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An Smarties kommt zumindest in der Kindheit keiner vorbei. Bild: imago stock&people / Westend61

Green Lab

Smarties in Papier verpackt, Wasser in recycelten PET-Flaschen: Nestlé investiert immer mehr in Nachhaltigkeit – Expertin: "Papier hat nicht zwangsläufig bessere Umweltbilanz als Plastik"

Wenn man es wollte, könnte man sich den ganzen Tag ausschließlich von Nestlé-Produkten ernähren: Einen Nespresso-Kaffee zum Frühstück, eine Wagner-Pizza am Mittag, ein Maggi-Fertiggericht zum Abendessen und zwischendurch Kitkat und Mövenpick-Eis gegen den kleinen Hunger. Der schweizer Nahrungsmittelkonzern ist der größte der Welt und mit mehr als 2000 Marken in über 190 Ländern vertreten – an seinen Produkten kommt man praktisch nicht vorbei.

Insbesondere Umweltschützern schmeckte die Nestlé-Speisekarte in der Vergangenheit aber gar nicht, die Liste mit unrühmlichen Vorwürfen gegen den Konzern ist lang: Wasser, das in ohnehin wasserarmen Gebieten abgezapft und teuer verkauft wird; Gorillas, die für das Palmöl in Kitkat-Riegel sterben müssen; der Einsatz von Tierversuchen und Gentechnik.

Doch neuerdings tut sich etwas und der Konzern scheint sich vom Image des Umweltsünders lösen zu wollen. Smarties werden jetzt in umweltfreundlicher Papierverpackung verkauft, hieß es im Januar. Im Februar zum Tag der Pizza kündigte Nestlé die ersten klimaneutralen Wagner Steinofen Piccolinis an, "und setzt damit den Weg zur Klimaneutralität bis 2050 fort". Hinzu kommen Vittel-Flaschen aus recyceltem Plastik und Nespresso-Kapsel aus wiederverwendetem Aluminium. Das Ziel der Verpackungsoffensive: Bis 2025 will Nestlé 100 Prozent recycelbare oder wiederverwendbare Verpackungen einsetzen und ein Drittel weniger Neuplastik verwenden.

Bleibt die Frage: Hat Nestlé wirklich dazugelernt und ist auf dem Weg zum grünen Vorzeigeunternehmen – oder springt man eher aus Greenwashing-Gründen auf den Nachhaltigkeitszug auf? Watson hat sich die neuen Verpackungen genauer angeschaut.

Papier ist nicht gleich Papier

Beginnen wir mit den Smarties. Die bunten Schokolinsen, die früher auf keinem Kindergeburtstag fehlen durften, gibt es künftig nicht mehr in der gewohnten Papprolle mit Plastikdeckel, sondern in einem länglichen Achteck ganz aus Papier. Und die Schächtelchen mit den Mini-Smarties kommen in einer Papiertüte statt in einer solchen aus Plastik daher. "Es werden genug Bäume gepflanzt, und man kann das Material immer und immer wieder recyceln", hieß es euphorisch bei der Vorstellung der neuen Verpackung. Das Werk in Hamburg sei komplett umgestellt worden, allein hier spare man jährlich mehr als 191 Tonnen Plastik ein, weltweit sollen es mehr als 400 Tonnen sein.

Nur: Wie viel ändert sich dadurch wirklich? Die Smarties-Rollen waren ja vorher schon aus Papier – mit Ausnahme des Plastikdeckels. "Plastik lässt sich eigentlich auch gut recyceln", sagt Verpackungsexpertin Katharina Istel vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) gegenüber watson. Weil der Plastikdeckel bei der Smarties-Verpackung so klein ist, sei das aber in diesem Fall schwierig. "Von daher ist es schon eine gute Sache, wenn Nestlé jetzt auf eine reine Papierverpackung umstellt."

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Die neuen Produkte verschickt Nestlé – wenig klimafreundlich – in riesigen Paketen. Die Smartiesrolle übersteht den Versand trotz viel Füllmaterial nicht unbeschadet.

Anders könnte das bei den Smarties-Minipacks aussehen, die jetzt nicht mehr im Plastikbeutel, sondern in einer Papiertüte zusammengehalten werden. Denn so umweltfreundlich der nachwachsende Rohstoff auch wirkt – er hat nicht zwangsläufig eine bessere Umweltbilanz als Plastik, das sich ebenfalls recyceln lässt, solange es nicht aus verschiedenen Plastikarten zusammengesetzt ist. "Kunststoff hat den Vorteil, dass man in der Regel viel weniger Material braucht, um eine reißfeste Tüte herzustellen", sagt Istel. "Wenn stattdessen aus Papier eine wahnsinnig dicke Verpackung hergestellt wird, für die man viel Material braucht, hat man wahrscheinlich höhere Umweltlasten." Zumal hier durch die doppelte Verpackung ziemlich viel Verpackungsmüll für ziemlich wenig Schokolade entsteht.

Und Papier ist nicht gleich Papier: Dass ausschließlich frisches Papier verwendet wird, ist in der Lebensmittelbranche üblich, sagt Istel, weil recyceltes Papier Druckerfarbenreste abgeben könnte. Doch wo – und unter welchen Bedingungen – die Bäume für das Papier wuchsen, macht einen großen Unterschied. "Der Holzmarkt ist wahnsinnig intransparent, es gibt da auch viel Kriminalität und illegale Rodungen", sagt Istel. Wenn das Holz aus Skandinavien komme, sei das natürlich besser, als wenn Urwälder gerodet würden. Das herauszufinden, ist aber gar nicht einfach. "Wo die Zellulose, die in Deutschland verarbeitet wird, herkommt, weiß man noch ungefähr, aber ob das Holz auch von da stammt, ist oft nicht nachvollziehbar", sagt Istel.

"Nicht mehr als gesetzlicher Standard"

Woher das Papier für die Smarties-Verpackung stammt, kann Nestlé gegenüber watson nicht genau sagen: "Nestlé kauft Papier für die Smarties-Verpackungen in größeren Mengen ein. Demnach können die Anbaugebiete variieren", heißt es. Aber: Das Papier stammt aus "verantwortungsvollem Anbau" und sei entweder mit dem Forest Stewardship Council Scheme (FSC-C015022) oder The Programm for the Endorsement of Forest Certification (PEFC) zertifiziert. Wie viel des Papiers mit welchem Siegel zertifiziert ist, kann – oder will – Nestlé auf Nachfrage nicht sagen.

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Green Washing oder Green Life? Jeden Monat prüfen wir mit Experten und Laboren die Nachhaltigkeitsbemühungen großer Firmen: Willkommen im Green Lab von watson. bild: gettyimages

Dabei besteht zwischen den Siegeln ein gewaltiger Unterschied. "PEFC ist nicht mehr als gesetzlicher Standard, der Nabu unterstützt deshalb nur das FSC", sagt Istel. Die Umweltorganisation bemängelt das schwache Kontrollsystem beim PEFC-Siegel und den Pestizideinsatz – das Siegel biete keinen ökologischen Mehrwert. Auch Greenpeace fehlen bei dem Siegel unabhängige Kontrollen zum Waldschutz. Das Umweltbundesamt dagegen empfiehlt das Siegel trotz Kritik an den wenigen Kontrollen. Und auch Istel sagt: Das PEFC-Siegel ist besser als nichts.

Das Rad neu erfunden hat Nestlé mit seiner Papierverpackung aus nicht klar nachvollziehbarem Anbau also nicht. Immerhin weiß das Unternehmen das: "Papier ist eine, aber nicht die einzige Lösung für mehr Nachhaltigkeit bei Verpackungen. Daher forscht Nestlé an weiteren Alternativen, testet Refill- und Reuse-Konzepte, unterstützt Infrastrukturprojekte in der Abfallwirtschaft und investiert erheblich in lebensmitteltaugliche Rezyklate", erklärt uns das Unternehmen dazu.

"Aus Umweltsicht scheinheilig"

Denn die Smarties sind nicht das einzige Produkt, dem Nestlé ein nachhaltiges Makeover verpasst. Auch Vittel-Wasser soll ab 2022 nur noch in Flaschen aus 100 Prozent recyceltem PET verkauft werden, auf die die 0,75-Liter-Flasche trifft das schon heute zu. Eine ziemliche Kehrtwende: 2019 noch hatte Vittel von der Deutschen Umwelthilfe den wenig rühmlichen Negativpreis "Goldener Geier" für die unsinnigste Plastik-Einwegverpackung bekommen.

Eine Verbesserung ist das nun verwendete PET-Recyclat also schon. Aber: Mehrwegflaschen sind in regionalen Kreisläufen immer besser, sagt die Verpackungsexpertin. Und die Verpackung sei in diesem Fall ohnehin nicht das Entscheidende: "Nestlé karrt Wasser durch ganz Europa und redet dann über die Verpackung. Das ist aus Umweltsicht scheinheilig."

Ähnliches dürfte für die Nespresso-Kapseln gelten, die nun aus 89 Prozent wiederverwendetem Aluminium bestehen, wie Nestlé angibt. Denn egal, ob recycelt oder nicht: Ganz ohne Kapseln – und Müll – wäre Kaffee natürlich umweltfreundlicher.

Nestlé sagt: "Wir haben in Deutschland eine gut ausgebaute Sammel-, Sortier- und Recyclinginfrastruktur. Daher sind hierzulande bereits 97 Prozent unserer Verpackungen recycelbar oder wiederverwendbar." Weltweit liege man bereits bei 87 Prozent. Nur: Einwegverpackungen bleiben die meisten von ihnen trotzdem – 2017 hatte Nestlé auf Greenpeace-Anfrage angegeben, dass noch 98 Prozent der Produkte in Einwegverpackungen verpackt werden.

Fazit

Zusammenfassend könnte man wohl den Satz bemühen, der schon im Zusammenhang mit der Zertifizierung des Papiers gefallen ist: Besser als nichts ist es, dass sich Nestlé um neue Verpackungskonzepte bemüht. Schließlich kann sich nur etwas ändern, wenn sich auch große Player Gedanken um Nachhaltigkeit machen und ihre Produktion umstellen. Viele andere Unternehmen haben das aber ebenfalls längst getan – recyclebare Kaffeekapseln, Plastikverpackungen aus PET-Recyclat und plastikfreie Papierverpackungen sind wirklich keine Seltenheit mehr. Ein Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit ist Nestlé also sicher nicht – trotz in Papier abgepackter Smarties.

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