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Weihnachten kann ganz schön stressig werden. Auch für die Beziehung. Bild: Getty Images

Von wegen das Fest der Liebe: So übersteht eure Beziehung Weihnachten

Wenn's draußen kalt ist, drinnen die Weihnachtsplätzchen mit dem Glühwein um die Wette duften und die schwer beschmückten Christbaum-Zweige sich träge zu den Geschenken neigen, streitet es sich ganz besonders besinnlich mit dem Partner.

Nach jahrelanger Erfahrung wissen wir, dass Feiertage uns nicht unbedingt mit Feierlaune bescheren und die Liebesbeziehung nicht vor Streit sicher ist. Das haben uns Mutti und Vati früher schon beim Weihnachtsessen vorgemacht.

Mit manchen Traditionen brechen wir allzu gern. Deswegen hat watson gefragt: Warum kommt es gerade während der Weihnachtszeit besonders häufig zu Stress in der Beziehung? Und wie können wir vermeiden, dass es mit dem Partner knallt? Paartherapeutin Birgit Neumann-Bieneck und Liebeskummer-Expertin sowie Bestseller-Autorin Elena Sohn antworten.

Weihnachten überstehen

Wir lieben Weihnachten – sind zu der Zeit oft aber besonders gestresst. Konflikte und schwer zu bewältigende Situationen bleiben da nicht aus. Deswegen hat watson die Serie "Weihnachten überstehen" gestartet: Jeden Adventssonntag bis Heiligabend teilen Experten Tipps und Menschen berichten inspirierende Geschichten aus ihren Leben.

Am 2. Advent erwartet euch der zweite Teil: Weihnachten feiern in Armut.

Warum belastet Weihnachten die Beziehung?

Weihnachtszeit ist auch Trennungszeit. Das zumindest legt das Paarberatungs-Team von beraterteam.info nahe: Der jährliche Trennungs-Höhepunkt ist etwa zwei Wochen vor Weihnachten.

Dass zur Weihnachtszeit viele Beziehungen in die Brüche gehen, bestätigt auch Elena Sohn. Sie hat eine Agentur zur Beratung speziell bei Liebeskummer gegründet, Die Liebeskümmerer. In der Weihnachtszeit wenden sich mehr Menschen mit gebrochenem Herzen an sie und ihr Team als sonst:

"Schließlich gilt Weihnachten als das Fest der Liebe, mehr noch als Valentinstag", sagt sie gegenüber watson. Wenn dann eine Beziehung scheitert, empfinden das viele als besonders schwierig, erklärt die Beraterin.

“Niemand möchte an Weihnachten allein dasitzen.”

Elena Sohn von Die Liebeskümmerer

Neben Trennungen beobachtet Neumann-Bieneck auch einen Anstieg der Konflikte während der Weihnachtszeit. Die Therapeutin erklärt sich das damit, dass wir zum Jahresende hin besonders belastet sind, auch beruflich:

"Der Dezember ist, egal in welcher Branche, stressig. Viele Menschen machen Überstunden, sind erschöpft vom vergangenen Jahr – das hat natürlich einen Einfluss auf die Beziehung."

Menschen, die finanziell belastet sind und von sozialen Leistungen wie Hartz IV leben, könnten besonders unter Druck stehen.

Auch führt Neumann-Bieneck die Jahreszeit selbst als Faktor auf, der sich negativ auf die Beziehung auswirken kann: "Im Sommer haben wir meist mehr Möglichkeiten, Ärger zu kompensieren: Zum Beispiel können wir uns ablenken, indem wir rausgehen, an den See fahren, etwas unternehmen." Im Winter ginge das schwieriger, allein wegen der Kälte.

Zudem bringt es die weihnachtliche Stimmung mit sich, dass wir uns sehr auf selbst beziehen. Neben beruflichem Stress und der Besinnung auf das fast vergangene Jahr haben wir individuelle Vorstellungen davon, wie die Feiertage gestaltet sein sollten. Und wenn die aufeinanderprallen, birgt das Streit-Potenzial.

"Jeder von uns hat eine andere Erwartungshaltung, wie die Feiertage aussehen sollten. Das erzeugt einen Druck, den wir nicht unterschätzen sollten."

Paartherapeutin Birgit Neumann-Bieneck

Sohn betont allerdings, dass wir den Druck nicht immer negativ betrachten sollten. Oder erst gar nicht so ernst nehmen:

“Die Spannung, die wir während der Weihnachtszeit fühlen, ist nicht per se schlecht. Ich würde das nicht als Druck bezeichnen. Schließlich bedeutet es auch, dass uns dieses Fest besonders wichtig ist."

Mein Partner will nicht mit mir Weihnachten feiern

Was aber, wenn das Fest nur einem der beiden Partner wichtig ist – und dem anderen so überhaupt nicht? Auch Neumann-Bieneck weiß:

"Wie wir das Weihnachtsfest gestalten, kann zum heiklen Thema in der Beziehung werden – besonders, wenn die Partner ganz anders ticken."

Um Konflikte zu vermeiden, sollten wir uns laut der Expertin die Frage stellen: Was kann ich für mich tun, um meine Feiertage schön zu gestalten? Sohn rät zusätzlich, das offene Gespräch mit dem Partner zu suchen. Und zwar frühzeitig, "nicht erst ein paar Tage vor Heiligabend".

Sollte sich kein Kompromiss finden, wie die Partner gemeinsam die Feiertage verbringen können, müssen wir akzeptieren: Jeder gestaltet das Weihnachtsfest anders für sich. Das geht auch, ohne dass wir wütend auseinander gehen und dann schmollend unterm Christbaum sitzen (oder in einer Bar, wer Weihnachten nicht mag). Sohn sagt:

"Vielleicht möchte der Partner aus religiösen Gründen nicht feiern, oder er hat in der Kindheit besonders schlimme Weihnachten erlebt. Die Wünsche des Partners sollte ich respektieren, daraus muss auch kein großer Streit entstehen."

Dem stimmt Neumann-Bieneck weitgehend zu. Sie fügt hinzu, dass es sogar entspannter sein kann, auch mal getrennt zu feiern, wenn sich die Vorstellungen gar nicht vereinen lassen: "Auch wenn es eine große Hürde scheint – es ist legitim, zu sagen: Mein Partner und ich haben ganz andere Vorstellungen von Weihnachten und feiern deswegen getrennt."

Ich will mit meinem Partner Weihnachten feiern – aber nicht mit seiner Familie

Mit dem Freund oder der Freundin verbringen wir gerne die Weihnachtstage. Nicht aber mit deren über-fürsorglicher Mutter, dem viel-quasselnden Vater, der verrückten Tante, dem leicht rechten Onkel und im schlimmsten Fall noch Cousins und Cousinen von A bis zum Gehtnichtmehr.

Damit das Weihnachtsfest mit der Familie des Partners nicht zur Qual wird, rät Neumann-Bieneck: mit dem Freund oder der Freundin sprechen. Und zwar rechtzeitig. Zu watson sagt sie:

"Idealerweise bespricht man die Weihnachtsplanung besonders frühzeitig, also schon im Laufe des Jahres. Ich könnte meinen Partner schon im Sommer ansprechen: 'Du, letztes Jahr Weihnachten mit deiner Familie hat mich sehr gestresst. Ich verstehe, dass du auch mit ihnen feiern willst – wie wollen wir das dieses Jahr lösen?’"

Weil wir zu Weihnachten so eingespannt sind, ist die frühe Abklärung besonders wichtig, um bei Anfrage der Familie klare Aussagen treffen zu können. "Dann kann die Verwandtschaft es einfacher akzeptieren, wenn wir zum Beispiel einen Weihnachtstag nur für uns haben möchten", meint Neumann-Bieneck.

Sohn macht deutlich, dass wir wegen der Aussicht, mit der anstrengenden Familie des Partners zu feiern, nicht verzweifeln müssen. Es gibt schließlich viele kreative Lösungen, wie sich die Feiertage verbringen lassen, sodass alle sich am Ende wohlfühlen:

"Wir können versuchen, im Jahreswechsel zu feiern – einmal mit deiner, einmal mit meiner Familie. Oder wir trommeln alle zusammen an einen Ort. Oder wir teilen die Feiertage auf, ein Tag für uns, je ein Tag für die Familien. Es gibt zahlreiche Lösungswege. Wichtig ist nur, dass wir uns als Team verstehen und nicht gegeneinander arbeiten."

Bleibt noch die Frage offen: Wie sollen wir denn darauf reagieren, wenn wir schließlich mit der Familie – der eigenen, der des Partners oder beiden zusammen – feiern und uns dann unangenehmen Kommentaren stellen müssen. Garantiert fragt die Oma, wann denn endlich die Hochzeit kommt oder ob Kinder geplant sind.

Laut Neumann-Bieneck ist die beste Reaktion auf solche Fragen: "Ganz viel Humor. Da es bei Treffen mit Verwandten sehr wahrscheinlich ist, dass solche Fragen kommen, können wir uns entsprechende und auch lustige Antworten schon im Vorfeld überlegen." So genau vorbereiten müssen wir solche Gespräche allerdings nicht, wenn Themen wie Heirat oder Kinder noch keine Rolle in der Beziehung spielen.

Ich mag das Weihnachtsgeschenk meines Partners nicht

Auf die Frage: "Was wünscht du dir zu Weihnachten?" reagieren viele Menschen bescheiden mit einem: "Ach, nichts." Manche meinen das vielleicht auch ernst. Andere hoffen trotzdem auf das teure Parfüm, das neue Smartphone oder zumindest den Wellness-Trip.

"Vielen Menschen ist es unangenehm, Geschenke-Wünsche zu formulieren", sagt Neumann-Bieneck. "Wer allerdings tatsächlich gerne beschenkt werden möchte, sollte das seinem Partner auch so mitteilen. Es muss ja auch nicht immer die große Überraschung sein."

Wenn die Geschenke nicht so ausfallen, wie vorgestellt, begeben wir uns schnell auf dünnes Eis, sagt die Therapeutin. Da könne es durchaus zu Kränkungen kommen. "Um verletzte Gefühle zu vermeiden, hilft auch hier das offene Gespräch." Wer sich allerdings zu sehr auf materielle Geschenke fixiert, sollte sich fragen, ob vielleicht ein anderes Problem dahinter steckt. Möglicherweise versuchen wir, schlechte Gefühle, wie beispielsweise mangelnde Wertschätzung, zu kompensieren.

Sohn meint, wir sollten versuchen, uns nicht so sehr auf das perfekte Weihnachtsgeschenk zu versteifen:

"Natürlich ist es traurig, wenn ich ein Geschenk bekomme, das ich nicht besonders mag. Aber ich würde das nicht allzu ernst nehmen, vor allem, wenn die Beziehung ansonsten schön und der Partner umsichtig ist."

Möglicherweise bringt der Partner über das Jahr verteilt kleine Geschenke mit. Dann sei ein großes Weihnachtsgeschenk doch gar nicht nötig, sagt Sohn.

Auch plädiert sie dafür, sich weniger auf die Geschenke, die wir bekommen, zu fokussieren – sondern mehr auf die Geste des Schenkens: "Wir sollten auch nicht vergessen, wie viel Wert es ist, jemanden zu beschenken, anstatt selbst Geschenke zu bekommen. Jemandem anders eine Freude zu bereiten, ist oft noch schöner. Das sollen wir genießen."

Zu Weihnachten aufs Wesentliche besinnen – auch in der Beziehung

Wen Weihnachten so stresst, dass er deswegen riskiert, wegen eines eskalierenden Streits seine Beziehung zu beenden: Der sollte vielleicht erst einmal einen Gang runter schalten und noch mal überlegen, ob das Problem schon länger existiert. Vielleicht erscheint ein Konflikt auch nur besonders schlimm, weil wir uns an Weihnachten besonders viel Harmonie wünschen – und vielleicht wäre der Streit zu einem anderen Zeitpunkt eine bloße Lappalie.

Auch Sohn rät, bei Streit-Situationen erst einmal zur Ruhe zu kommen und sich zu fragen:

"Wäre es auch an jedem anderen Tag des Jahres zu Streit gekommen? Hätte ich genauso reagiert? Was ist eigentlich der reale Konflikt, den wir gerade erleben?

Wir können eine angespannte Situation relativieren, indem wir uns fragen, ob unsere Erwartungshaltung Sinn ergibt, meint die Expertin.

Insofern sollten wir Weihnachten wörtlich als Fest der Besinnlichkeit sehen – und uns darauf besinnen, was wirklich wichtig ist: das Beisammensein mit unseren liebsten Menschen.

Dr. G-Punkt über Sex und Traurigkeit

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