht die Hilfe bieten, die er so dringend benötigte.

Später, als ich ihn besuchte, ihm seine Sachen vorbei brachte und mit ihm reden wollte, war er immer noch wütend auf mich. Einmal, als wir allein in seinem Krankenzimmer waren, versuchte er, nach mir zu treten. Daraufhin war ich beleidigt und besuchte ihn einige Wochen lang nicht. Schließlich wollte ich ihm doch nur helfen – irgendwann kann man da einfach nicht mehr.

Insgesamt verbrachte mein Vater zwei Monate in der psychiatrischen Klinik. Weitere zwei Monate war er in einer Tagesklinik, in der Zeit durfte er wieder zu Hause wohnen. Als er in seine Wohnung zurückzog, mussten wir uns wieder einander annähern – das hat nach allem, was geschehen ist, ein wenig gedauert.

Man darf die psychische Krankheit nicht mit dem Menschen verwechseln

Nun, drei Jahre später, geht es meinem Vater wieder besser. Er nimmt Medikamente, die ihm helfen, seine Krankheit in Schach zu halten. Er hat eine Haushaltshilfe und seinen Betreuer, den er mittlerweile akzeptiert und mag. Und: Wir haben wieder ein gutes Verhältnis miteinander. Vor anderen Menschen schwärmt er immer davon, was für eine großartige Tochter er hat.

Natürlich gibt es mal bessere und mal schlechtere Tage. Auch glaube ich, dass mein Vater bis heute nicht ganz versteht, warum er in der Klinik war – er glaubt, er hätte einen Burnout gehabt. Das wichtigste ist allerdings: Mein Vater kann seinen Alltag bewältigen – und wir sind wieder eine Familie.

Ich glaube, das Wichtigste ist, wenn man mit Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen in Kontakt ist: Man darf die Krankheit nicht mit der Person dahinter verwechseln. Die Zeit, in der mein Vater unter seinen manischen Schüben litt, war alles andere als angenehm. Aber ich wusste – egal, was mein Vater in dieser Zeit tat oder mir androhte: Das war die bipolare Störung, die sprach. Nicht er.

Traurig macht mich vor allem, dass mein Vater so lange darauf warten musste, um medizinische Hilfe zu bekommen. Von seinen Freunden und Familienmitgliedern weiß ich, wie viele Menschen sich im Laufe seines Lebens von ihm abgewandt haben, weil er so schwierig war. Dass sein Verhalten mit einer Krankheit zu tun haben könnte – darauf kam erst ich als seine Tochter.

Helft euren Angehörigen: Ihr müsst das nicht allein tun

Obwohl wir heutzutage allgemein mehr über psychische Krankheit sprechen, erkennen wir oftmals nicht, wenn wir es mit einer zu tun haben. Und natürlich ist es schwierig, wenn einen jemand, den man liebt, mit seinem Verhalten verletzt.

Wenn man allerdings sieht, dass das Familienmitglied oder der Freund oder Kollege immer wieder auffällt, sich immer wieder eigenartig verhält, es ihm einfach nicht gut geht: Dann sollte man sich bewusst machen, wahrscheinlich leidet die betroffene Person viel mehr unter der eigenen Situation als wir als Angehörige. Und weil wir die Situation oftmals allein nicht bewältigen können, sollten wir nicht davor zurückscheuen, um Hilfe zu bitten. Bevor der oder die Betroffene anderen oder sich selbst ernsthaften Schaden zufügen kann.

Deswegen mein Aufruf: Bitte versucht, mit der Person zu reden, wenn ihr merkt, es geht ihr nicht gut. Holt euch Hilfe, wenn nötig – denn ihr könnt und müsst das nicht allein schaffen. Sprecht mit jemanden darüber, was ihr beobachtet, denn manchmal kann es die Person, um die es geht, selbst nicht. Ihr schadet der oder dem Betroffenen auch nicht und könnt ihn oder sie auch nicht einfach so wegsperren.

Um Hilfe zu bitten ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Stärke. Und die könnt ihr einsetzen, um denen zu helfen, die ihr liebt.

Jemand, den du kennst, ist psychisch krank – und du suchst Hilfe?

Für Angehörige psychisch kranker Menschen gibt es das SeeleFon. Auch, wenn du selbst unter einer Erkrankung leidest und mal nicht weiter weißt, kannst du dich bei ihnen melden.

Du erreichst das SeeleFon unter den Rufnummer 0228 71 00 24 24 in der Zeit von:
Montag bis Donnerstag: 10 bis 12 Uhr und 14 bis 20 Uhr
Freitag: 10 bis 12 Uhr und 14 bis 18 Uhr

Oder per Mail: seelefon@psychiatrie.de

Protokoll: Agatha Kremplewski

"Ich lag zwei Wochen im Koma" - Sportlerin nach Organspende

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