Leben

Mit diesen 15 Lektüretipps hat dein Sommer tausende von guten Seiten!

Das Beste am Sommer? Wir haben Ferien. Wir wollen im Schwimmbad liegen oder in einem kühlen Zimmer sitzen und allem entfliehen, was uns sonst so an die Erde bindet. Bücher sind der Schlüssel dazu.

Simone Meier, Philipp Löpfe / watson.ch

Böse wie GoT und "Black Mirror": Sibylle Berg, "GRM"

Gut, es gibt dazu eigentlich nichts mehr zu sagen, so vieles wurde über "GRM", die große Post-Brexit-Dystopie, schon verbreitet. Queen Sibylle hat ein Werk geschaffen, in dem es fast keinen positiven Satz und keinerlei Optimismus gibt, das man aber trotzdem voller Wärme und Zuneigung zu ihren blutjungen Figuren auf ihrem Abenteuer durch eine komplett kaputte Geisterwelt liest. Und zwar so atemlos wie man vor 150 Jahren den Kinderhelden von Charles Dickens durch ein ebenso düsteres, armes, irres England folgte.

Kann gut sein, dass "GRM" der neue "Oliver Twist" ist. Wer befürchtet, ob der Lektüre zu sehr runtergezogen zu werden, kann den Roman auch als Satire lesen, auch das geht, denn "GRM" ist sehr oft irre lustig. Zum Glück für alle ist das Ding mit der Optik eines klassischen Wutwurfobjekts so dick. (sme)

Jung und sexy: Sally Rooney, "Gespräche mit Freunden"

Wer mit Sally Rooneys fettem Megaseller "Normal People" – eine Art Romeo&Julia-Geschichte aus dem heutigen London – begonnen hat, wird von ihrem Erstling "Conversations with Friends" noch mehr begeistert sein, denn dieser ist noch besser.

Zwei literarisch begabte Studentinnen lernen eine etwas ältere Künstlerin und ihren Schauspieler-Boyfriend kennen. Herzen werden vergeben und gebrochen, aus Lust wird Liebe und viel, viel Sehnsucht, das ist sexy, zehrend und unterhaltsam. Rooney schrieb den Roman Anfang zwanzig, entsprechend jung und authentisch ist ihre flirrende Liebesgeschichte, die sich zuweilen liest, als müsste man einen Sommertag lang durchweinen. (sme)

Die Nymphe und das Meer: Corinna T. Sievers, "Nach der Flut"

Eine nymphomane Dentistin arbeitet auf einer Nordseeinsel. Das Problem: Die Insel wird von einem Eisberg bedroht. Alles bäumt sich gegen die bevorstehende Endzeit auf. Natürlich auch die Triebe. Und dann ist da noch der Gatte, mit dem sie keinen Sex mehr hat, der aber eine Art Mind Control über sie ausübt.

Vögeln gegen die Vergänglichkeit und alles in einem biblisch anmutenden Setting: Ungewöhnlich wäre eine Untertreibung für dieses außergewöhnliche Buch, das übrigens an den Gestaden des Zürichsees entstanden ist. (sme)

Monster Mensch: Anselm Neft, "Die bessere Geschichte"

Ein Junge kommt in den 90er-Jahren in ein alternatives Internat – nicht an der Nord-, sondern an der Ostsee –, wo alles etwas spezieller ist als anderswo, besonders die innige Beziehung zwischen den Betreuerinnen und Betreuern und ihren Zöglingen. Neugierig und geschmeichelt lässt er sich auf die sehr bald sexuellen Experimente ein – und allmählich kippt die Heiterkeit und Unschuld der Geschichte (die atmosphärisch oft ein wenig an "Tschick" erinnert ) ins Monströse.

Wir treffen die Jugendlichen von damals 17 Jahre später wieder – und ein neues Grauen nimmt seinen Lauf. Fesselnd, bedrückend, erhellend – inspiriert durch die wahren Geschichten um Insitutionen wie der berüchtigten Odenwaldschule. (sme)

Besser als jeder Krimi: John Carreyrou, "Bad Blood"

Wenn ein honorabler Stanford-Professor wie Channing Robertson der Mentor ist. Wenn ein Politiker von Weltformat wie Henry Kissinger im Verwaltungsrat sitzt, und wenn ein Milliardär und Medientycoon wie Robert Murdoch 100 Millionen Dollar ins Start-up einschießt – dann kann eigentlich nichts schief gehen.

Bei Theranos ging alles schief, und wie. Elizabeth Holmes hat mit ihrer Pseudo-Blutprobe das halbe Silicon Valley vorgeführt. Wie das der jungen Frau gelang, schildert John Carreyrou, ein investigativer Journalist beim "Wall Street Journal", auf gleichzeitig informative wie auch unterhaltsame Art. Theranos ist inzwischen pleite und auf Holmes dürfte eine längere Gefängnisstrafe warten; das iPhone für Bluttests wird wohl eine Phantasmagorie bleiben. Für eine spannende Lektüre am Strand oder in den Bergen ist jedoch auf jeden Fall gesorgt. (pl)

Naomi Alderman, "Die Gabe"

Barack Obama nennt den SciFi-Roman "The Power", so der Originaltitel, eins seiner Lieblingsbücher. Krass! Frauen entdecken hier nämlich ihre Power. Und zwar wortwörtlich. Plötzlich sind sie fähig, durch ihre Hände Stromstösse auszusenden. Und zu töten.

Zuerst ist dies noch eine geheime, verbotene Gabe, doch immer mehr finden sich, Präsidenten werden von ihren Gattinnen und Väter von ihren Töchtern ins Jenseits spediert, die matriarchale Weltrevolution nimmt ihren Lauf. Das Ergebnis ist allerdings nicht wirklich besser als vorher, bloß anders, denn man kriegt eine gewisse Freude an der Gewalt einfach nicht aus den Menschen. Margaret Atwood ("Handmaid's Tale") amtete als Schreibgotte von Alderman, die Seelenverwandtschaft ist unverkennbar, allerdings ist Alderman weit trashiger und lustiger als Atwood. (sme)

Düstere Girls: Megan Abbott, "Give Me Your Hand"

Viiiel zu wenig wird von Megan Abbott übersetzt, dabei ist sie in den USA längst die Queen und arbeitet auch als Drehbuchautorin, etwa für die großartige Serie "The Deuce". Als Schreiberin bedient sie zwei Genres, einerseits den Hardboiled-Krimi, den sie auch ganz klassisch in den 50ern verortet. Andererseits betörende Thriller von heute, in deren Zentrum meist zwei Mädchen oder junge Frauen stehen, die um ein düsteres Geheimnis wissen ("The Fever", "Dare Me", "The End of Everything").

In "Give Me Your Hand" (nur Englisch) sind das Kit und Diane, die sich Jahre nach einer obsessiven Teenie-Freundschaft in einem Pharma-Forschungsprojekt wiederfinden. Und wie das so ist in einem Labor, wo es Konkurrenzkämpfe, allerlei Werkzeuge und Wirkstoffe gibt, entwickeln sich die fürchterlichsten, blutigsten Dinge. (sme)

Traue niemandem: Anke Stelling, "Schäfchen im Trockenen"

Im März gewann sie den Preis der Leipziger Buchmesse, und wer jetzt fürchtet, dass deutschsprachige Buchpreise vor allem das Sperrig-Spröde auszeichnen würde, liegt total falsch. Ich habe noch nie so lustige Eltern-Kind-Dialoge gelesen und selten eine so ultraätzende Demontage des kreativen (Berliner) Prekariats wie bei Stelling.

Eine mit etlichen Kindern, aber keinen Mitteln gesegnete Schriftstellerin (wie Stelling) wird aus ihrer Wohnung geschmissen. Und zwar von einem guten Freund. Der selbst mit andern guten Freunden in einem suprigen, schicken neuen Mehrfamilien-Cluster-Gentrifizierungs-Projekt wohnt. Die Zerfleischung eines Freundeskreises nimmt ihren Lauf. Keinem ist zu trauen, am wenigsten der Schriftstellerin. (sme)

Besser als jede Analyse: Rick Reilly, "Commander in Cheat"

An Trump hat sich inzwischen alles abgearbeitet, was in den USA Rang und Namen hat. Ob tiefgründige Polit-Analyse oder süffigen Klatsch aus dem Weißen Haus, für jeden Geschmack ist etwas da. Das vielleicht tödlichste Buch über Donald Trump hat jedoch weder Starjournalist Bob Woodward noch Star-Klatschonkel Michael Wolff verfasst.

Die Ehre gebührt Rick Reilly. Er ist einer der bekanntesten Sportjournalisten der Vereinigten Staaten. Mit Politik hat er jedoch bisher nichts am Hut. Trotzdem ist es Reilly, der in "Commander in Cheat" (nur Englisch) den miesen Charakter wohl am trefflichsten herausgearbeitet hat. Er tut dies, indem er Trumps Verhalten beim Golfen schildert. Das funktioniert prächtig. Beim Golfspielen gibt es keinen Schiedsrichter. Deshalb ist Betrügen bei diesem Sport für Gentlemen eine Todsünde. Spoiler Alert: Trump ist kein Gentleman. (pl)

Wiener Wärme: Doris Knecht, "Weg"

Ein sehr zärtliches Buch der Wiener Schriftstellerin und Superkolumnistin. Über Menschen, die die Stadt verlassen und versuchen, auf dem Land eine Beiz zu führen. Über ein Kind, das gefährdet ist und nach Asien verschwindet. Über seine getrennten Eltern, die zusammen nach ihm suchen.

Ein Familienroman von heute, mal mit Knechts brillant bissigen Gesellschaftsbeobachtungen gewürzt, mal von einer zerbrechlichen Wärme und Vetrautheit, wie sie zwischen Menschen, die sich schon lange kennen, ein Leben lang halten wird, egal, welche Scheisse man sich unterwegs einmal zugefügt haben mag. Am Ende von "Weg" fühlt man sich aufgehoben in einer allgemeinen Versöhnlichkeit, aus der man nie mehr weg will. (sme)

Ruth Schweikert "Tage wie Hunde"

Als die Zürcherin Ruth Schweikert ihre dramatische Brustkrebsdiagnose erhält, beschließt sie, um ihr Leben zu schreiben. Jeder Attacke der Krankheit stellt sie sich mit der ganzen Kraft dessen entgegen, was sie beherrscht, der Literatur. Zeichnet auf, analysiert, wütet und weisß nie, ob das Buch mit dem Titel "Tage wie Hunde", das da entsteht, nicht ihr letztes sein wird. Ihr Vermächtnis.

Sie überwindet den Krebs. Vielleicht nicht zuletzt dank ihres Buches. Und wir sind mit ihr dabei. Unbedingt dank ihres Buches. Das ebenso erschütternd wie ermutigend ist. Und verdammt gute, dem Leben an seiner äussersten Kante abgerungene Literatur. Dass "Tage wie Hunde" 2019 den Schweizer Literaturpreis gewinnt, dürfte keine allzu gewagte Prognose sein. Was für ein kühnes, großes Buch. (sme)

Kevin Kwan "Crazy Rich Asians"

Das Buch zum Film! Nein, das Buch, aus dem der gleichnamige Film wurde. Der ganze Irrsinn der Superreichen von Singapur, wo jedes Kind eine Dienerin hat und eine davon nur damit beschäftigt ist, ein iPad so zu halten, dass das Kind beim Essen im Restaurant bequem seinen Film schauen kann.

Angeblich soll Kwan mit seinen Schilderungen noch untertrieben haben, um seine amerikanische Leserschaft nicht allzu sehr zu schockieren. Und natürlich kommt auch die Liebe nicht zu kurz – zwischen einer jungen Frau, die nicht im geringsten ahnt, wie reich der Mann ihrer Träume wirklich ist. Zum Strandbuch prädestiniert. (sme)

Martin R. Dean "Warum wir zusammen sind"

Ein Buch wie ein melancholischer Walzer: Ein paar Menschen treffen sich in ihren Zwanzigern, Paare bilden sich, man wird miteinander, nebeneinander, gegeneinander älter – doch alle werden nicht souveräner, nein, das Unglück scheint zuzunehmen. Eine will sich umbringen, eine stirbt, einer betrügt seine Frau mit einer Frau, mit der auch sein Sohn ...

Der Basler Martin R. Dean hat einen Roman im Stil von Schnitzler über die lebenslange Liebesbedürftigkeit und Triebhaftigkeit der Menschen geschrieben. Mühelos durchstreift er dabei mehrere Paare und Jahrzehnte, doch obwohl nicht gerade wenig geschieht, folgt man den diversen Strängen ganz tänzerisch leicht und will viel, viel mehr davon. (sme)

Rachel Cusk "Outline" – "In Transit" – "Kudos"

Es wird enorm viel gebadet in Rachel Cusks Trilogie – außer in "In Transit", da wird eine Wohnung renoviert. Ich habe mal versucht, ein Bild für das Leserlebnis der Lady aus Brighton zu finden: Ihre Romane sind zugleich cool und warm und so außerordentlich elegant als würde einen Ingrid Bergmann mit einem weißen Satinhandschuh über die Wange streichen.

Darum geht's: Die Schriftstellerin Faye unterrichtet in Griechenland, lernt komische Griechen kennen, erzählt uns ihre Geschichten, hat viel Sonnenbrand ("Outline"). Nach ihrer Scheidung kauft sich Faye ein halbes Reihenhaus in London, lässt es renovieren, ist viel auf der Baustelle, erzählt uns die Geschichten der Bauarbeiter und unzähliger kurioser Menschen mehr ("In Transit"). Faye ist auf Lesereise, lernt eitle Autoren und komplett unfähige Journalisten kennen, die ihr alle ihr Leben erzählen ("Kudos"). Sie selbst ist sowas wie die beste Zuhörerin, die's gibt. Oder eine Spionin in den Leben der anderen. Oder ein Parasit. Die Kritik nennt Faye einen "weiblichen Odysseus des 21. Jahrhundert". Stimmt auch. (sme)

Besser als jede Talkrunde: Joschka Fischer, "Der Abstieg des Westens"

Zerbricht der Euro? Fällt die EU auseinander? Gerät Europa zwischen den Hammer USA und den Amboss China? Diese Fragen werden in den verschiedensten Polit-Talkrunden zwischen 22 Uhr und Mitternacht an TV-Talkrunden jeder Art durchdekliniert. Mehr als ein brummender Kopf bleibt der geneigten Zuschauerin in der Regel jedoch nicht.

Daher: TV aus, Buch aufgeschlagen! Joschka Fischer beantwortet diese Fragen in einem Buch von angenehmer Länge und verständlicher Sprache kompetent. Der ehemalige 68-er-Rebell und rotzige deutsche Aussenminister war stets ein blendender Rhetoriker. In "Abstieg des Westens" beweist er, dass er nichts davon verlernt hat. (pl)

Jodel bittet um neue Politikerberufe

Friseurnamen vorgelesen bekommen und dabei nicht lachen

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