Leben
Raffaella Brustkrebs

Raffaella ist noch mitten in der Therapie. Momentan trägt sie am liebsten Perücken. Bild: instagram/boho_ella

watson-Story

"Du bist doch so jung": Wie eine 27-Jährige an Brustkrebs erkrankte – aber die Hoffnung nicht verliert

Raffaella c.

Raffaella ist noch keine dreißig Jahre alt. Sie singt gerne, ist Vegetarierin und Single. Alles ganz normal so weit. Doch Raffaella hat auch Brustkrebs und das machte ihr Leben schlagartig ganz anders, als das ihrer Bekannten, die über Babywünsche und Weltreisen grübeln. "'Aber du bist doch noch so jung!', höre ich oft", sagt sie. "Die meisten Menschen denken, Brustkrebs kriegen nur Frauen ab 40 Jahren."

Auch hätte die inzwischen 28-jährige Hessin vorher im Leben nicht damit gerechnet, dass ausgerechnet sie einen bösartigen Tumor entwickeln würde, der Operationen und eine Chemo-Therapie nach sich zieht. Doch sie erlebte in diesem Jahr genau das und musste sich plötzlich ganz elementaren Fragen stellen, für die sie eigentlich noch Jahre hätte Zeit haben sollen. Wie sich das anfühlt, erzählt sie bei watson.

"'Bitte schauen Sie bei uns vorbei, damit wir die Ergebnisse besprechen können.' Als ich das hörte, hab ich mir schon gedacht, was jetzt kommt."

Mitten in der Corona-Zeit habe ich zum ersten Mal den Knoten bemerkt, der seitdem mein Leben auf den Kopf gestellt hat. Ich lag gerade in der Badewanne und bemerkte an meinem Dekolletee einen Hubbel. Ab und an taste ich mich mal ab, aber dieses Mal fühlte es sich eindeutig komisch an. Da war ein Knoten Gewebe, mit fühlbaren Strängen, wehgetan hat es aber nicht. Es war mitten im Lockdown und ich hatte gerade mit einer Bronchitis zu kämpfen, deshalb konnte ich nicht direkt zum Arzt. Meinen Schwestern erzählte ich am Telefon zwar von meiner Entdeckung, aber die sagten: "Es wird sicher nichts sein. Lass das einfach abchecken, sobald es wieder möglich ist." Und so habe ich es ja auch empfunden. Wird schon nichts Schlimmes sein.

Ich bin Nichtraucherin, mache Sport, ernähre mich vegetarisch. In meiner Familie haben wir keine genetische Vorbelastung. Warum hätte es mich also treffen sollen?

Zwei Wochen später ging ich zur Frauenärztin. Die überwies mich direkt an eine Klinik, weil es wohl keine simple Zyste sei, sagte aber ebenfalls: "Sie sind ja noch so jung. Lassen Sie uns einfach sicher gehen." Auch der Chefarzt in der Klinik glaubte nicht, dass es etwas Bösartiges wäre, aber sie machten eine Biopsie und schickten die Probe ins Labor. Drei Tage später klingelte mein Telefon.

"Bitte schauen Sie bei uns vorbei, damit wir die Ergebnisse besprechen können." Als ich das hörte, hab ich mir schon gedacht, was jetzt kommt. Nachdem die Diagnose Brustkrebs im Büro des Arztes ausgesprochen war, konnte ich gar nicht mehr zuhören, was er weiter erzählte. Da war so viel Angst und Hilflosigkeit, ein wildes Gedankenkarussell. Ich dachte: War's das jetzt für mich?

Ein Haufen weiterer Untersuchungen wurde gemacht. In der Zwischenzeit erzählte ich meinen Schwestern und meiner besten Freundin davon, lenkte mich mit Musik und meiner Arbeit ab. Es war für mich gut, nicht alleine zu Hause zu sitzen und zu grübeln, denn natürlich hatte ich in dieser Wartezeit immer wieder Sorge, dass der Tumor streuen könnte oder anwuchs, tastete ihn immer wieder ab, um zu schauen, ob er sich veränderte. Deshalb konnte ich die Operation zwei Wochen später gar nicht erwarten. Sie entfernten den bösartigen Tumor komplett und es sah nicht so aus, als ob er gestreut hätte. Trotzdem riet man mir im Anschluss zu einer Chemotherapie, um sicherzugehen, gerade weil ich ja noch so jung bin.

Andere in meinem Alter gehen feiern, ich saß in der Chemo

Insgesamt 24 Wochen lang muss man durch die Chemotherapie – vorausgesetzt, die Blutwerte machen mit. Vor mir liegen jetzt noch fünf Wochen. Der schlimmste Teil ist also geschafft. Gerade zu Beginn war es wirklich heftig: Die Medikamenten-Kombi, die man bekommt, wirkte auf mich wie ein mehrtägiger Dauerkater. Mir war schlecht, mir fehlte jede Energie und auch der Appetit. An schlimmen Tagen übernachtete ich bei meinen Schwestern und Freundinnen, die mich bekochten und aufmunterten. Es ist sehr wichtig, in dieser Zeit nicht alleine gelassen zu werden.

"Sie rasieren drauflos, nicht ohne mir zuerst noch einen Vokuhila zu verpassen. Ich habe Tränen gelacht, als ich mich so im Spiegel sah. Es tat gut, auch mal lachen zu können inmitten dieser Krankheit, die so völlig unlustig ist."

Auch als mir die Haare ausfielen, waren meine Geschwister zur Stelle. Ich wusste ja, dass es so kommen wird und hatte mir im Vorfeld schon eine Kurzhaarfrisur geschnitten, um den Schock ein wenig abzufedern. Als die Haare dann trotzdem einfach vom Kopf rieselten, rief ich meine Schwestern an. Sie kamen vorbei und rasieren drauflos, nicht ohne mir zuerst noch einen Vokuhila zu verpassen. Ich habe Tränen gelacht, als ich mich so im Spiegel sah. Es tat gut, auch mal lachen zu können inmitten dieser Krankheit, die so völlig unlustig ist.

Heute trage ich Perücken, was cool ist, weil ich mich damit ein wenig ausprobieren kann. Ich nutze aber auch Tücher und Mützen, um die Glatze zu bedecken. Wenn ich mit Leuten über meine Krankheit ins Gespräch komme, ist die Reaktion immer ähnlich: "Aber du bist doch so jung!" fällt sehr häufig. Für die meisten ist Brustkrebs eine Erkrankung, die vor allem Frauen ab 40 Jahren betrifft. Nun bin ich leider der lebende Beweis, dass es auch schon viel eher passieren kann.

"Ich musste innerhalb weniger Tage entscheiden, ob ich einen halben Eierstock einfrieren lassen will, um irgendwann – und das auch nur mit 40-prozentiger Wahrscheinlichkeit – Kinder bekommen zu können."

Erste Gentests haben auch keine Vorbelastung gezeigt, man muss es einfach so sagen: Manchmal hat man eben Pech. Die Frage, warum es gerade mich trifft, habe ich mir am Anfang oft gestellt, es dann aber schnell abgelegt. Es nützt nichts, sich darüber zu ärgern. Ich bin eher froh, dass ich den Tumor so früh bemerkte und konzentriere mich jetzt darauf, gesund zu werden.

Will ich Kinder? Kann ich meinen Busen behalten?

Mein Alter wirft noch ganz andere Fragen auf: So führt eine Chemotherapie zum Beispiel oft zu Unfruchtbarkeit. Ich musste also innerhalb weniger Tage entscheiden, ob ich einen halben Eierstock einfrieren lassen will, um irgendwann – und das auch nur mit 40-prozentiger Wahrscheinlichkeit – Kinder bekommen zu können. Ich bin Single und habe mir davor nie wirklich Gedanken dazu gemacht, aber plötzlich war diese Kinderfrage ganz akut und musste sofort beantwortet werden, das war sehr schwierig. Am Ende habe ich mich für die Aufbewahrung eines Eierstocks entschieden, man weiß ja nie, was man sich in ein paar Jahren wünscht.

Auch eine Mastektomie ist noch im Gespräch, darüber will ich mich beraten lassen. Ich könnte mir das vorstellen, würde mir den Busen aber danach rekonstruieren lassen. Ein bisschen was liegt also noch vor mir: Nach der Chemo folgt noch eine Strahlentherapie und danach eine fünfjährige Anti-Hormontherapie, die mich erstmal in eine Menopause versetzt.

Die Themen, mit denen ich mich gerade auseinandersetzen muss, sind daher weit entfernt von denen der meisten in meinem Umfeld. Die sprechen über Babys oder wohin die nächste Reise geht, das ist manchmal komisch. Aber es unterscheidet sich schon stark: Ich bemerke, dass einige Menschen mit dem Thema Krebs nichts zu tun haben wollen, gar nicht darüber sprechen können, andere hören mir gerne zu und sind sehr für mich da. Das ist mir unheimlich viel wert.

Die Erkenntnis: Ich mag mein Leben genauso wie es ist

Krebs, besonders in so jungen Jahren, wirft natürlich neue Fragen auf: Selbst wenn ich das durchgestanden habe, wie sieht es mit meiner Lebenserwartung aus? Die Leute fragen mich oft, was ich jetzt ändern will. Aber muss ich das? Vieles war genauso gut, wie es war. Ich bin zufrieden mit meinem Job und glücklich mit den Menschen, die ich um mich habe, das muss ich nicht umschmeißen. Das Einzige, was ich mir vorgenommen habe, ist, die kleinen Dinge mehr zu schätzen und erfüllbare Wünsche direkt umzusetzen, nichts mehr aufschieben: Ein Städtetrip am Wochenende, ein großes Essen genießen, wenn einem danach ist, solche Dinge.

Ich möchte Leuten Mut machen, die wie ich an Krebs erkrankten: Es gibt gute und schlechte Tage und das ist okay so. Man sollte nur versuchen, immer einmal mehr aufzustehen als hinzufallen. Manche sagen, das verharmlose die Krankheit, aber jeder Patient hat eben seinen eigenen Weg, um Krebs entgegenzutreten und für mich war es richtig, das Grübeln abzulegen und stattdessen zu kämpfen – gerade, weil so viel auf dem Spiel steht.

Protokoll: Julia Dombrowsky

Brust abtasten: So geht die Selbstuntersuchung

Video: watson/Agatha Kremplewski

Brustkrebsmonat

Der Oktober steht im Zeichen der Brustkrebsvorsorge. Seit 1985 wird jährlich im Herbst der Brustkrebsmonat ausgerufen, um über Möglichkeiten der Vorsorge sowie Früherkennung aufzuklären. Aber auch, um neue Diagnosemöglichkeiten zu präsentieren und Solidarität mit Betroffenen zu zeigen. Die rosa Schleifen, die sich viele Menschen in der Zeit an die Jacke heften, um an Brustkrebs zu erinnern, hast du sicherlich schon einmal gesehen.


Texte zum Thema Brustkrebs auf watson:

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- "Krebs macht einsam" – wie Ronja mit 27 Brustkrebs überlebte
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